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Politik im Rest der Welt E-Scooter ab 15. Juni in Deutschland erlaubt
Nachrichten Politik Politik im Rest der Welt E-Scooter ab 15. Juni in Deutschland erlaubt
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14:43 15.06.2019
Modellversuch Bamberg: Der Pressesprecher der Stadtwerke Bamberg, Jan Giersberg, fährt mit einem Elektro-Scooter durch die Stadt. Quelle: dpa
Bamberg

Die Strecke ist für Jan Giersberg nahezu ideal. Einen Kilometer lang, mit Querung des Flusses Regnitz, und nicht zuletzt: schön flach. Mit Steigungen hat es sein neues Gefährt nämlich nicht so. Da wird es schon mal etwas langsamer. Ein Schönheitsfehler, meint Giersberg, mehr nicht. „Der Fun-Faktor“, sagt er, „ist schon ziemlich hoch.“

Wenn Jan Giersberg also jetzt von einem Standort der Bamberger Stadtwerke zum anderen muss, dann geht er nicht mehr zu Fuß. Er nimmt auch nicht mehr das Rad und schon gar nicht das Auto. Der 43-Jährige steigt auf einen kleinen Tretroller, holt einmal Schwung – und rollt dann wie von selbst durch die Bamberger Innenstadt. Ein Kindertraum mit bis zu 20 Stundenkilometern. „Wenn man da draufsteht, ist das schon ein anständiges Tempo“, sagt Giersberg.

Jan Giersberg ist ein Pionier. Als einer der Ersten in Deutschland darf der Sprecher der Stadtwerke Bamberg mit einem Elektrotretroller über öffentliche Straßen fahren. Eigentlich sind diese Fahrzeuge hierzulande noch verboten. Seit Freitag jedoch ist die Stadt in Franken eine Ausnahme: Seitdem sind hier die ersten 15 sogenannten E-Scooter mit behördlichem Segen in Deutschland unterwegs.

Neue Elektro-Gefährte erobern die Straße

Skateboards, Einräder, Roller: Die Welt der Mikromobilität wird immer vielfältiger. Ein Überblick.

15 Roller in Franken: Das klingt nach einer sehr übersichtlichen Veränderung. Doch seit einer Woche sind Fotografen, Kamerateams und Journalisten in Bamberg Dauergäste. Denn wenn es nach den Vorstellungen der Befürworter geht, dann sind diese 15 Roller nicht weniger als die Vorboten einer neuen Mobilität. Bausteine eines Konzepts, das unsere Gewohnheiten verändern könnte – und Städten helfen soll, ihre Klimaziele einzuhalten.

In anderen Teilen der Welt gehören Elektroroller längst zum Stadtbild. Vor allem in den USA bewegen sich Menschen auf ihnen lautlos durch die Metropolen – aber auch in Kopenhagen, Paris, Malmö und Wien sind sie inzwischen heimisch. Jetzt will Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die E-Scooter auch in Deutschland zulassen. Fahrer sollen keinen Helm brauchen, dafür aber einen Versicherungsaufkleber, Licht, Klingel und zwei Bremsen – so sollen die Roller mit bis zu 20 Kilometern pro Stunde auf Radwegen oder Fahrbahnen unterwegs sein. Bereits in diesem Frühjahr soll es so weit sein.

Die letzte Meile: E-Roller-Fahrer fahren in San Francisco bis zur Tram. Quelle: BLOOMBERG

Scheuer gilt selbst als Fan der kleinen Roller. In seinem Büro lehnen zwei Roller an der Wand, auf der Fensterbank liegt ein schwarzer Fahrradhelm. Mal fährt er selbst, mal verleiht er sie an Mitarbeiter – und als neulich Cem Özdemir von den Grünen zu Besuch war, pries er ihm die kleinen Roller an. Sie seien „eine echte Alternative zum Auto“, sagt er.

Ist die Scooter-Euphorie mehr als ein Hype?

