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Panorama Psychotherapeut zu Gruppenvergewaltigung in Mülheim: Täter sind „emotional verwahrlost“
Nachrichten Panorama Psychotherapeut zu Gruppenvergewaltigung in Mülheim: Täter sind „emotional verwahrlost“
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15:36 08.07.2019
In der Nähe dieses Gebüsches, das am Radschnellweg liegt, soll eine junge Frau von einer Gruppe Jugendlicher überfallen und sexuell missbraucht worden sein. Quelle: Roland Weihrauch/dpa
Hannover/Mülheim

In Mülheim sollen fünf Kinder und Jugendliche, darunter zwei Zwölfjährige und drei 14-Jährige, eine junge Frau (18) in einem Gebüsch vergewaltigt haben. Sie gelten als dringend tatverdächtig, sind aber wieder auf freiem Fuß, während die Ermittlungen laufen. Zwei von ihnen sind noch nicht mal strafmündig.

Es ist nicht die erste Gruppenvergewaltigung, die in den vergangenen Jahren für Aufmerksamkeit sorgte: Vergangenes Jahr war unter anderem ein Fall aus Velbert in den Medien, in dem acht Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren eine 13-Jährige sexuell missbrauchten. Doch wie entstehen solche Gruppendynamiken, die schlussendlich zu so einer grausamen Tat führen?

Psychotherapeut Lüdke: Oft ein Haupttäter und viele Mitläufer

Laut Christian Lüdke, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Experte für Täterverhalten, gibt es fast immer einen Haupttäter. „Es gibt meist ein Gruppenmitglied mit erhöhter krimineller Energie oder einer psychischen Krankheit und diese Energie reicht aus, um die anderen zu infizieren und manipulieren“, sagt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Die Mittäter verlören in dieser Dynamik mehr und mehr die Kontrolle. „Sie wissen, dass es nicht in Ordnung ist, was sie machen, aber denken, dass wenn die anderen auch mitmachen, es ja nicht so schlimm sein kann.“ Manche würden auch aus Angst mitmachen, sonst selbst zum Opfer zu werden.

Im Video: Frau in Mülheim vergewaltigt – Ermittlungen gehen weiter

Grund für die Kriminalität solcher jungen Gruppentäter sei fast immer der Wunsch nach Aufmerksamkeit, so Lüdke. Er attestiert den jungen (Haupt-)Tätern in der Regel eine Bindungsstörung. „Die sind emotional verwahrlost und handeln oft nach dem Motto: Wenn ich schon nicht geliebt werde, will ich wenigstens gehasst werden“, sagt der Psychotherapeut.

Er sieht die Ursachen dafür im Aufwachsen in der Familie. Die Entwicklung gehe oft über Jahre: Während kleine Kinder Sachen fallen ließen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, würde später dann von zu Hause abgehauen, geklaut, Essstörungen entwickelt und ähnliches – und im schlimmsten Falle stehe am Ende eine Tat wie in Mülheim.

Gruppentat wird oft auch als Wettbewerb gesehen

„Durch die unglaubliche Demütigung, die sie dem Opfer antun, stärken sie ihr Gefühl von Macht und Kontrolle“, sagt Lüdke über die Gruppenvergewaltigung. Außerdem werde die Tat oft auch als Wettbewerb gesehen. Kein Wunder also, dass die Täter ihre Tat oft auch filmen.

Auch in Mülheim soll die Gruppe die Tat laut „Bild“-Zeitung mit Handys gefilmt haben, die Polizei hat das bisher nicht bestätigt. Jedoch würde es laut Psychotherapeut Lüdke in das Tatbild passen: „Dadurch verlängern die Täter ihren Tatrausch und ihr Machtgefühl“, sagt er. „Und es wird auch als eine Art Trophäe gesehen.“

Lüdke plädiert für härtere Strafen für die jungen Täter. „Die Täter werden oft festgenommen, gleich wieder freigelassen, dann ist irgendwann Monate später der Prozess und die Verurteilung wird oft als Freispruch zweiter Klasse gesehen“, sagt der Psychotherapeut. „Die lachen sich tot über die Strafe.“

Im seltensten Fall stehe am Ende so eines Prozesses eine längere Haftstrafe. Durch härtere Strafen sieht er eine höhere Chance, dass die Jugendlichen ihr Handeln überdenken. So würde er sich auch für eine frühere Strafmündigkeit einsetzen. „Schon mit sieben Jahren entwickelt sich bei Kindern ein Unrechtsbewusstsein“, erklärt er.

Keine guten Prognosen für junge Haupttäter

Die Chancen, dass Täter wie die aus Mülheim – speziell die mutmaßlichen Haupttäter – daraus lernen, sieht Lüdke eher gering. „Die sind meist schwer zu therapieren.“ Resozialisierung sei nur möglich, wenn die Kinder oder Jugendlichen schon mal sozialisiert gewesen seien und Regeln gelernt hätten.

Habe ein Kind in einer Familie nie Regeln gelernt und immer nach seinen eigenen Regeln gelebt, fehle oft die Einsicht in das Fehlverhalten und der Leidensdruck, also beispielsweise das schlechte Gewissen, sei nicht vorhanden.

„Die gehen zum Teil mit Daumen hoch aus dem Gerichtssaal heraus“, sagt Lüdke. Laut „Bild“-Zeitung soll der mutmaßliche Haupttäter aus Mülheim tatsächlich nach seiner Entlassung nach der Vernehmung winkend die Polizeiwache verlassen haben.

Von RND/hsc

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