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Politik im Rest der Welt Das Höllische an Hormus
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08:00 02.08.2019
Provokation im Persischen Golf – derzeit fast alltäglich: Schnellboote der iranischen Revolutionsgarden umkreisen den britischen Tanker „Stena Impero“ und zwingen ihn später in einen iranischen Hafen. Quelle: Morteza Akhoondi/ap
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Hannover

Was erlauben sich die Anwohner des Persischen Golfs? Auf keinen Fall darf man es dulden, dass sie die Freiheit der weltweiten Seeschifffahrt behindern!

Missbilligend beugten sich vor zwei Jahrhunderten in London Politiker und Militärs über Berichte, die von immer neuen Fällen von Piraterie in der Region handelten. Dort wo es am Golf besonders eng wird, hatten waghalsige Küstenbewohner mit kleinen Booten die Handelsflotte aus Europa angegriffen. Londons Antwort fiel hart aus und deutlich. Man entsandte Militär. Und so nahm vor genau 200 Jahren, anno 1819, das Kriegsschiff „Eden“ Kurs auf eine kleine, karge, aber strategisch wichtige Insel im Persischen Golf: Hormus.

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Die militärische Hochspannung ist seither nicht mehr gewichen aus der Region. Im Gegenteil: Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Lage dort immer brisanter. Und neuerdings halten Militärexperten es für möglich, dass sich in der Straße von Hormus ein Großkonflikt entzündet, mit unheilvollen Folgen für die gesamte Welt.

Eine vergleichbare Düsternis beim Blick auf den Persischen Golf gab es zuletzt vor 40 Jahren, nach dem Sturz des Schahs von Persien. Der hatte, bei allem, was man sonst gegen ihn einwenden konnte, zumindest der internationalen Schifffahrt immer freies Geleit verschafft.

Die Revolutionsgarden des fundamentalistischen Ayatollah Khomeini dagegen sahen vom ersten Tag an die Meerenge vor ihrer Haustür als einen hochwillkommenen schwachen Punkt des Westens an, eine Art Achillesferse, die ihnen vielleicht helfen könnte, dem „Satan USA“ zu schaden.

Entsprechend wuchtig gerieten damals die Warnungen aus Washington. Jimmy Carter, ansonsten ein ganz auf Frieden und Verständigung ausgerichteter US-Präsident, verkündete im Jahr 1980 mit grimmiger Miene, sein Land werde die Freiheit der Seeschifffahrt durch die Straße von Hormus auf jeden Fall verteidigen.

Carter zog rote Linien

Die – nie außer Kraft gesetzte – Carter-Doktrin markierte rote Linien, wie man es von John F. Kennedy erlebt hatte, in den Krisen um Berlin und Kuba. „Jeder Versuch durch eine auswärtige Macht, die Kontrolle über den Persischen Golf zu erlangen, wird als Angriff auf die vitalen Interessen der USA betrachtet“, verkündete Carter damals. „Und ein solcher Angriff wird zurückgeschlagen werden mit allen notwendigen Mitteln, einschließlich militärischer Gewalt.“

Seither rotieren rings um die Meerenge die schwersten und modernsten Radaranlagen der Supermacht USA. Die in Bahrain ankernde Fünfte Flotte der USA hat jedes Schiff, groß oder klein, 24 Stunden am Tag auf dem Schirm.

Heute wie zu allen Zeiten treffen in der Region geostrategische, ökonomische und auch politische und ideologische Interessen aufeinander.

Die Meerenge ist, trotz immer neuer Pipelines in aller Welt, noch immer von großer Bedeutung für den weltweiten Öltransport. 21 Millionen Barrel wurden 2018 pro Tag per Schiff durch die Straße von Hormus bewegt, 20 Prozent der weltweiten Menge.

Krisenstimmung: Ein Kampfhubschrauber hebt von der „USS Boxer“ ab, um Öltanker auf ihrem Weg durch die Straße von Hormus zu sichern. Quelle: U.S. Marine Corps/ZUMA Wire

Auch das neuerdings weltweit sehr begehrte Flüssiggas aus Katar muss fast komplett per Schiff durch die Straße von Hormus.

Für den Irak, Kuwait, Bahrain und die aufstrebenden Vereinigten Arabischen Emirate ist, jenseits des Ölhandels, der Persische Golf der einzige Zugang zu den Weltmeeren.

Nach wie vor sieht Teheran in der Straße vor Hormus einen wunden Punkt des Westens: Als die USA den Ausstieg aus dem Atomabkommen verkündet hatten, verschlechterte sich prompt die Sicherheitslage in der Meerenge.

In diesen Tagen halten Tanker so weit wie möglich Abstand zur Küste des Iran. Doch viel Raum zum Manövrieren haben sie nicht. Am engsten Punkt liegen zwischen Iran und Oman nur 38 Kilometer, und die eigentlichen Fahrrinnen sind nur drei Kilometer breit. Manche Kapitäne schalten neuerdings bei Hormus ihre GPS-Transponder aus, um ihre Verortung nicht noch einfacher zu machen. Reedereien schreiben ihren Teams vor, die Aufenthaltszeit in der Region so gering wie möglich zu halten. Doch am Ende ist und bleibt ein Tankschiff für jeden Angreifer ein leicht zu entdeckendes, sich langsam bewegendes Ziel.

