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Panorama Poetry Slam im Gefängnis: „Die Zeit bleibt einfach stehen“
Nachrichten Panorama Poetry Slam im Gefängnis: „Die Zeit bleibt einfach stehen“
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22:16 26.12.2018
Poetry-Slammerin Jessy James La Fleur (33) im Austausch mit einem Gefangenen: Sie gibt ihm Tipps, wie er seinen Text noch besser vortragen kann. Quelle: Foto: Agnieszka Krus
Hannover

Jetzt erst mal eine Kippe. Auf den Moment, der die Häftlinge zum Schweigen gebracht hat. Auf Erdem (Name geändert), der eigentlich nur über das Leben einer Kartoffel schreiben sollte. Daraus geworden ist ein berührender Text: über sein Leben, sein Scheitern, das Ausgeschlossensein. „Ich bin total ergriffen“, sagt Jessy James La Fleur. Sie leitet den Poetry-Slam-Workshop in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Hannover, an dem neben Erdem an diesem Tag fünf weitere Gefangene teilnehmen.

Zusammen sitzen sie im Restaurant des Gefängnisses – einem großen Saal, zu groß für die wenigen Menschen. Es ist die sechste JVA, in der Jessy James La Fleur – so lautet der Künstlername der 33-Jährigen – ihr Projekt „Prison Slam“ durchführt. Eine deutschlandweit einzigartige Idee. In dem fünftägigen Workshop lernen sie täglich rund drei Stunden lang in Schreibübungen das Texten von Slams. Außerdem üben sie, mit Improvisationsübungen richtig aufzutreten. Besonders wichtig: Emotionen, Mimik und Gestik.

Gefangene üben für öffentlichen Poetry-Slam

In einem Workshop in der JVA Hannover haben Gefangene gelernt, ihre Gefühle und Gedanken aufzuschreiben – und anschließend auf die Bühne zu bringen.

Das Ergebnis präsentieren die Insassen in einem öffentlichen Poetry-Slam. Nach der JVA Hannover geht Jessy James La Fleur 2019 mit ihrem Projekt in die Jugendstrafanstalt Raßnitz. Die Belgierin, die 2013 nach Deutschland zog, hat mit zwölf Jahren mit dem Rappen angefangen und kam so später zum Poetry-Slam – sie lebt von Workshops und Auftritten. „Ich liebe das Engagement, das hinter dem Poetry-Slam steckt“, sagt sie. Für die Insassen ist der Workshop ein Ausbruch aus dem tristen Gefängnisalltag. „22 Stunden Einschluss, das ist hart. Ich bin wirklich froh, da rauszukommen“, sagt Erdem. Er ist zurzeit im Transporthaus des Gefängnisses untergebracht, wo sich sonst Gefangene aufhalten, die in ein anderes Gefängnis kommen sollen. „Da bleibt die Zeit einfach stehen“, erzählt der Mann mit den dunklen Haaren, der Jogginghose und Trainingsjacke trägt.

Kurz ist die Zeit auch nach dem Vortragen seines sogenannten Slams stehen geblieben. „Du hast mehr erzählt als nur von der Kartoffel“, sagt der 44-jährige Adrian (Name geändert) und ergänzt ganz ernst: „Der Text ist sogar echt schön.“

„Knastkontext“ steht bei den Gefangenen im Vordergrund

Auch er hat sich auf das konzentriert, was ihn beschäftigt: „Knastkontext“. In seinem Slam spricht der Mann mit den dunklen, zum tiefen Zopf gebundenen Haaren wütend über seinen „abgefuckten Pillenfilm jeden Tag“. Aussagen, die in einem anderen Kontext möglicherweise Konsequenzen hätten. Hier sind sie Teil der Kunst. Geständnisse gehören dazu. Jessy James La Fleur klatscht Adrian für seinen Text ab: „Genau das ist der Inbegriff von Spoken Word. Du öffnest dein Herz.“ Für sie spielt es keine Rolle, ob die Gefangenen im großen Stil Marihuana angebaut haben wie Adrian oder für andere Straftaten im Gefängnis sitzen. „Ich will ihnen zeigen, was sie machen können, wenn sie wieder draußen sind“, sagt Jessy James La Fleur. Sie habe sich gefragt, was man tun könne, damit die Gefangenen nicht wieder rückfällig werden – und dann dieses Projekt entwickelt.

