Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Politik im Norden „Die Brutalität ist manchmal unvorstellbar“
Nachrichten Politik Politik im Norden „Die Brutalität ist manchmal unvorstellbar“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:41 15.11.2018
Ein gewalttätiger Mann schlägt bei einer Demonstration in Lübeck einen Polizeibeamten nieder. Nirgendwo im Land kommt es zu so vielen Angriffen auf Beamte wie in der Hansestadt.
Ein gewalttätiger Mann schlägt bei einer Demonstration in Lübeck einen Polizeibeamten nieder. Nirgendwo im Land kommt es zu so vielen Angriffen auf Beamte wie in der Hansestadt. Quelle: Carsten Rehder/dpa
Anzeige
Lübeck

Nirgendwo im Land werden so viele Polizisten von Gewalttätern angegriffen wie in Lübeck. 300 Straftaten gegen ihre Beamten hat die Polizeidirektion 2017 registriert. 80 Kolleginnen und Kollegen werden hier im Schnitt pro Jahr im Dienst verletzt. Und das, obwohl die Kriminalität insgesamt seit Jahren sinkt. Eine Studie soll ermitteln, woher die Gewalt kommt. Eine Polizeibeamtin erklärt, was diese Gewalt mit den Beamten macht.

Die erste Verletzung nach drei Wochen im Dienst als Polizistin

Julia Engewald ist 41 Jahre alt. 20 Jahre davon ist sie schon Polizistin. Hauptkommissarin. Dienstort Lübeck, Innenstadt. Zweites Revier. Ihre Eltern: „Alt-68er-Hippies“, sagt Engewald und lacht. Dass ihre Tochter nach dem Abitur unbedingt Polizistin werden wollte, „wegen meines Gerechtigkeitsempfindens“, hatte die Eltern damals nicht wirklich gefreut. Klar, dass es Gewalt in ihrer Erziehung nie gegeben hat. Und irgendwie sei auch sie daher davon ausgegangen, dass es schon klappen werde, Recht und Gesetz durchzusetzen, „ohne jemandem ernsthaft wehzutun“.

Die Illusion hielt genau drei Wochen. Da hatte sie als junge Praktikantin im Einsatz das erste Mal einen übel verstauchten Fuß. Ein Mann war gegenüber seiner Ehefrau gewalttätig geworden. Die Beamten geleiteten ihn durchs Treppenhaus nach draußen. Dann plötzlich ein Tritt. Kurz darauf „habe ich bei einer Durchsuchung nicht aufgepasst“. Ein junger Mann muss abgetastet werden. Zunächst stand er noch wie angeordnet recht friedlich an eine Wand gelehnt. Dann schoss plötzlich sein Ellenbogen nach hinten. „Mein Jochbein war geprellt“, sagt Julia Engewald.

Von der Justiz fühlte sich die Polizistin allein gelassen

So ging es los. Und seither habe es nicht mehr aufgehört. Dass sie vor drei Jahren ihren Finger nach dem Biss eines Mannes nicht verloren hat, habe sie nur dem Umstand zu verdanken, dass sie ihre Dienst-Handschuhe getragen habe. Dass der Biss keine schlimmen Folgen hatte, sei dann allerdings der Grund dafür gewesen, dass das Gericht das Verfahren gegen den Angreifer eingestellt habe. „Das hat mich unglaublich getroffen“, sagt Julia Engewald.

Durch all diese Gewalt-Erfahrungen wird die „Quote, richtig zu reagieren“ während der Dienstzeit höher, sagt die Polizistin. Man müsse lernen, vorausschauen zu können, wie ein Gegenüber auf eine Ansprache reagiere, welche Herangehensweise die beste und wie der Mensch überhaupt zu erreichen sei.

