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Politik im Norden Minister Müller: „Ein Euro mehr pro Jeans hilft der Näherin in Bangladesh“
Nachrichten Politik Politik im Norden Minister Müller: „Ein Euro mehr pro Jeans hilft der Näherin in Bangladesh“
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22:57 24.06.2015
Quelle: dpa
Berlin

Lübecker Nachrichten: Herr Müller, weltweit gibt es über 60 Millionen Flüchtlinge. Ist die bisherige Entwicklungspolitik gescheitert?
Gerd Müller: Wir sehen in den letzten zwei Jahren dramatische Zuspitzungen, allein 15 neue Krisen- und Kriegsgebiete, etwa Burundi oder Jemen. Das hat die Lage drastisch verschärft.
LN: Trotz der Milliarden Euro und Dollar, die jedes Jahr für Entwicklung ausgegeben werden?
Müller: Ohne Entwicklungszusammenarbeit würde es viele Erfolge nicht geben, und die Probleme wären vielfach größer. Insgesamt ist die Welt heute nämlich besser als vor 30 Jahren.
LN: Eine kühne These.
Müller: Die ich anhand konkreter Zahlen und Fakten belegen kann. Der Anteil der Armen konnte in den vergangenen 15 Jahren um 50 Prozent verringert werden, auch die Mutter-Kind-Sterblichkeit ist um die Hälfte zurückgegangen. 90 Prozent der Kinder weltweit erhalten eine Grundbildung. Auch bei der Gesundheitsvorsorge wurden große Erfolge erzielt: In den vergangenen zehn Jahren konnten durch internationales Zusammenwirken 500 Millionen Kinder geimpft werden. Kinderlähmung ist auch in Afrika und Indien nahezu verschwunden. TBC und Masern konnten zurückgedrängt werden.

LN: Ist dennoch Afrika der Problemkontinent?
Müller: Die Situation ist differenzierter. Afrika – 100 Mal größer als Deutschland und mit allein 54 Staaten – ist ein Kontinent mit enormen Potenzialen, enormen Rohstoffvorkommen. Ein Drittel der Staaten sind Aufsteiger mit großem Wachstum, aber ein Drittel ist fragil mit schwierigen wirtschaftlichen, sozialen, ethnischen und religiösen Problemen. Zugleich ist Afrika ein junger Kontinent, der in 40 Jahren seine Einwohnerzahl von einer auf zwei Milliarden Menschen verdoppeln wird. Wir müssen Afrika als Herausforderung und als Chance begreifen.
LN: Ist es nicht zugleich der Kontinent, der am meisten von Europa, von den Industrieländern ausgebeutet wird?
Müller: Unser Wohlstand baut ganz erheblich auf der Ausbeutung und Nutzung afrikanischer Ressourcen auf. Seien es Öl, Mineralien, Kaffee, Kautschuk und anderes. Die effektivste Entwicklungspolitik ist die Gestaltung eines fairen Handels, fairer Partnerschaft, fairen Teilens. Das heißt, am Anfang der Wertschöpfungsketten müssen wir gerechte Preise bezahlen für die Ressourcen, die wir nutzen. Ohne Coltan aus dem Kongo funktioniert kein Handy. Aber wenn man die schlimmen Zustände in den Bergwerken im Kongo sieht, stellt sich die Frage: Wie können wir das verantworten?
LN: Dann sollten Sie Ross und Reiter nennen, welcher Konzern mit korrupten Regimen kooperiert.
Müller: Die G7 haben das Thema fairer Handel, Lieferketten gerecht gestalten, auf die Tagesordnung gesetzt. Diese Vorgaben gilt es jetzt abzuarbeiten.Wir haben jetzt in Deutschland begonnen mit der Lieferkette Textil mit engagierter Beteiligung der Wirtschaft. Wir brauchen vom Baumwollfeld bis zum Kleiderbügel existenzsichernde Löhne.
LN: Was heißt das genau?
Müller: Die Näherin in Bangladesh bekommt 20 Cent Stundenlohn. Obwohl sie sechs Tage die Woche 16 Stunden pro Tag arbeitet, kann sie ihre Familie kaum ernähren. Wenn in Deutschland die Jeans nur ein Euro teurer wäre, würde es auch für die Näherin reichen. Oder wenn die Tafel Schokolade, die bei uns beim Discounter 39 Cent kostet, nur zwei Cent teurer wäre, könnten auf den Kakao-Plantagen in Westafrika existenzsichernde Löhne gezahlt werden.

LN: Zu den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer nach Europa kommen. Hat sich West-Europa zumindest darauf geeinigt, dass keiner mehr ersaufen soll?
Müller: Das Mittelmeer darf kein Meer des Todes sein. Ich finde es richtig, dass die Seenotrettung wieder aufgenommen wurde. Wichtig ist auch, dass wir für Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten in Syrien und im Irak in den vergangenen 18 Monaten 150 Projekte im Wert von 650 Millionen Euro umgesetzt haben. Die Hilfe ging vor allem nach Jordanien und in den Libanon, die die meisten Flüchtlinge aufgenommen haben. So können zum Beispiel im Libanon 80<TH>000 Kinder dank deutscher Unterstützung zur Schule gehen. Wenn wir solche Hilfen nicht geleistet hätten, wären Tausende Flüchtlinge mehr aus purer Ausweglosigkeit zu uns gekommen.

Interview: Reinhard Zweigler