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Politik im Rest der Welt Die widerwärtigen Worte der Alice Weidel zum Stuttgarter Mord
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15:51 02.08.2019
AfD-Fraktionschefin Alice Weidel: jedes Mittel recht. Quelle: dpa
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Berlin

Erinnern Sie sich noch an das Jahr 1993? Bill Clinton wird US-Präsident, Bayer Leverkusen gewinnt den DFB-Pokal, Helge Schneider singt „Katzeklo“ – und in Deutschland sterben 1468 Menschen einen gewaltsamen Tod.

Ach, an die Toten erinnern Sie sich nicht? Ich gebe zu, ich auch nicht. Aber ausweislich der polizeilichen Kriminalitätsstatistik war 1993 in Deutschland das blutigste Jahr seit der Wiedervereinigung. Selbst wenn man Sonderfaktoren wie die nachträgliche Einrechnung von Mauertoten in die Statistik herausrechnet, bleibt es bei dem Befund. Damals wurden in Deutschland etwa doppelt so viele Menschen umgebracht wie heute.

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Die Statistik lässt keinen Zweifel daran: Deutschland ist heute ein sicheres Land. Doch was nützen solche nüchternen Zahlen angesichts monströser Taten wie der in Frankfurt, wo ein 40-jähriger Mann einen achtjährigen Jungen vor den Zug stößt oder nun in Stuttgart, wo ein 28-jähriger Mann einen 36-Jährigen auf offener Straße und vor den Augen zahlreicher Anwohner mit einem Samuraischwert ersticht? Wenig. Das Entsetzen steckt uns in den Gliedern, die Emotionen übernehmen die Regie, für Fakten und kühles Abwägen bleibt wenig Platz.

Je hitziger die Stimmung, desto besser

Das ist menschlich nachvollziehbar. Die meisten von uns sind empathische Wesen, sie fühlen mit den Opfern – oder sie fürchten, selbst eines zu werden. Dass die Wahrscheinlichkeit dafür nur gering ist – siehe oben – hilft für den Moment nur wenig weiter. Auf Dauer aber hilft es sehr wohl, denn ohne diese Gewissheit würden wir kaum zu unserem normalen Alltagsleben zurückkehren – und das tun die meisten von uns früher oder später.

Deswegen ist es so perfide, wie Politiker der AfD – allen voran Fraktionschefin Alice Weidel – nur wenige Stunden nach den jeweiligen Bluttaten versuchen, diese politisch zu instrumentalisieren. Weidel und ihre Helfershelfer wollen nicht zurück in einen friedlichen Alltag, sie wollen Ausnahmezustand, die Menschen aufwühlen, sie anstacheln – je hitziger die Stimmung desto besser. Es ist eine widerwärtige Strategie, die letzten Endes auf die Zersetzung unserer Gesellschaft zielt.

Ein ganzes Volk in Sippenhaft

„Kinder werden vor Züge gestoßen, Frauen findet man mit 70 Messerstichen in Koffern und Männer werden mit Macheten auf der Straße abgeschlachtet. Man findet kaum noch Worte“, schreibt Weidel im Netz, aber natürlich findet sie die. Nur Minuten nach dem bekannt wird, dass der mutmaßliche Täter von Stuttgart aus Syrien stammt, fragt die AfD-Frontfrau voller Zynismus, um welche Art von Fachkraft es sich bei dem Mann gehandelt habe, um dann festzustellen: „Diese Menschen haben hier nichts verloren!“

Weidel schließt von einem Menschen auf alle, sie nimmt ein ganzes Volk in Sippenhaft. Und sie verbreitet ohne jede Hemmung ein Standbild aus einem Video von der Bluttat, das die Betreiber von Twitter, Facebook und Youtube trotz eindeutiger Bitte der Polizei auch nach Stunden nicht aus ihren vermeintlich sozialen Netzen entfernt haben. Selbst die Vertreter des ehemals liberalen Flügels in der AfD haben jegliches Gefühl für Moral und Anstand verloren. Um den Hass gegen Zuwanderer zu schüren, ist der Partei inzwischen jedes Mittel recht.

Alice Weidel hat Anfang des Jahres ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel „Widerworte“. Gemessen an ihren öffentlichen Ausfällen wäre „widerliche Worte“ der passendere Titel gewesen.

Von Andreas Niesmann/RND