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Politik im Rest der Welt Bedford-Strohm: Würde und Anstand haben auch etwas mit fairen Löhnen zu tun
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09:24 22.12.2018
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm. Quelle: epd
München

Heinrich Bedford-Strohm ist froh darüber, dass die Schärfe aus der Flüchtlingsdebatte in Deutschland gewichen ist. Der Ratsvorsitzende der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hofft, dass auch im nächsten Jahr kritische Debatten konstruktiver ausgetragen werden als in Frankreich durch die „Gelbwesten“. Es sei Zeit für mehr Gerechtigkeit, sagt der bayrische Landesbischof.

Herr Bischof, sind Sie froh, dass der vorweihnachtliche Stress hinter Ihnen liegt?

Ich empfinde die Vorweihnachtszeit gar nicht als so als stressig. Klar, es strömt eine Menge auf einen ein. Aber doch sehr viel Positives. In der Kirche schöpfe ich Kraft, auch dann, wenn ich am Gottesdienst unmittelbar beteiligt bin. Der Anblick des Adventskranzes und der brennenden Kerzen vermitteln mir Ruhe und Kraft. Das ermöglicht mir innere Einkehr.

Stört Sie die Partystimmung auf den Weihnachtsmärkten?

Vielleicht wird es hier und da ein wenig übertrieben. Aber ich hege da weniger kulturkritische Gedanken. Viele Menschen genießen dort die Gemeinschaft, die Düfte, die Musik. Ich habe viele glückliche, heitere Gesichter gesehen. Und das liegt doch auf einer Linie mit der frohen Botschaft von Weihnachten.

Was sagt uns die Geburt von Jesus heute?

In Jesus wird die Liebe Gottes in einem Menschen in vollkommener Weise sichtbar. Sich an ihm zu orientieren, kann uns helfen, selber so zu leben. Das tut der Gemeinschaft gut. Die Geschichte von der Geburt Jesu wieder zu hören, trägt dazu bei, Kraft für zukünftige Aufgaben zu schöpfen.

Weihnachten das ganze Jahr“

Klingt fantastisch in einer Zeit der Individualisierung, in der die Gesellschaft auseinanderzufallen droht.

Es gibt viele Menschen, die sich für andere oder für eine bestimmte Sache einsetzen. Das sollten wir nicht vergessen, sondern betonen. Sie klagen nicht darüber, wie schlimm die Welt ist, sondern handeln. Sie machen dabei die Erfahrung, dass sie nicht nur andere beschenken – sondern auch sich selbst. Das ist quasi Weihnachten das ganze Jahr.

Täuscht der Eindruck, dass Botschaften aus Hass oder Lüge sich schneller verbreiten als Berichte über Fürsorglichkeit?

Es ist besorgniserregend, wenn im Netz ein Video, das verbreitet, die Erde sei eine Scheibe, deutlich häufiger angeklickt wird als das über die wahre Beschaffenheit unseres Planeten. Durch die Algorithmen, die für gute Werbeerlöse immer wieder nach oben spülen, was geklickt wird, erscheinen solche Inhalte in der digitalen Welt plötzlich als zentral. Das lässt sich vielleicht noch als Unsinn abtun. Aber die Verbreitung von Hass durch kleine Gruppen funktioniert genauso. Das vergiftet dann die gesellschaftliche Atmosphäre. Ich habe jedoch den Eindruck, dass immer mehr Menschen dagegen angehen. Wenn wie im Herbst 240.000 Menschen in Berlin für ein weltoffenes Deutschland demonstrieren, macht mich das sehr zuversichtlich.

Kurz vor dem Weihnachtsfest hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, ein schwieriges Jahr bilanziert Quelle: epd

„Neue politische Kultur entwickeln“

Ist es egal, dass das deutsche Parteiensystem erodiert?