Aber ist die Euphorie tatsächlich berechtigt? Oder sind die Erwartungen vielleicht doch etwas zu groß für die kleinen Roller?

Die Firmen jedenfalls wittern ein großes Geschäft. Kommunen hoffen auf eine Entlastung ihrer überfüllten Straßen. Und das Interesse vieler möglicher Nutzer in Deutschland scheint tatsächlich groß.

Will Genehmigungen für E-Roller erteilen: Andreas Scheuer (CSU), Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur. Quelle: Foto: Soeren Stache/dpa

In Bamberg haben sich mehr als 400 Einwohner um die Testroller beworben. „Das ist deutlich mehr, als wir erwartet haben“, sagt Jan Giersberg – obwohl der Bamberger Testlauf noch unter gleichsam erschwerten Bedingungen stattfindet: Die Nutzer müssen mindestens 18 sein, brauchen einen Pkw-Führerschein und einen Helm. Gebucht werden die Roller über eine App, die auch den Standort der Geräte angibt.

Die erste Bilanz fällt bei Jan Giersberg jedenfalls schon mal positiv aus. Unfälle? Bislang keine. Kritische Situationen? Eine, sagt Giersberg – als ihn ein Lkw in der Kurve schnitt. „Aber das wäre mir dem Rad auch passiert.“ Und weitere Nachteile, neben der Schwäche am Berg? Einmal ist Giersberg über den Domplatz gefahren. Mittelalterliches Kopfsteinpflaster. „Ist nicht so geeignet für einen Roller“, sagt Giersberg. Ansonsten klingt er auch jenseits aller professionellen Begeisterung euphorisch: „Ich fahre mit dem Roller richtig gerne.“

Mikromobilität – die neue Idee für die Straße

Forscher sind sich schon lange einig, dass die Städte eine gänzlich neue Idee davon brauchen, wie die Menschen von A nach B kommen – und dass es nicht den einen Ersatz für das Auto gibt. „Für die Zukunft brauchen wir ein völlig neues Mobilitätskonzept, das Individualverkehr und Massentransporte, Fernreisen und Radwege erfasst und effizient vernetzt“, sagt Stephan Rammler, Professor für Transportation Design & Social Sciences an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. In seinen Büchern „Schubumkehr“ und „Volk ohne Wagen“ skizziert er einen neuen Weg, in dem Menschen je nach Bedarf Autos leihen, U-Bahn fahren, Rad fahren – und sich für die kurzen Strecken, die letzte Meile, gerne jener elektrogetriebenen unübersichtlichen Vielfalt von E-Scootern, Elektrodreirädern und -skateboards bedienen.

Die Mikromobilität, das ist der Bereich, dem sich die Forscher gerade widmen – und die Kunden sowieso, ganz unabhängig von allen Zulassungen.

Der Laden „Scooterhelden“, ein Fachgeschäft für Elektrofahrzeuge in Berlin-Schöneberg. Aus den Lautsprechern des Geschäfts wummern elektronische Beats, auf Bildschirmen brausen schildmützentragende junge Männer mit Elektrofahrzeugen durch Parks. Elektrofahrräder mögen mal als altbacken gegolten haben, als Ersatz für die, denen die Kraft zum Treten fehlt. Doch diese E-Mobile, schreien die Bilder, sind jung und cool.

„Die sind gerade für die letzte Meile genial“: Tim Reinshagen, Mitarbeiter bei den „Scooterhelden“ in Berlin. Quelle: Dpa

Sämtliche Gefährte haben Räder und einen Elektromotor, ansonsten sind sie ziemlich verschieden. Ein Liebling der Kunden: E-Scooter. „Die sind gerade für die letzte Meile genial“, sagt Tim Reinshagen, Mitarbeiter bei den „Scooterhelden“. „Warum fahren denn so viele Leute lieber Auto als Bahn? Weil keiner Bock hat, diesen einen Kilometer zur Bahnstation zu laufen.“

