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Politik im Rest der Welt Hambacher Wald: „Wir werden alle in Gefangenschaft sein“
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17:12 17.09.2018
Die Aktivisten wollen die Rohdung mit der Besetzung verhindern. Quelle: imago/Michael Trammer
Kerpen

Die Situation im Hambacher Wald ist angespannt. Anders als in den ersten Tagen der Räumung kann die Aktivistin, die sich selbst Noah nennt, Maschinen und vermummte Beamten an Tag vier auch sehen: Am Boden rücken die Hundertschaften weiter in den Wald vor, bringen immer mehr Bäume zu Fall und räumen „Galien“. Die junge Frau zehrt noch von dem Hoffnungsschimmer des Vortages, als sich Tausende mit den Waldbesetzern solidarisierten, beobachtet das Geschehen rund 20 Meter unter ihr und bleibt per Walkie-Talkie mit ihren Mitstreitern in Kontakt. Im Interview schildert Noah aus ihrem Blickwinkel, wie es den Bewohnern geht und was sie nach der Räumung erwartet.

Vor vier Tagen sind die Räummaschinen angerückt, seitdem evakuiert die Polizei nach und nach eure Baumhäuser, in denen ihr seit rund sechseinhalb Jahren den Wald besetzt. Gestern hieß es aus Aktivistenkreisen, die Hoffnung auf einen Sieg sei dahin. Wie geht es euch heute?

Wir schwanken zwischen Kampfgeist und Empörung. Die Polizei hat bereits 18 von insgesamt 60 Baumhäusern geräumt und ist auch heute früh wieder aktiv. Es gab 34 Festnahmen und wir haben von den meisten Personen keine Informationen nach ihrem Verbleib in Haft oder wie es ihnen jetzt geht. Am schlimmsten trifft uns aber die große Zerstörung, die hier im Wald angerichtet wird.

Die NRW-Landesregierung hat als Grund für die Großaktion den fehlenden Brandschutz in euren Wohnanlagen angegeben. An sich doch ein gerechtfertigter Grund, oder?

Der Grund ist offensichtlich nur vorgeschoben. Wir haben viele Sicherheitsmaßnahmen in den Baumhäusern getroffen, unter anderem gibt es ausreichend Feuerlöscher und Fluchtwege – es wurde lediglich nur nie eine Brandschutzprüfung gemacht. Aber der Grund lässt sich eben besser argumentieren, als die Tatsache, dass es letztlich um die Ziele eines Wirtschaftskonzerns geht. Und wenn es zu unserem Schutz ist, dann frage ich mich, wieso wir als Kriminelle dargestellt werden und es bereits vielfach Festnahmen gab.

Apropos Festnahmen: In den Medien war in den letzten Tagen häufig von Polizeigewalt die Rede – wie seht ihr die Rolle der Polizei?

Es kam tatsächlich mehrfach zu gewalttätigem Umgang mit den Aktivisten. Die Räumung der Baumhäuser bringt immer wieder sowohl Aktivisten als auch Beamte in Gefahr, weil die Polizei teilweise tragende Bäume absägt. Es gab außerdem oft Schutzgriffe gegen friedliche Demonstranten.

Der Hambacher Wald ist nicht nur der Ort, an dem ihr ein Zeichen gegen Braunkohle setzt, sondern auch euer Lebensraum. Wie sieht euer Leben in den Tagen der Räumung aus?

Also in den mehr als sechs Jahren, die wir hier sind, war es ein ständiges Kommen und Gehen verschiedenster Menschen. Gerade in den vergangenen Tagen vor dem Beginn der Aktion kamen sehr viele zu uns, um gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen. Was mit einer Hand voll Menschen angefangen hat, betrifft mittlerweile rund 60 Menschen, die sich hier gemeinsam ihr Leben aufgebaut haben. Seit der Räumung sitzt jeder tagsüber in seinem Baumhaus und kümmert sich um einen Aufgabenbereich. Nur nachts klettern wir mal runter oder besuchen einander, sonst beschränkt sich der Kontakt auf Walkie-Talkies. Was wir aber mitbekommen ist die große Solidarität von außerhalb – sogar aus Amerika bekommen wir Zuschriften. Das bestärkt uns, weiter zu machen.

Und wie geht es für euch weiter, wenn auch die Räumung des letzten Baumhauses abgeschlossen ist?

Ich denke, wir werden alle erstmal eine Weile in Gefangenschaft sein. Und dann mal sehen, es gibt ja noch viele andere Wälder und Naturgebiete, die es zu schützen gibt. Vielleicht kehren wir sogar in den Hambacher Wald zurück – falls dann noch Bäume hier stehen.

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Von RND/Leonie Zimmermann

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