Es gibt diverse Szenarien für eine Blockade der Straße von Hormus. Der Iran könnte vor aller Augen militärisch tätig werden, indem er seine Marine anweist, Minen zu verlegen oder Raketen auf Schiffe abzufeuern. Dies aber würde von der ersten Minute an einen Krieg mit der Supermacht USA auslösen, vermutlich mit verheerenden Folgen für die gesamte Infrastruktur der iranischen Marine.

Manche Experten erwarten daher eher etwas anderes, einen terroristischen Anschlag etwa, ausgeführt von Tätern unbekannter Herkunft. Einige Tanker könnten dann in Brand geraten und auf diese Art den Schiffsverkehr zumindest vorübergehend lahmlegen.

Neuer Machtkampf im All

Im Juli wählte der Iran eine noch subtilere Variante: Ausländische Schiffe wurden, der Form nach gemäß internationalem Recht, aufgebracht und festgesetzt, wegen eines angeblichen „Verstoßes gegen die Regeln der Durchfahrt“. Zuvor hatten die Briten Ähnliches gemacht und einen iranischen Tanker bei Gibraltar gestoppt, der Öl nach Syrien bringen sollte.

Ein solches Tauziehen um Schiffspassagen hier oder dort müsste die Welt eigentlich nicht bekümmern. Ginge es nur um die freie Schifffahrt, würden USA und Briten sich gewiss am Ende immer durchsetzen. Doch weil der schwer kalkulierbare Iran im Spiel ist, drohen unheilvolle Kettenreaktionen: Was, wenn die Mullahs in Teheran die ganz große Stunde des „heiligen Kriegs“ gekommen sehen und Raketen nicht nur auf Schiffe im Golf, sondern auch auf Israel abfeuern?

Tatsächlich könnte, wenn alles schiefgeht, ein Konflikt um die Straße von Hormus schnell eskalieren zu einem Krieg von höllischer Dimension. Erstmals könnte dann der Albtraum von Nahostkonflikt plus Nukleartechnologie wahr werden.

„Unsere ­Feinde ­müssen ­wissen: Wir können sie schlagen“: Der israelische Premier Benjamin Netanjahu setzt auf ein neues Abwehrsystemn, das aus dem All heraus operiert. Quelle: www.imago-images.de

Vor wenigen Tagen erst testete der Iran eine neue Version seiner Langstreckenrakete Shahab 3. Teheran sprach von einer „rein defensiven Maßnahme“. Westliche Experten dagegen zeigten sich alarmiert: Immer größer wird offenbar die Schubkraft, immer genauer die Steuerung der iranischen Raketen.

Ebenfalls vor wenigen Tagen testete Israel sein neues Abwehrsystem Arrow 3. Es soll auch jene weit aufsteigenden Raketen unschädlich machen, die auf ihrem Flug sogar die Erdatmosphäre verlassen. Erst schießt, mit Überschallgeschwindigkeit, eine Abfangrakete los, dann setzt sie, bereits im All, ein sogenanntes „kill vehicle“ aus, mit eigenen Steuerungs- und Bewegungsmöglichkeiten, das dann die feindliche Rakete zerstört.

Weil Israel im eigenen Staat gar nicht genug Platz hätte für einen solchen Test, wich man aus in den US-Bundesstaat Alaska. Von dort meldeten israelische und amerikanische Offizielle am Wochenende stolz den Durchbruch: Arrow 3 funktioniert.

„Eine einzige unserer ­Raketen reicht, um einen milliardenteuren US-Flugzeugträger zu ­versenken“: Die iranische Führung unter Ajatollah Ali Khamenei eine neue Version der Langstreckenrakete Shahab 3. Quelle: Office of the Iranian Presidency/AP

„Der Test verlief besser, als wir uns das je hätten vorstellen können“, verkündete Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu. „Unsere Feinde müssen wissen: Wir können sie schlagen.“

Der Iran sieht sich durch Shahab 3 beflügelt, Israel durch Arrow 3. Wird der Nahostkonflikt am Ende im Weltall ausgefochten? Sind es Rechnerkapazitäten und Taktfrequenzen, die darüber entscheiden, ob Bevölkerungszentren von Atomraketen getroffen werden?

Die harte Linie, die US-Präsident Donald Trump und Netanjahu vertreten, scheint jedenfalls auch im Iran die Hardliner zu stärken. Dort prahlte Ajatollah
Eine einzige unserer Raketen reicht, um einen milliardenteuren US-Flugzeugträger zu versenken.“

Die technischen Fortschritte über den Wolken steigern offenbar die Waghalsigkeit am Boden – und machen die Lage in der Straße von Hormus nach Jahrhunderten voller Spannungen unsicherer denn je.

Von Matthias Koch