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Politik im Norden Nachfolgefragen im Norden: Habeck geht, Stegner auch?
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10:32 02.09.2018
Robert Habeck (links) und Ralf Stegner. Quelle: dpa (2)
Kiel

Der politische Wechsel ist eine Kunstform für sich. Nicht alle beherrschen sie. Auch in der Politik überschätzen manch verdiente Männer und Frauen ihre Karriere-Laufzeit, verpassen den rechten Abgang. Helmut Kohl und Heide Simonis sind traurige Beispiele.

In Schleswig-Holstein schickt sich SPD-Chef Ralf Stegner an, es besser zu machen. Nachdem die junge Serpil Midyatli am vergangenen Wochenende verkündet hatte, im März notfalls auch gegen ihn antreten zu wollen, wirkte er nur ein paar Tage lang zerknirscht. Mittlerweile spricht er in Interviews so locker und gelöst über die „tolle Kandidatin“, dass wohl wirklich niemand mehr daran glauben mag, dass ihre Kandidatur nicht von ihm mit eingefädelt worden ist. Man darf jetzt stündlich mit seiner Ankündigung rechnen, dass er im März gar nicht erst erneut antreten werde.

Zwölf Amtsjahre sind ja auch eine lange Zeit. Stegners Abschied als SPD-Chef wird eine Zäsur werden, für die öffentliche Debatte vor allem. Kaum sonst ein Politiker polarisiert so sehr wie er. Freunde halten ihn für den Lordsiegelbewahrer einer sozialen SPD, Gegner machen ihn auch gern mal allein für das ganze Elend der Partei oder gar des ganzen Landes verantwortlich. Da hat Serpil Midyatli gute Chancen, besser anzukommen. Ob Stegners politische Ziehtochter die SPD auch inhaltlich voranbringt, steht bislang in den Sternen.

Dass Stegner trotzdem in Berlin bei der Bundes-SPD weitermacht, darf man erwarten. Dort wird er immer öfter auf Robert Habeck treffen, der sich in der vergangenen Woche ebenfalls aus Kiel verabschiedete. Der Mann, der von sich vor Jahren in Interviews auch schon mal als „Projekt Robert“ sprach, zündet als Bundes-Grünen-Chef die nächste Raketenstufe seiner Karriere. Die Trauer der Nord-Grünen trieb wilde Blüten. „Danke Robert“-Plakate schmückten die Festzelte diverser Abschieds-Partys. So viel Personenkult war bei dieser Partei selten. Andererseits fliegen jetzt die Träume seiner Anhänger hoch und höher. Die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl ist ihrem „Robert“ wohl eh nicht mehr zu nehmen. Aber dann? Minister, erster grüner Kanzler... Man hält fast alles für möglich.

Der dritte aus dem Norden im Berliner Bunde wird Daniel Günther sein, zunächst auch ganz ohne Abschied aus seinem Bundesland. Der junge Ministerpräsident hat sich mit seinem liberalen Anti-CSU-Kurs in seiner Union binnen Monaten weit nach oben katapultiert, wird von manchem schon als veritabler Kanzlerkandidat gehandelt. Wessen Blütenträume dann am Ende reifen, wird man sehen. Dass der Norden mit drei so stark wahrnehmbaren Politikern im Bund vertreten ist, wird jedenfalls nicht zu seinem Schaden sein.

Von Wolfram Hammer