2018, erzählt Reinshagen, habe das Geschäft mehr als 500 solcher Roller verkauft. „2019 ist jetzt schon der Anfang wahnsinnsviel“, sagt er. Seit vier Jahren vertreibt der Laden sogenannte E-Kleinstfahrzeuge. „Wir haben hier mal mit einem Laden angefangen, der war so groß wie jetzt der Kassenbereich. Jetzt haben wir 250 Quadratmeter und platzen trotzdem aus allen Nähten.“

Schon jetzt also, noch vor der Zulassung, ist der Run auf die Gefährte offenbar enorm. Wie wird es dann werden, wenn die Behörden ihr Okay geben? „Tretroller werden in Deutschland ein Riesending sein“, sagte Florian Wallberg, Chef des Hamburger Herstellers Urban Electrics, vor Kurzem dem „Spiegel“. „Wir werden von Anfragen geradezu erschlagen.“

Das Warten auf die e-Scooter-Genehmigung

In Deutschland warten nun eine ganze Reihe von Firmen auf das offizielle Okay – um dann einen großen Markt unter sich aufzuteilen. Längst machen auch die ganz Großen bei den kleinen Rollern mit. Man werde in Deutschland nach der offiziellen Genehmigung „sehr schnell präsent sein“, kündigt ein Sprecher der Daimler-Tochter Mytaxi an. Volkswagen arbeitet mit dem Roller-Hersteller Niu zusammen. Dazu kommen millionenschwere deutsche Start-Ups wie Tier und GoFlash aus Berlin. Im Bamberg stellt das kalifornische Unternehmen Bird die Roller. Bislang ist Bird nach eigenen Angaben in 100 Städten in rund zehn Ländern aktiv.

Das Geschäft läuft dabei zweigleisig: Zum einen bringen die Nutzungsgebühren Geld – und zum anderen die Werbung, die die Unternehmen auf die Apps spielen.

Bei den kleinen Rollern, so viel ist sicher, hoffen viele auf das ganz große Geld.

Dabei droht auch die politische Euphorie die Kritik an den neuen Regelungen zu überdecken. „Für Fußgängerinnen und Fußgänger können Elektrokleinstfahrzeuge das Unfallrisiko erhöhen“, befürchtet Professor Walter Eichendorf. Der Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrats bezieht sich auf den Plan, dass Fahrzeuge, die langsamer als 12 Kilometer pro Stunde sind, auf Bürgersteigen fahren dürfen.

Neue Konkurrenz durch E-Roller auf den Radwegen

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club fürchtet bereits eine neue Konkurrenz zwischen Radfahrern und E-Rollern: „Deutsche Radwege taugen nicht einmal für die sichere Abwicklung des vorhandenen Radverkehrs“, kritisiert Bundesgeschäftsführers Burkhard Stork. Sollten demnächst tatsächlich massenhaft E-Roller durch die Städte rollen, „werden wir sehr unschöne Szenen und viele Unfälle erleben“, prophezeit er.

„Bald werden E-Roller massenhaft durch die Städte rollen“: E-Tretroller in Kopenhagen. Quelle: Foto: Steffen Trumpf/dpa

Tatsächlich belegt eine Untersuchung von US-Medizinern viele Unfällen mit teils schweren Verletzungen: Binnen eines Jahres fanden sie allein in zwei kalifornischen Kliniken knapp 250 Fälle.

In Bamberg lässt die Stadt die Testphase nun erst mal wissenschaftlich begleiten: Wer fährt wo wie viel, alles das sollen Forscher ermitteln, bevor die Stadt über die Ausweitung entscheidet. Aus manchen Fehlern der Vergangenheit hat aber auch Bamberg bereits gelernt. Als zuletzt Fahrradverleiher deutsche Städte mit Rädern fluteten, vermüllten bald etwa in München vergessene Gestelle die Stadt.

In Bamberg soll das nicht passieren. Da werden die Roller jeden Abend eingesammelt. „An diesem Punkt“, sagt Jan Giersberg, „ist meine Angst wirklich begrenzt.“

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