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Politik im Rest der Welt Getöteter Journalist Khashoggi: Die dunkle Seite des Prinzen
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11:16 20.10.2018
Quelle: imago stock&people
Riad

Ihr Auto stehe draußen, sagt Lina al Maeena. Dieser Satz kommt ihr wie selbstverständlich über die Lippen, obwohl sie sich in Saudi-Arabien eigentlich erst seit Juni hinters Steuer setzen darf. Lina ist, wie es sich in ihrem Land ziemt, in eine schwarze Abaya gehüllt, das unförmige Überkleid, das über dem normalen Outfit getragen werden muss. Die energiegeladene Frau, die wir im Marriot Courtyard von Riad treffen, ist Politikerin, eine von 30 Frauen, die im 150-köpfigen Beratungsgremium des Königs, im Shura-Council, vertreten ist.

Weil Lina das Machtgefüge im Königreich bestens kennt, wollen wir von ihr wissen, was sie von der mysteriösen Affäre Jamal Khashoggi halte, die in diesen Tagen die Welt bewegt und in die der Kronprinz Mohammed bin Salman, kurz MbS, verwickelt sein soll – erst in der Nacht zu Samstag hatte Saudi-Arabien die Tötung des Journalisten im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul eingeräumt.

Opfer eines Killerteams? Der Journalist Jamal Khashoggi und seine Verlobte Hatice Cengiz. Quelle: Cengiz

Doch das Schicksal des Journalisten ist in Riad ein Thema, dem man gerne aus dem Weg geht. Den Verdacht gegen den Kronprinzen wischt Lina mit einer Handbewegung resolut zur Seite. „MbS“, wie ihn alle nennen, „ist ein Prinz der Jugend und der Frauen“, sagt sie schwärmerisch, um der Frage auszuweichen. Er setze sich für Reformen ein, von denen alle profitierten, und er strebe eine „glückliche Gesellschaft“ an.

Al Maeena, die sich als Politikerin und Unternehmerin für Frauensport einsetzt – sie gründete zum Beispiel den ersten weiblichen Basketballklub des Landes, United Jeddah –, traf den Kronprinzen ein erstes Mal im April. Sie sei vom Augenkontakt, den er gesucht habe, beeindruckt gewesen, ebenso vom charmanten Lächeln, das ihr der Adlige geschenkt habe. Als sie ihm für all seine Reformen dankte, habe MbS bescheiden geantwortet: „Madam, das ist meine heilige Pflicht.“

Demokratie? Missverständnis!

Es wäre aber ein Missverständnis, von dieser „heiligen Pflicht“ die Einführung von demokratischen Regeln oder von Menschenrechten zu erwarten. „Die Reformen läuten keine Epoche der arabischen Aufklärung ein“, meint ein Jurist in Riad. Davon sei im Königreich nie die Rede gewesen, das sei nicht Teil des Reformprogramms. Dieses Missverständnis hat im Westen lange getragen. Genauer gesagt: bis zum 2. Oktober.

An jenem Dienstag betrat der Journalist Jamal Khashoggi die saudische Vertretung in Istanbul, um persönliche Dokumente abzuholen. Seitdem fehlt von ihm jede Spur. Weil sich der saudische Journalist, der seit dem vergangenen Jahr in den USA lebt, in westlichen Medien wiederholt kritisch über den Kronprinzen geäußert und Demokratie gefordert hat, habe dieser Khashoggi aus dem Weg räumen lassen, wird spekuliert.

