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Politik im Rest der Welt Beim Besuch aus Deutschland offenbart sich die Angst der Afghanen
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13:53 11.03.2019
„Ich glaube, dass es richtig ist, dieses Mandat zu verlängern“: Außenminister Heiko Maas frühstückt am Montagmorgen mit den Soldaten in Masar-e-Scharif. Quelle: dpa
Masar-e-Scharif

Ein kniender Bundeswehrsoldat überreicht einem Jungen einen herzförmigen Ballon. Ein Paar – er trägt Turban, sie Burka – spaziert unter dem Schutz eines schwarz-rot-gelben Schirms. Eine Hand entlässt eine Taube in die Freiheit – ihr einer Flügel hat die Farben der deutschen, der andere jene der afghanischen Flagge. Es sind Szenen, die eine stacheldrahtbewehrte Mauer im Feldlager der Bundeswehr im Norden Afghanistans zieren. Vier junge afghanische Frauen haben sie dorthin gemalt.

Gemeinsam mit dem deutschen Außenminister enthüllen die Künstlerinnen an diesem Montagmorgen die Plakette der „East Side Gallery“ von Masar-e-Scharif. Bilder werden geknipst, Hände geschüttelt. Zum Abschied ruft Heiko Maas den Afghaninnen zu: „Geben Sie das, was Sie erkämpft haben für die Rechte von Frauen, nicht aus der Hand.“

Heiko Maas erstmals als Außenminister in Afghanistan

Maas ist am Sonntagabend zu einem eintägigen Besuch nach Afghanistan eingetroffen – dem ersten in seiner Zeit als Chefdiplomat der Bundesrepublik. Der SPD-Politiker machte sich ein Bild von der Arbeit der Bundeswehr vor Ort. Und er warb eindringlich für den Verbleib der deutschen Streitkräfte am Hindukusch.

In der „Oase“, dem Restaurant des Camps, hält Maas eine Ansprache vor deutschen Soldaten und Polizisten, die zur Ausbildung der afghanischen Streitkräfte vor Ort sind. Afghanistan zum jetzigen Zeitpunkt zu verlassen, so Maas, würde zum Zusammenbruch all dessen führen, was in dem Land „sehr mühselig, sehr langsam“ aufgebaut worden sei. „Ich glaube, dass es deshalb richtig ist, dieses Mandat zu verlängern“, sagt der Außenminister, und sein Appell richtet sich nicht so sehr an seine Zuhörer in der „Oase“, sondern an die Abgeordneten des Bundestags.

Bundeswehrmandat läuft bald aus

Die Bundeswehr ist zurzeit mit bis zu 1300 Soldaten an der „Resolute Support“-Mission beteiligt, die die Ausbildung afghanischer Polizisten und Militärs vorsieht. Das Bundeswehrmandat läuft Ende des Monats aus. Über eine abermalige einjährige Verlängerung wird der Bundestag in der übernächsten Woche entscheiden.

Der deutsche Afghanistan-Einsatz geht nun schon ins 18. Jahr. Nie zuvor dürfte er jedoch so umstritten gewesen sein wie heute. Das liegt zum einen an den vagen Rückzugsabsichten von US-Präsident Donald Trump: Dieser hatte Ende vergangenen Jahres angekündigt, die Zahl der derzeit 14.000 in Afghanistan stationierten US-Soldaten halbieren zu wollen. Sollte es so kommen, dürfte die Nato-Mission wohl kaum in ihrer jetzigen Form umsetzbar sein. Die Bundeswehr ist wie andere Verbände auch auf die Logistik und den Schutz durch die US-Armee angewiesen. Doch Maas beschwichtigt: „Im Moment gibt es überhaupt keine entsprechenden Aktivitäten, die auf einen Rückzug hindeuten“, sagte er am Montag.

Die Taliban sind zurück

Anlass zur Skepsis gegenüber der deutschen Beteiligung geben aber auch die kürzlich von den USA mit den radikalislamischen Taliban aufgenommenen Verhandlungen in Katar. Im Jahr 2001, als die Nato unter dem Eindruck der New Yorker Anschläge vom 11. September den Einsatz begann, stand der Sturz der Taliban im Fokus. Doch jetzt loten die Amerikaner ausgerechnet mit dem einstigen Feind eine Nachkriegsordnung aus, ohne dass Vertreter der afghanischen Regierung mit am Tisch sitzen. Derweil nehmen landesweit die von Taliban verübten Anschläge zu, beinah täglich überfallen sie Kontrollposten der Regierungstruppen. Die Extremisten bauen ihre Macht aus – im Kampf und am Verhandlungstisch.

Die Bundesregierung hat, ebenso wie die USA, die Taliban als Machtfaktor akzeptiert. Sie sorgt sich aber auch vor den Folgen weitgehender Zugeständnisse Washingtons. Maas schwärmt vor den Soldaten von einer neuen Liberalität in Afghanistan, von Rechten – vor allem für Frauen und Mädchen. „Das darf nicht verloren gehen“, warnt er, „auch nicht durch Kompromisse mit den Taliban“.

Afghanische Regierung in Sorge

Die afghanische Regierung befürchtet, von Amerikanern und Taliban an den Rand gedrängt zu werden. Entsprechend dankbar nimmt Außenminister Salahuddin Rabbani bei der gemeinsamen Pressekonferenz in Kabul die Worte seines deutschen Amtskollegen zur Kenntnis. Alle gesellschaftlichen Gruppen müssten in den Friedensprozess eingebunden werden, fordert Maas. Rückschritte dürfe es nicht geben.

Eine Garantie auf Fortschritte gibt es in Afghanistan allerdings auch nicht.

Lesen Sie auch: Was Afghanistan-Soldaten bei Politik und Bevölkerung vermissen

Von Marina Kormbaki/RND

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