Es ist schon seit mehreren Jahren zu beobachten, dass sich Menschen mehr nach Milieus oder Lebensstilen ausdifferenzieren. Damit gibt es sehr unterschiedliche, zum Teil gegenteilige Erwartungen an Politik, aber auch an Gewerkschaften oder uns Kirchen. Wir können beispielsweise den Gottesdienst nicht in –zig unterschiedlichen Formaten und für jede Zielgruppe einzeln anbieten. Die Politik wiederum steht vor der Herausforderung, dass die Bereitschaft zum Kompromiss dramatisch gesunken ist. Früher fand die Kompromiss-Suche in den großen Volksparteien selbst statt. Heute können sich häufig erst nach der Wahl mehrere kleine Parteien auf die Suche nach den gemeinsamen Nennern machen. Es kommt nun darauf an, dass wir eine politische Kultur entwickeln, die nicht das Aufpeitschen von Emotionen und das Bedienen der eigenen Klientel ins Zentrum stellt, sondern die Suche nach verantwortlicher Zukunftspolitik. In der gegenwärtigen Ausformung ist das neu für Deutschland.

Wie kann das gelingen?

Die Politik sollte auf schrille Botschaften verzichten. Die führen letztlich zur Spaltung. Als Gesellschaft müssen wir Bürger uns darüber verständigen, was unser Grundkonsens ist. Ich wünsche mir kritischen Diskurs und gegenseitigen Respekt. Das ermutigt Politiker, zukunftsfähige Entscheidungen zu treffen.

„Würde des Menschen fördern“

Welche Verantwortung tragen die Anbieter sozialer Netzwerke hierbei?

Ein privater Konzern wie Facebook kann das Kommunikationsverhalten von gegenwärtig 2,3 Milliarden Menschen weltweit mitsteuern. Dass solche Unternehmen niemandem gegenüber demokratisch verantwortlich sind, ist nicht hinnehmbar. Der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Medien, die Würde des Menschen zu fördern, müsste auch für das Internet und soziale Netzwerke institutionell verankert werden.

Ein anderer Aspekt des digitalen Lebens sind Verlustängste. Viele sehen ihre Jobs bedroht…

Umstrukturierungen hat es schon immer gegeben. Stets waren damit Ängste verbunden. Denken wir zum Beispiel an den Kohle-Abbau. Bei der digitalen Transformation muss es ebenfalls darum gehen, dass der Wohlstandszuwachs durch präzisere und günstigere Produktion am Ende allen zugutekommt, nicht nur wenigen. Es geht um Umverteilung, die Wege zur Teilhabe für alle schafft. Die Situation der Schwächsten muss dabei der Maßstab für den Wohlstand einer Gesellschaft sein.

Es geht um Gerechtigkeit?

Die soziale Gerechtigkeit ist schon heute ein zentrales Thema. Ich denke da an die Situation vieler Mieter, die nur noch mit großer Mühe ihre Wohnungen halten können. Die Mietpreise sind mancherorts unakzeptabel. Gerechtigkeit ist aber auch eine Frage extremer Unterschiede bei den Vermögen. Die Ungleichheit wächst - einem Land wie Deutschland wird das auf Dauer schaden.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, warnt vor einer weiteren Spaltung der Gesellschaft. Quelle: epd

„Von der eigenen Leistung leben“

Wie ist das zu verhindern?

Wir haben es in der Hand, indem wir heute kluge Entscheidungen über Zukunftsinvestitionen für das Gemeinwohl treffen. Dabei geht es zum Beispiel um Bildung und die ökologische Transformation der Wirtschaft. Wir sollten jedoch auch Strukturen schaffen, die es jedem Menschen in dieser reichen Gesellschaft ermöglichen, mit seiner eigenen Leistung an ihr teilzuhaben. Würde und Anstand haben auch etwas mit fairen Löhnen zu tun.

Gerade die, die sich um andere als Pfleger, Krankenschwester oder Erzieher kümmern, finden sich im Gehaltniveau unten wieder. Ist das gerecht?