Da sind nicht nur Adrian und Erdem, der sich „mit den falschen Leuten angelegt“ hat. Marcel sitzt insgesamt schon acht Jahre im Gefängnis. Der 27-jährige Max, der aussieht wie der nette Junge von nebenan, ist wegen Computerbetrugs für mehrere Jahre in Haft. Sie alle haben Träume – den schwer kranken Papa wiedersehen, eine neue Liebe finden oder mal auf einer Bühne stehen. Ein Teilnehmer aus einem anderen Gefängnis hatte nach seiner Entlassung sogar mal einen Auftritt, sagt Jessy James La Fleur.

Drei Fragen an eine Gefängnispsychologin

Sind Angebote wie ein Poetry-Slam-Workshop im Gefängnis mehr zur Unterhaltung der Gefangenen da oder auch zur Resozialisierung?

Der Begriff Resozialisierung ist sehr schwierig, aber in so einem Workshop dürfen die Gefangenen auch Mensch sein, sie zeigen sich in einem anderen Licht. Es passiert zum Beispiel, dass einer, der sonst sehr affektarm ist, plötzlich Emotionen zeigt. Hier werden die Männer gehört und können Sachen sagen, die sie sonst nicht sagen dürfen.

Wie unterscheidet sich das von psychologischen Angeboten im Gefängnis?

Da kommen wir mit unseren Gesprächsgruppen nicht hin. Wir haben Gruppen zu verschiedenen Themen, zum Beispiel für Drogenabhängige. Aber der Zwangskontext, dass die Gefangenen in die Gruppen müssen, macht es schwieriger als in einem Workshop, an dem sie freiwillig teilnehmen.

Was ist das Schwierigste am Job als Gefängnispsychologin?

Wir haben auch Mörder und Vergewaltiger hier, aber die Aufgabe als Psychologe im Gefängnis ist es, den Menschen von der Tat getrennt zu sehen. Wenn man Kinder hat, ist das besonders schwer bei Gefangenen, die wegen sexuellem Missbrauch hier sind. Aber man darf nicht primär das Delikt sehen, sondern muss schauen, woran man arbeiten kann. Es soll darum gehen, dass die irgendwann wieder im Leben ankommen.

„Das Gefängnis ist wie eine Parallelwelt, es ist wichtig, die Geschichten da herauszuholen“, sagt sie. Für manche ist der Workshop eine Art Therapie: „Ich bin angeeckt und fühle mich zum Teil falsch verstanden. Jetzt zeige ich meine wahre Persönlichkeit“, sagt der Gefangene Adrian.

„Keiner hat hier erst mal Bock, Gefühle zu zeigen“, sagt Jessy James La Fleur. Es sei wichtig, ein Gruppengefühl herzustellen. Das klappt. Man merkt es an der Stille nach Erdems Slam und dem Beifall nach Adrians Text. Und daran, dass die Männer sich öffnen. „Ich bin zum elften Mal im Knast, insgesamt schon sieben Jahre“, sagt Adrian. Immer wieder sei er in alte Muster zurückgefallen, die wolle er bei seiner nächsten Freilassung durchbrechen: „Ich will sofort in eine andere Stadt ziehen.“ Damit er in Hannover nicht direkt wieder „zur nächsten Junkie-Freundin“ renne. Bis dahin dauert es noch. Jetzt erst mal ein letzter Zug an der Zigarette, dann geht es zurück in die Zelle.

Von Hannah Scheiwe