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Panorama Klatsch ist wichtig – aber wann wird Lästern zu Mobbing?
Nachrichten Panorama Klatsch ist wichtig – aber wann wird Lästern zu Mobbing?
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12:00 04.05.2019
Mehr als ein Drittel der Zeit, die wir miteinander sprechen, reden wir über Personen, die nicht anwesend sind.
Mehr als ein Drittel der Zeit, die wir miteinander sprechen, reden wir über Personen, die nicht anwesend sind. Quelle: Fotolia
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Hannover

Das Gespräch beginnt mit einem Einleitungssatz. „Du weißt, dass ich sie ganz gern mag“, sagt die eine zur anderen. Dann folgt das Aber – und damit das Lästern. Der Tratsch. Der Klatsch. Die Bekannte, über die nun geredet wird, zeigt offenbar bisweilen zu wenig Empathie.

Als es der Mutter gesundheitlich schlecht ging, sei sie trotzdem mit ihrem neuen Freund in den Urlaub geflogen, raunt die eine. Und als sich eine gemeinsame Freundin von ihrem Partner trennte, habe es von ihr nur blöde Sprüche über Männer statt tröstender Worte gegeben, empört sich die andere.

Danach nimmt die Unterhaltung, die irgendwo in einem Zugabteil in Deutschland geführt wird, noch etwas an Fahrt auf und mündet in weitere kritische Anekdoten. Der routinierte Finalsatz „Das bleibt aber unter uns“ darf als chiffrierte Aufforderung zum Weitertratschen verstanden werden. Einzige Bedingung: bitte ohne Quellenangabe.

Menschen lästern – tagein, tagaus

Mehr als ein Drittel der Zeit, die wir miteinander sprechen, reden wir über Personen, die nicht anwesend sind. Das fand der Psychologe Robin Dunbar von der University of Liverpool bereits 1997 heraus. Seitdem hat er immer wieder fremde Gespräche belauscht. Manche würden sagen: ein Traumjob.

An seinem Befund von vor mehr als 20 Jahren hat sich nichts geändert, egal ob die Belauschten männlich oder weiblich, alt oder jung waren. In Dörfern wird übrigens mehr getratscht als in der Stadt, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid ergab.

Menschen lästern – tagein, tagaus. Viele von uns tun dies überaus gern. Mitunter ist es uns nicht einmal mehr bewusst, dass wir Gerüchten Nahrung geben, in Windeseile sogar. Denn mittlerweile wird auf allen möglichen Kanälen geschwatzt und gezwitschert.

Klatsch im Internet kennt kein Ablaufdatum

Der geschriebene Klatsch im Internet kennt kein Ablaufdatum, er bleibt stehen – sichtbar für die Betroffenen. Dagegen wirkt die Lästerei von Angesicht zu Angesicht geradezu harmlos und fast sogar ein bisschen mutig. Denn wer online tratscht, der kann nicht durch Gesten seine Aussagen einordnen oder von einem Gegenüber unmittelbar in die Schranken verwiesen werden.

Nicht umsonst ist Facebook die größte Lästerhöhle der Welt. Spätestens dort zeigt sich, dass das Lästern unbedingt Grenzen braucht. Überschreitungen enden in Rufschädigung oder Mobbing. „Wenn alle Menschen wüssten, was die einen über die anderen reden, gäbe es keine vier Freunde auf Erden“, sagte einst der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal. Er hat wahrscheinlich recht.

Lästern ist gesellschaftlicher Klebstoff

Und doch dient das Lästern einem höheren Zweck. Das mag beim alltäglichen Gespräch in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Kaffeerunde nicht unbedingt auffallen. Aber zu lästern vereint, vom gesellschaftlichen Klebstoff ist die Rede.

Über andere zu tratschen kann nicht nur unglaublich unterhaltsam und sogar spaßig sein, es schafft Vertrauen in einer Gruppe und stärkt das eigene Selbstwertgefühl. So hat eine niederländische Studie mit mehr als 300 jungen Erwachsenen ergeben, dass Menschen gern Klatsch hören, um sich selbst besser einschätzen zu können.

Wenn also Mitarbeiter im Kantinengespräch den abwesenden Chef für seinen sprunghaften Führungsstil kritisieren, kann das mehrere Effekte haben. Es dient nicht nur dem eigenen Frustabbau, sondern hilft zudem, die persönliche Arbeitsweise zu überprüfen – und dabei kommt vielleicht heraus, dass nicht nur der Chef chaotisch arbeitet. Vielleicht ist man ja selbst eher chaotisch.

Wer mitlästert, ist mittendrin statt nur dabei

Die vermeintliche Managermacke kann dazu beitragen, dass sich real Dinge im Büro ändern, weil man in der Lästerrunde in Wirklichkeit mehr über sich erfahren hat als über den Chef.

Zweifellos fördert jede redelustige Runde den Zusammenhalt der direkt Beteiligten. Tratschen verbindet. Zu diesem Ergebnis ist auch der Psychologe Robin Dunbar in einer seiner Abhandlungen gekommen. Seiner Meinung nach fällt es Menschen, die nicht oder nur selten lästern, schwerer, Freundschaften zu schließen.

