Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Panorama Keine Ahnung vom Alltag? Schülerin löst Schul-Debatte aus
Nachrichten Panorama Keine Ahnung vom Alltag? Schülerin löst Schul-Debatte aus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:23 14.01.2015
Screenshot des Tweet von Naina, der die Diskussion um Bildung ausgelöst hat.
Screenshot des Tweet von Naina, der die Diskussion um Bildung ausgelöst hat. Quelle: Screenshot twitter.com
Anzeige

Es war nur eine Kurznachricht bei Twitter doch sie verbreitete sich in Windeseile. Plötzlich ist die Meinung einer Schülerin so relevant, dass auch Politiker und Lehrerverbände darüber diskutieren. Fit in Gedichtinterpretationen, aber keine Ahnung vom wirklichen Leben? Mit ihrer Schulkritik via Twitter hat eine Schülerin aus Köln eine gesellschaftliche Debatte über Unterrichtsinhalte ausgelöst. „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“, schrieb sie als @nainablabla und traf damit offenbar einen Nerv. Ihre Kurznachricht verbreitete sich in Windeseile tausendfach im Netz und wurde zum politischen Thema. Sogar die Bundesbildungsministerin reagierte.


„Ich finde es sehr positiv, dass Naina diese Debatte angestoßen hat“, sagte Ministerin Johanna Wanka (CDU) nach Angaben ihres Sprechers in Berlin. „Ich bin dafür, in der Schule stärker Alltagsfähigkeiten zu vermitteln. Es bleibt aber wichtig, Gedichte zu lernen und zu interpretieren.“ Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) verwies auf eine Empfehlung der Kultusministerkonferenz, Verbraucherbildung an Schulen stärker in Lehrplänen zu verankern. „Die Frage ist aber auch: Wie schaffen wir das, ohne dass wir ständig von oben draufsatteln.“

Bis gestern Nachmittag wurde Nainas Twitter-Beitrag, den sie gestern gepostet hatte, 21.000 mal favorisiert und 12.000 mal geteilt. Die Meinungen der Nutzer sind durchaus gespalten. „Ich kann mit meinen Bewerbern die jetzt aus der Schule kommen nie was anfangen, weil sie von NICHTS ne Ahnung haben“, schreibt einer. Ein anderer meint: „Manche Erfahrungen muss man selber machen und Eigenverantwortung kann einem auch keiner beibringen.“

Die Lehrergewerkschaft GEW wehrt sich gegen Nainas Kritik. „Gerade in der Oberstufe lernen die Schüler, wie sie sich selbst Informationen beschaffen könnten – vor allem in Zeiten des Internets“, sagt die nordrhein-westfälische GEW-Landeschefin Dorothea Schäfer. Für den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, sind auch die Eltern in der Pflicht: Ein gewisses Maß an Alltagstauglichkeit müsse in der Familie vermittelt werden.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) sieht die Schulen im Land auf einem guten Weg. Die Verbraucherbildung habe einen hohen Stellenwert: „An ,Wipo’ – dem Fach Wirtschaft und Politik – kommt niemand vorbei.“„Warum ist denn der Tweet von @nainablabla so hochgegangen?! Ist ja nicht so, dass ich das nicht schon seit Jahren höre & selbst predige“, wundert sich ein Twitter-Nutzer. Das Phänomen, dass die Twitter-Nachricht einer unbekannten Person plötzlich die große Runde macht, erklärt Jens Vogelgesang,

Kommunikationswissenschaftler an der Uni Münster, mit dem sogenannten Netzwerk-Effekt. Nainas Follower haben die Nachricht geteilt. An irgendeiner Stelle war jemand darunter, der als eine Art Meinungsführer über ein besonders großes Netzwerk verfügt. „Das wirkt dann wie ein Beschleunigermodell“, erläutert Vogelgesang. Zusätzlich müsse der Beitrag aber auf einenbestimmten Zeitgeist oder eine gesellschaftliche Stimmung treffen, damit er auf ausreichendes Interesse stoße.

Naina hat mit ihrem Tweet jedenfalls eine Lawine ausgelöst.

Von Petra Albers