„Kopf des Vollstreckungsteams“? Der Mann hinten links gehörte zu der Entourage von Kronprinz Mohammed bin Salman (Zweiter von rechts) während einer US-Reise im April diesen Jahres. Quelle: Houston Chronicle

Die türkischen Behörden haben bisher zwar noch keine Beweise für die Mordthese vorgelegt. Aber die Indizien untermauern den Verdacht, dass Khashoggi von einem 15-köpfigen Killerteam im Konsulat ermordet und zerstückelt worden sei. Danach sei die Leiche in Koffern wegtransportiert worden. Die türkische Regierungszeitung „Sabah“ benannte am Donnerstag den angeblichen „Kopf des Vollstreckungsteams“. Der Mann habe den Kronprinzen auf seinen Reisen oft begleitet, hieß es in dem Artikel. Die „New York Times“ hatte den Mann zuvor ebenfalls als Begleiter des Prinzen identifiziert. Die Zeitung zeichnete anhand von Fotos aus Sicherheitskameras auch seine Bewegungen in Istanbul nach. Der Mann sei an dem Tag, an dem Khashoggi verschwand, um 3.38 Uhr morgens in Istanbul gelandet. Um 9.55 Uhr sei er im Konsulat gewesen. Es wird eng für MbS.

Sicherheitskameras zeigen offenbar, wie derselbe Mann am 2. Oktober – dem Tag des Verschwindens Khashoggis - das saudische Konsulat in Istanbul betritt. Quelle: Sabah/AP

Ein Verbrechen – und ein Fehler

In Riad wächst auch deshalb die Nervosität. Ein Topmanager einer saudi-arabischen Bank, der auf den Reformkurs des Kronprinzen schwört, ist entsetzt. Sollten die Gerüchte um Khashoggi stimmen, meint der Banker, der anonym bleiben will, hätte das „negative Rückwirkungen“ auf die Zukunft des Königreichs. Und er scheut sich nicht, grobes verbales Geschütz aufzufahren: MbS wolle Saudi-Arabien der Welt öffnen, sagt der Finanzmann, „und dann baut er diesen Mist“. Der mutmaßliche Mord wäre aus seiner Sicht nicht nur ein Verbrechen, sondern auch ein taktischer Fehler.

In Riad wies man die Vorwürfe zunächst als „haltlos“ zurück und sprach von einer Verschwörung gegen das Königreich, deren Drahtzieher vor allem Katar, der Iran und die Muslimbrüder seien, die Feinde Saudi-Arabiens. Beweise ist Riad aber bisher schuldig geblieben.

Seit seiner Ernennung zum Kronprinzen pflegt Mohammed bin Salman den Ruf des Erneuerers. Er kündigte Wirtschaftsreformen an. Sogar Kinos will er in dem erzkonservativen Land eröffnen. Und die Frauen sollen stärker am Wirtschaftsleben teilnehmen. Man sieht sie nun in Riad, in ihren schwarzen Abayas und oft mit einem Nikab, an den Kassen der Supermärkte, in den Einkaufszentren am Ladentisch, als Unternehmerinnen – und vereinzelt auch als „Capitana“, wie Taxifahrerinnen genannt werden.

Die Rollen des Kronprinzen und seines Vaters König Salman wurden klar verteilt. Poster an Häuserfassaden und Geschäften illustrieren im ganzen Land die Symbiose zwischen dem ehrwürdigen und respektierten König sowie seinem jungen und dynamischen Sohn.

„Getötet von MbS“: Demonstranten in Washington halten ein Foto des vermissten Journalisten in der Hand. Quelle: AP

Um das Land von der Ölabhängigkeit zu befreien, übertrug der König seinem Sohn Mohammed bin Salman umfassende Vollmachten. Kurz nach seiner Ernennung zum Kronprinzen stellte MbS die „Vision 2030“ vor, die den Weg Saudi-Arabiens in die Zukunft weisen soll. MbS hat freie Hand. Bis vor Kurzem konnte er stets auf die Rückendeckung seines Vaters zählen, wenn er Reformen durchsetzte oder der Außenpolitik des Landes eine neue Richtung gab. Der König, dem Altersschwäche und Alzheimer nachgesagt wird, ließ ihn gewähren.

Doch der Herrscher, der 1935 auf die Welt kam und erst im Alter von 79 Jahren den Thron bestieg, bleibe trotz der angeblichen Krankheit der ultimative Entscheidungsträger, meint ein Investor in Riad, der unerkannt bleiben will. Nachdem er ihn neulich bei einem offiziellen Empfang gesehen habe, glaube er nicht mehr, dass der König manipuliert werden kann.