Wer mitlästert, ist eben mittendrin statt nur dabei. Und er signalisiert: Ich halte dich für so vertrauenswürdig, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass du diese Gemeinheiten weitergibst. Jedenfalls nicht in Verbindung mit meinem Namen – „das bleibt aber unter uns“.

Die Spur führt zum Waschen: Der Ausdruck „Klatsch“ entstand einst beim Wäsche klatschen. Quelle: Delius/Leemage/Imago

Solches Gerede ist kein Phänomen der Neuzeit, bereits Abel dürfte über seinen Bruder Kain in weiser Voraussicht kein gutes Haar gelassen haben. Gelästert wurde immer – allein schon, um manch überlebenswichtige Information auszutauschen. Der Forscher Jan Engelmann nennt es eine moderne Form der Fellpflege.

Er und seine Kollegen haben in einem Experiment am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig vor ein paar Jahren nachgewiesen, dass bereits Fünfjährige ihr eigenes Image pflegen und durch Tratschen auch beeinflussen, wie Menschen von anderen wahrgenommen werden: „Fünfjährige gaben spontan und wertend Auskunft über das vergangene Verhalten des Spielpartners, um einem anderen Kind bei der Auswahl eines geeigneten Spielpartners weiterzuhelfen.“

Der Schmutz anderer Leute

Lästern hat eine lange Tradition, seit Menschheitsgedenken. Ein eigenes Wort für den Begriff fand sich erstmals im Mittelalter, als Frauen auf den Waschplätzen die Kleider auf die Steine klatschten und Geheimnisse austauschten, indem sie sich mit dem Schmutz anderer Leute beschäftigten, sagt Birgit Althans, Professorin für Pädagogik an der Leuphana-Universität Lüneburg. Sie ist sich sicher: „Frauen haben den Klatsch hemmungslos genossen.“

Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass Männer nicht auch tratschen. Nur anders. Sie mussten in den mittelalterlichen Runden sensibler vorgehen, so Althans. Dort, wo sich das Kreditwesen entwickelte, konnte üble Nachrede oder ausgiebiges Getratsche teuer werden. Männer hätten seit Jahrhunderten gelernt, das Reden über andere zu verbergen, auch in ihren Gesten.

Ausgiebige Tratscherei kann dazu dienen, schnell möglichst viel über jemanden zu erfahren. Informationen, die helfen. Der Vater, der immer unzuverlässig und unpünktlich die Kinder von Geburtstagspartys abholt, ist weniger für den Fahrdienst geeignet. Vielleicht besser Kuchenbacken? Und wer den Ruf hat, kompliziert zu erklären, sollte die Finger von der Mathenachhilfe lassen. Von jemandem, der angeblich boshaft oder hinterhältig ist, hält man sich lieber gleich fern, bevor man die erste schmerzhafte Erfahrung macht.

Klatsch darf keine Einbahnstraße sein

Zu wissen, dass innerhalb von Cliquen oder Bürogemeinschaften getratscht wird, kann sogar das Miteinander verbessern. Wer will schon als egoistisch oder faul gelten? Zu lästern und zu wissen, dass andere lästern könnten, macht Menschen bewusst, dass sie einen Ruf zu verlieren haben.

Vor allem Leute, die durch ihren Beruf in der Öffentlichkeit stehen, sind darauf angewiesen, dass ihre Reputation nicht leidet. Ist der Ruf erst einmal ruiniert, ist es ungeheuer schwer, ihn wieder positiv aufzubauen. Klatsch darf deshalb keine Einbahnstraße sein.

Nehmen wir an, der unzuverlässige Vater hat im Zuge seiner Scheidung eine Therapie gemacht, bei der er auch an seiner Unpünktlichkeit gearbeitet hat. Seitdem kommt er nie wieder zu spät zum Abholen. Nur – wissen das jetzt auch die anderen Eltern? Auch darüber sollte geredet werden.

Ein Türchen für positive Nachrichten offen lassen

So wichtig das Tratschen für den sozialen Zusammenhalt sein kann, es handelt sich dennoch um eine Form der Kommunikation, die immer mit Vorsicht zu genießen ist. Jede negative Äußerung kann ein Angriff auf eine andere Person sein. Während man selbst soziales Ansehen genießt, sinkt das des Lästeropfers permanent. Bis schließlich eine vollständige Isolation stattfindet. Das ist vor allem dann der Fall, wenn Lästereien zu Mobbing werden. Oder wenn Gerede bewusst manipulativ zu den eigenen Gunsten eingesetzt wird.

Kehren wir noch einmal in die Bahn zurück, wir belauschen die Frauen beim Gespräch. Wäre es nicht schön, wenn sie zur Abwechslung darüber reden würden, dass sich die Person, die im Zentrum ihrer Lästerei steht, in der Vergangenheit durchaus mal um einen Menschen liebevoll gekümmert hat? Dass sie vielleicht nur deshalb blöde Sprüche über Männer macht, weil sie selbst so häufig von ihren Beziehungen enttäuscht wurde?

Wer über andere redet, kann ja auch immer ein Türchen für positive Nachrichten offen lassen. Es ist einen Gedanken wert: Mögen wir die Ziele unserer Lästerei vielleicht viel lieber, als wir es uns je eingestehen würden?

Von Heike Manssen