Im Dienst angegriffen

Landesweit wurden im vergangenen Jahr 1307 Attacken gegen Polizeibeamte gezählt, so weist es ein interner Fachreport laut Kieler Innenministerium aus. Die Daten basieren auf Zahlen des Vorgangsbearbeitungssystems „artus“. 2016 gab es demnach 1268 Angriffe. Im Jahr 2017 waren 2607 Beamte betroffen, 164 mehr als 2016. Zumeist habe es sich um Widerstandshandlungen und Rohheitsdelikte gehandelt, heißt es. An insgesamt 414 Tagen fehlten Beamte demnach, weil sie danach aufgrund einer Verletzung dienstunfähig waren. 679 Mal erstatteten Polizisten Strafanzeige wegen Widerstandshandlungen. 431 Mal zeigten Polizisten Körperverletzungen im Dienst an.

Weniger wird die Gewalt selber dadurch nicht. Beschimpfungen und Beleidigungen unglaublichster Art, infernalisches Brüllen, Drohungen, Tritte, bespuckt werden: „Es ist nicht leicht, dass nicht auf sich persönlich, sondern auf seine Rolle als Polizistin zu beziehen.“ Die Brutalität, der sie gegenüberstehe, sei manchmal unvorstellbar. Und trotzdem bleibe sie gerne Polizeibeamtin, sagt Julia Engewald – „weil wir unseren Beruf aus Überzeugung ausüben“. Für Gerechtigkeit sorgen, sei immer noch ihr Motiv. Und sie versucht sogar, die Gegenseite zu verstehen: „Viele, denen wir begegnen, haben in ihrem Leben schreckliche Dinge erlebt, die ihre Reaktionen für uns unvorhersehbar machen.“

„Kein Kollege hat Spaß daran, selber Gewalt auszuüben“

Mehr Unterstützung durch die Politik und weniger Vorverurteilungen nach Einsätzen durch die Öffentlichkeit würde sie sich aber wünschen. „Kritische Fragen stellen wir uns selber“, sagt die Polizistin. Zum Beispiel, wenn es bei einem Einsatz wie jüngst in Bad Oldesloe zu tödlichen Schüssen gekommen ist. Sie habe in den 20 Jahren zudem noch keinen Kollegen getroffen, der Spaß daran habe, selber Gewalt auszuüben. „Man ist einfach nur froh, wenn man die Situation überstanden hat.“ Und wenn man heil heraus gekommen ist. Wenn sie selber zum Beispiel wieder bei ihren beiden Kindern und ihrer Familie zu Haus ist.

Im nächsten Sommer will die Lübecker Polizei die Ergebnisse ihrer Studie über Gewalt gegen die Kollegen vorlegen. Untersucht werde zum Beispiel, ob es bestimmte Lokalitäten und Veranstaltungen gibt, die Travemünder Woche oder Fußballspiele etwa, bei denen es zu Gewalttaten kommt. Auch was Polizisten erleben und wie Bürger das empfinden, werde abgefragt, heißt es.

Gewerkschaftschef: „Die Gewalt greift in den Alltag über“

Ob das am Ende reicht, um die Ursachen für die Gewalt herauszufinden, ist selbst unter Polizisten umstritten. Er würde sich endlich auch eine Täter-Studie wünschen, sagt Oliver Malchow, lange Jahre Polizist in Schleswig-Holstein und jetzt Bundesvorsitzender der Polizeigewerkschaft GdP. Wer sind die Täter? Und was sagen sie selber, wie es zu der Gewalttat kam? Es sei in jedem Fall Zeit zu handeln. Denn eine Erkenntnis aus seiner bisherigen Beobachtung hält der GdP-Chef für sicher: Es seien nicht mehr nur klassische Konfliktsituationen, in denen Polizisten angegriffen werden, bei Demonstrationen etwa oder Durchsuchungsaktionen. Die Gewalt könne die Beamten jetzt jederzeit auch in Alltagssituationen treffen, sagt Malchow, sie greife regelrecht „in den Alltag über“.

Wolfram Hammer