Im Gegenteil: Der König scheint seinen Sohn wieder in die Schranken zu weisen. So übernahm er und nicht der Kronprinz die Führung, um das pikante Khashoggi-Problem mit den Präsidenten der USA und der Türkei zu entschärfen.

Gute Beziehungen: US-Präsident Donald Trump empfängt den Kromprinz im März 2018 im Weißen Haus. Quelle: SPA

Zuvor hatte König Salman bereits das ehrgeizige Projekt seines Filus gestoppt, die nationale Ölgesellschaft Aramco bis spätestens 2019 an die Börse zu bringen – und damit das Tafelsilber der Königsfamilie zu verscherbeln. „Die Verhinderung des Börsengangs war ein klares väterliches Zeichen des Misstrauens“, meint ein Ölfachmann in Riad. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg meinte MbS Anfang Oktober zwar, dass er Aramco etwas später als geplant, „Ende 2020, Anfang 2021“, an die Börse bringen werde.

In der Exekutive des Ölgiganten und vor allem in der königlichen Familie gebe es indessen massive Opposition gegen den Börsengang, weil die derzeit intransparente Firma den Investoren danach regelmäßig Bericht erstatten müsste. Damit wäre es mit der Geheimnistuerei um die Einnahmen und das Vermögen Aramcos vorbei, womit transparent würde, auf wessen Kosten die Adligen des Wüstenreichs ihren luxuriösen Lebensstil finanzieren. Das Schicksal Khashoggis könnten jetzt die Megapläne von MbS gefährden.

Bei der Jugend, die den größten Teil der Bevölkerung ausmacht, ist MbS zwar nach wie vor eine Kultfigur. Aber am Königshof würden die Urteilsfähigkeit und Kompetenz des Kronprinzen infrage gestellt, schrieb im Sommer der Saudi-Arabien-Experte Bruce Riedel von der Brookings Institution. Man werfe ihm „impulsive und waghalsige“ Entscheidungen im In- und im Ausland vor, die die Zukunft des Königreichs gefährden könnten.

Widerstand gegen den Prinzen

Innerhalb der Familie, so die Gerüchte in Riad, baue sich deshalb Widerstand gegen den Kronprinzen auf. Der Krieg im Jemen gegen die Houthis, die iranischen Verbündeten im Iran, in dem laut UN-Schätzungen bisher mindestens 10.000 Menschen getötet wurden, brandmarkte im Sommer ein prominenter Prinz öffentlich als Fehler des Kronprinzen. Das Interview machte in Saudi-Arabien schnell die Runde, weil er auf dem Clip sagt, was sich sonst niemand traut. Als Debakel des mutmaßlichen Thronfolgers gilt zudem die Blockade des Nachbarstaates Katar. Feinde schaffte er sich vor einem Jahr auch, als er Dutzende Prinzen und Milliardäre festnehmen ließ, denen er im Schnellverfahren Korruption vorwarf.

Argwöhnisch registrierten die Prinzen im Frühling zudem die Reise des Kronprinzen in die USA, wo er sich als Hightechförderer präsentierte und in den Medien noch präsenter war und noch charmanter auftrat als sonst. Weil das derart viele Neider auf den Plan rief, gab er sich nach seiner Rückkehr aus Kalifornien vorübergehend etwas bescheidener, wie ein Geschäftsmann aus Riad beobachtet hat.

Durch die Affäre Khashoggi steht der Mann mit den sanften Augen erneut im Fokus der Weltöffentlichkeit. Diesmal allerdings nicht mit Hightechplänen, sondern wegen düsterer Foltervorwürfe und einem ernsthaften Konflikt mit den USA.

Noch ist allerdings nicht entschieden, wie die Sache für den Kronprinzen ausgeht. Sollte MbS nach dieser Krise an der Macht bleiben, werde er die totale Kontrolle haben, meinen einige politische Beobachter in Riad. Andernfalls stehen dem Königreich, in dem seit Jahrzehnten stabile Verhältnisse herrschen, chaotische Zeiten bevor. Es könnte bin Salmans Glück sein.

Von Pierre Heumann

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