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Politik im Rest der Welt In den Armenvierteln von Athen: So geht es Griechenland nach der Krise
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12:22 22.05.2019
Ein Armenviertel in Griechenlands Hauptstadt Athen. Quelle: Matthias Schwarzer
Athen

„Esperia Palace Hotel“ steht noch an dem Pfeiler vor dem Eingang des neunstöckigen Gebäudes. Ein Kronleuchter hängt daneben. Die letzten Relikte des ehemaligen Luxushotels. Beides ist erstaunlich gut erhalten — ganz im Gegensatz zum Rest des Gebäudes: Die ehemaligen Eingangstüren sind mit Metalltoren verschlossen und mit Graffiti beschmiert. Von der früher sehr belebten Café-Terasse fließt das Urin.

„Hier wohnen jetzt Obdachlose“, erklärt Demitrios Koumas, der uns auf der Expedition EU durch sein Athen führt. In der Tat haben unter der Überdachung mehrere Menschen ihr Lager aufgeschlagen — andere haben hier einen kleinen Flohmarkt-Stand aufgebaut. „Auch das ist typisch Athen“, sagt Koumas. „Viele Arbeitslose verkaufen ihren Privatbesitz, um über die Runden zu kommen.“

Das Esperia-Hotel war seit 1963 in Athen ansässig und wurde 2010 sogar noch komplett renoviert. In neun Stockwerken und 174 Zimmern residierten über Jahrzehnte hinweg Tausende Urlauber — bis der Betrieb der griechischen Finanzkrise zum Opfer fiel. „Seit etwa sieben Jahren ist das Hotel geschlossen“, erklärt Koumas. Pläne, es wiederzueröffnen scheiterten bislang.

Überall Ruinen

Orte wie das Hotel gibt es in der Innenstadt von Athen viele: Überall sieht man Leerstände, abgewrackte Hochhäuser und Ruinen. Im August 2018 hatte Griechenland das europäische Hilfsprogramm nach acht langen Jahren verlassen. Seitdem steht das Land finanziell auf eigenen Beinen. Griechenland profitiert noch auf Jahre hinaus von verlängerten Kreditlaufzeiten sowie Zins- und Tilgungsstundungen. Doch gänzlich erholt von der Krise hat sich das Land nie.

Demitrios Koumas selbst hat lange in der Landwirtschaft gearbeitet und ist inzwischen Rentner. 800 Euro monatlich bekommt er. „Wegen der Krise wurde die Rente um 40 Prozent gekürzt“, erklärt er. „Da muss man erfinderisch sein, um über die Runde zu kommen.“

Demitrios Koumas bekommt 800 Euro Rente im Monat. Quelle: Tom Sundermann

Koumas und seine Frau machen ein bisschen Geld mit Airbnb und einem privaten Catering-Service. Und mit Demitrios’ Plattensammlung. Er verkauft seine Schätze aus den fünfziger und sechziger Jahren auf der Internetplattform Discogs. Ein guter Nebenverdienst – „aber es tut schon weh“, erzählt uns der Rentner im Podcast zur Expedition EU.

Viel Armut, hohe Arbeitslosigkeit

Wie Demitrios Koumas geht es vielen Einwohnern in Griechenland. Viele leben seit der Krise in Armut. Auf dem Papier ist die Arbeitslosenquote zwar deutlich gesunken (von 27,5 Prozent 2013 auf aktuell 18,6 Prozent) – dennoch ist es weiterhin die höchste in Europa. Zum Vergleich: Vor der Finanzkrise lag die Arbeitslosigkeit bei 12,73 Prozent. Die Zahl der Erwerbstätigen liegt bei 3,83 Millionen, zu Beginn der Krise waren es noch 4,39 Millionen. Die Jugendarbeitslosigkeit fiel von über 50 auf 36,6 Prozent.

Demitrios Koumas zeigt uns ein heruntergekommenes Wohnviertel, einige Kilometer vom Athener Campus-Stadion entfernt. „Hier haben früher viele Familien gelebt, überall gab es gepflegte Gärten und schöne Briefkästen an den Eingängen“, erinnert sich der Rentner. Heute ist davon nichts übrig geblieben. Die Gegend gilt als Armenviertel.

Die Häuser verfallen, ein ehemaliges Fisch-Haus ist heute eine heruntergekommene Ruine. Überall liegt Müll, auf dem brüchigen Bordstein frisst eine streunende Katze ein undefinierbares Stück rohes Fleisch. „Vor einigen Jahren wollte man das Viertel attraktiver machen“, erinnert sich Koumas. Doch dann kam die Krise. Alle Investitionen wurden auf Eis gelegt, seit vielen Jahren herrscht hier Stillstand. Mieter zogen aus, Fremde zogen ein. Ganz in der Nähe ist eine Flüchtlingsunterkunft. „Heute kennt hier niemand niemanden mehr.“

Eine Ruine in der Athener Innenstadt. Quelle: Matthias Schwarzer

Der amtierende Ministerpräsident Alexis Tsipras hatte einst versprochen, Griechenland wieder auf den richtigen Weg zu führen — ebenso wie all seine Vorgänger. So richtig gelungen ist das bisher keinem. Speziell von Tsipras sind inzwischen viele Menschen enttäuscht. Neuwahlen sind regulär für Oktober angesetzt. Sofern er bis dahin durchhält, könnte es eng für ihn werden.

Hohe Unzufriedenheit gegenüber der EU

Auch Koumas bemerkt die konsistente Unzufriedenheit gegenüber der Regierung in seinem Land. Und nicht nur das: Viele Griechen seien seit der Krise ausgesprochen EU-feindlich eingestellt. Bei einem Staatsbesuch 2014 von Angela Merkel hatten griechische Medien die Bundeskanzlerin in SS-Uniform gezeigt, auf den Straßen gab es Massenproteste mit Merkel-Hitler-Plakaten. Auch Tsipras befeuerte das Feindbild – damals noch in der Opposition. Er bezeichnete Merkel seinerzeit als die“gefährlichste Politikerin Europas“.

Inzwischen habe sich die Lage etwas entspannt, glaubt Koumas. Die Enttäuschung über Regierung und EU äußere sich heute eher in Politikverdrossenheit. Vor allem das Interesse an der Europawahl sei außerordentlich gering. Laut aktuellen Umfragen seien rund 14 Prozent der Griechen unentschlossen, rund 25 Prozent würden gar nicht erst zur Wahl gehen.

Die Akropolis – Symbol eines stolzen Griechenlands. Quelle: Tom Sundermann

Auch Koumas selbst sieht die EU heute eher kritisch. Am Niedergang seiner Heimatstadt gibt er Brüssel eine Mitschuld — ohne genauer zu erklären, warum. „Wie auch immer“, sagt der Rentner. „Mich kriegt nichts unter. Ich bin gesund, und ich werde auch diese Krise überleben.“ Schließlich habe er jahrzehntelang ins System eingezahlt. „Jetzt will ich auch etwas zurückbekommen“, sagt er. Auch wenn es nicht viel ist.

Von Matthias Schwarzer, Tom Sundermann und Joris Gräßlin/RND