Nein. Das sind die Reste eines patriarchalischen Weltbilds, das sich hier lange gehalten hat, weil in sozialen Berufen überwiegend Frauen arbeiten. Ich bin froh, dass sich das ändert – vor allem weil Frauen heute genauso wie Männer am Arbeitsleben teilhaben. Außerdem ist der Bedarf enorm gestiegen. Das wird die Berufe inhaltlich, aber auch finanziell attraktiver machen. Doch unabhängig von den Marktgesetzen finde ich, dass Menschen, die sich um Alte, Kranke oder Kinder kümmern, mindestens so viel Wertschätzung verdienen wie hochqualifizierte Industriearbeiter.

„Wir können das bewältigen“

In Frankreich entzündeten sich Proteste am Vorhaben der Regierung, Kraftstoffpreise durch Öko-Steuern zu verteuern. Das empfanden viele Franzosen als ungerecht und gingen als Gelbwesten, zum Teil auch gewalttätig, auf die Straße. Halten Sie das in Deutschland für möglich?

Die Motivlage der Gelbwesten war schnell unübersichtlich, wohl auch, weil politische Gruppierungen an den Rändern die Proteste für ihre Zwecke nutzen wollten. Das zeigt aber, dass eine Gesellschaft Themen kritisch diskutieren muss und sie nicht wegschieben darf. Ich hoffe sehr, dass wir in Deutschland auch künftig konstruktiver mit Problemen umgehen und sie lösen.

Die Regierungsparteien haben dieses Jahr ausgiebig über die Flüchtlingspolitik gestritten. Nun, am Ende des Jahres, wird festgestellt, dass viel weniger Menschen nach Deutschland kommen als angenommen. Ist das jetzt ein Erfolg?

Die politische Debatte über Flüchtlinge war in der ersten Jahreshälfte künstlich aufgeheizt und nicht akzeptabel. Ich bin froh, dass nun Konsens ist: Wir können das bewältigen. Deutschland leistet als geachtetes Mitglied der Staatengemeinschaft seinen Beitrag zur Bewältigung der weltweiten Migrationsbewegungen. Das geschieht in Form von Hilfen in Krisengebieten sowie fairen Asylverfahren und Möglichkeiten der Teilhabe durch Arbeit in Deutschland. Ich bin dankbar dafür, dass die Schärfe aus den Debatten gewichen ist und die Bereitschaft wächst, unterschiedliche Positionen zusammenzuführen.

„Kraft durch christliche Netzwerke“

Wie kann Ihre Kirche die Prozesse für mehr Zusammenhalt verstärken?

In Situationen wie heute wird ein Netz sichtbar, das viele gar nicht genug im Blick haben: Die Kirchen haben überall in Deutschland Gemeinden, die vor Ort tief verwurzelt sind. In einer Studie hat die EKD festgestellt, dass sich 38 Prozent der Jugendlichen ohne konfessionelle Bindung ehrenamtlich für das Gemeinwohl engagieren. Bei evangelischen Jugendlichen sind es 56 Prozent. Das zeigt, welche Kraft vom Glauben und dem christlichen Netzwerk in Deutschland ausgeht.

Sind sie enttäuscht, dass die Kirchen nur Weihnachten richtig voll sind?

Ich bin froh, dass die Kirchen Weihnachten voll sind. Das Interesse an Kirche ist jedoch auch außerhalb der Feiertage vorhanden. Die Erwartungen der Menschen an die Kirche haben wir im Reformationsjahr 2017 bei vielen Veranstaltungen und insbesondere bei den überfüllten Gottesdiensten am Reformationstag erlebt, und das hat sich auch 2018 fortgesetzt. Klar, auch die Kirchen müssen viel verändern. Weihnachten aber ist die große Kraftquelle und die Quelle der Hoffnung für heute und die Zukunft.

Von Thoralf Cleven/RND

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