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Politik im Rest der Welt Erneutes Zittern von Merkel – lag es an Überarbeitung?
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22:44 27.06.2019
Angela Merkel lehnt ein ihr angebotenes Glas Wasser ab. Nur acht Tage nach ihrem Aufsehen erregenden Schwächeanfall hatte sie bei der Ernennung der neuen Justizministerin die gleichen Probleme wieder gehabt. Quelle: Kay Nietfeld/dpa
Berlin

Donnerstagmorgen, Schloss Bellevue. Bei der Überreichung der Ernennungsurkunde an die neue Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (54, SPD) steht Angela Merkel neben Frank-Walter Steinmeier. Mitten in der Rede des Bundespräsidenten fängt die 64-Jährige plötzlich an zu krampfen. Ihre Beine schlottern fast zwei Minuten lang, sie legt ihre Arme verschränkt vor ihren Körper.

Merkel bekommt ein Glas Wasser angeboten, sie gibt es aber zurück, ohne daraus zu trinken. Erst als sie sich wieder bewegt, geht es ihr sichtlich besser.

Die Szenen erinnerten an den Vorfall beim Empfang des ukrainischen Präsidenten Selenskyj am 18. Juni in Berlin. Damals zitterte Angela Merkel während des Abspielens der Nationalhymne. Erst als sie die Ehrenformation abschreiten konnte, ging es ihr besser. Damals erklärte Merkel ihr Zittern mit Flüssigkeitsmangel: „Ich habe dann drei Gläser Wasser getrunken, und dann war es wieder gut.“ Ihr Tagesprogramm setze sie damals unbeirrt fort.

Ein besonders voller Terminkalender an einem Tag mit Hitzerekord

So auch am Donnerstag. Bei beiden Vorfällen ließ das Zittern offenkundig nach, sobald sich die Kanzlerin wieder bewegte. Im Bundestag war sie anschließend sogar schneller als die neue Ministerin, die zu ihrer Vereidigung etwas zu spät kam. Diese verfolgte die Kanzlerin wieder stehend und ohne Probleme, wie sie auch am Mittwoch die Regierungsbefragung in guter Kondition und Laune absolvierte. Diese Stunde im Bundestag war allerdings Teil eines besonders vollen Terminkalenders an einem langen Tag, der noch dazu einen Hitzerekord brachte.

Am Mittwochabend hatte Merkel eine Stunde lang an einer Veranstaltung der Evangelischen Kirche am Deutschen Dom am Gendarmenmarkt teilgenommen, in dem laut Teilnehmern „saunaartige Verhältnisse“ herrschten. Es folgten weitere Gespräche am späten Abend.

Obwohl es in Berlin am Donnerstag wieder kühler war, ist eine erneute Dehydrierung als Grund für Merkels Zittern deshalb nicht abwegig. Am Mittag stieg sie in die Regierungsmaschine und flog nach Japan zum G20-Gipfel. „Der Bundeskanzlerin geht es gut“, verkündete Regierungssprecher Steffen Seibert. „Alles findet statt wie geplant.“

Auf dem Flug nach Japan ist ein Arzt an Bord

Ist die Kanzlerin nach dem ersten Vorfall am 18. Juni medizinisch untersucht worden? Das Bundespresseamt wollte sich dazu auf Nachfrage des Redaktionsnetzwerkes Deutschland (RND) nicht äußern: „Wir sagen grundsätzlich nichts zum Gesundheitszustand der Kanzlerin.“ Dieser sei Privatsache. Auf dem Flug nach Japan zum G20-Gipfel sei aber ein Arzt und ein Sanitäter mit an Bord. Dies sei bei längeren Flügen in „klimatisch schwierige“ Regionen aber immer schon Standard gewesen.

Kann Flüssigkeitsmangel der neuerliche Zitteranfall hervorgerufen haben? Üblicherweise frühstückt die Kanzlerin morgens ganz normal und nimmt dabei Kaffee, Wasser oder Orangensaft zu sich, erzählen Kenner. Die Temperaturen lagen am Donnerstagmorgen in Berlin bei unter 20 Grad.

Ärzte geben sich zurückhaltend

Ärzte, die beim Anfall vergangene Woche noch bereit waren, sich zu den möglichen Ursachen zu äußern, hielten sich diesmal mit Prognosen zurück, wie die Deutsche Presse-Agentur dpa schreibt: Zu viel Spekulation, hieß es. Auch die Deutsche Gesellschaft für Neurologie wollte auf Nachfrage keine Einschätzung zu dem Fall abgeben. Allerdings gibt es ein Krankheitsbild, das zu Merkels Symptomen passen könnte: der orthostatische Tremor. Hauptsymptome: zitternde Beine bzw. Gliedmaßen.

Die Symptome treten typischerweise nur im Stehen auf, nicht im Sitzen oder Liegen und auch nicht im Gehen. Der orthostatische Tremor ist extrem selten, die genauen Ursachen sind deshalb kaum erforscht. Theoretisch kann er als Folge einer Parkinsonerkrankung auftreten, aber auch eigenständig als „kreislaufregulatorische Störung“.

In den USA ist der Gesundheitszustand des Präsidenten und der Kandidaten ein großes Thema – sogar Donald Trump hat die Ergebnisse medizinischer Untersuchungen mehrfach veröffentlichen lassen.

Direkt nach dem G20-Gipfel reist Merkel übrigens weiter nach Brüssel zu einem EU-Sondergipfel, um erneut über das künftige Führungspersonal der EU zu verhandeln. Es geht darum zu versuchen, den deutschen Spitzenkandidaten Manfred Weber doch noch zum EU-Kommissionspräsidenten zu machen. Für längere Ruhepausen ist derzeit keine Zeit.

Lesen Sie auch: „Schlimmste für Organismus“ – Arzt erklärt Zitteranfall von Angela Merkel

Von Christian Burmeister und Daniela Vates/RND

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