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Politik im Rest der Welt Kassen-Chef: Versicherte müssen mit steigenden Beiträgen rechnen
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14:06 30.09.2019
Der Vorstandschef der Techniker Krankenkasse Jens Baas Quelle: Foto: Techniker Krankenkasse
Berlin

Die Techniker Krankenkasse (TK) ist mit rund 10,5 Millionen Versicherten Deutschlands größte gesetzliche Kasse. Vorstandschef Jens Baas spricht im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) über die mangelhafte medizinische Versorgung auf dem Land, die Wahlerfolge der AfD, über sinkenden Einnahmen der Kassen und den Einsatz der künstlichen Intelligenz in der Medizin.

Herr Baas, der Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg wird auch damit erklärt, dass sich viele Menschen alleingelassen fühlen, insbesondere bei der ärztlichen Versorgung. Ist das für Sie nachvollziehbar?

Dass eine unzureichende Gesundheitsversorgung auf dem Land, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen, ein zunehmendes Problem für die Menschen darstellt, kann ich nachvollziehen. Immer mehr Hausärzte gehen in Rente, aber finden keinen Nachfolger. Auch für Fachärzte sind ländliche Regionen häufig nicht besonders attraktiv, etwa wegen mangelnder Infrastruktur oder fehlender Kultur- und Freizeitangebote. Da ist auch mit mehr Geld für die Ärzte nichts zu machen. Wir müssen überlegen, wie wir die konkreten Probleme lösen. Aber zu Ihrer Frage: Dass AfD wählen diese konkreten Problemlösungen voranbringt, bezweifle ich persönlich doch stark.

Aber wie können die Probleme bei der Versorgung auf dem Land gelöst werden?

Jahrelang hat die Politik sich im Klein-Klein verloren. Wir benötigen endlich einen gesamtdeutschen Masterplan, um die medizinische Versorgung auch auf dem Land sicherzustellen, heute und vor allem für die Zukunft. Ein weiterer zentraler Baustein ist sicherlich, die Krankenhausplanung zu überdenken.

Was schlagen Sie vor?

Benötigt werden im Grunde zwei Arten von Kliniken: Hochspezialisierte Häuser sowie Kliniken, die nur für die Grundversorgung und für Notfälle zuständig sind. Letztere muss man nicht nur für das Erbringen von Leistungen bezahlen, sondern auch dafür, dass sie da sind und die Notfallversorgung sicherstellen. So eine Aufteilung würde aber ein neues Finanzierungssystem erfordern. Denn heute müssen Kliniken viel operieren, damit sie wirtschaftlich arbeiten. Das setzt völlig falsche Anreize.

Wenn man überflüssige Kliniken schließt, werden aber für die Patienten auch die Wege länger.

Daher müssen wir uns überlegen, wie die Patienten zum Arzt kommen. Es könnte sinnvoller sein, in gewissen Regionen für Notfälle verstärkt Hubschrauber oder andere schnelle Transportmittel einzusetzen, anstatt ein dichtes Netz schlecht ausgestatteter, unrentabler Kliniken zu betreiben. Und für eine planbare Operation beim Spezialisten wird jeder Patient einige Kilometer mehr Fahrtweg in Kauf nehmen, wenn er dafür eine bessere Behandlungsqualität bekommt.

Und wie lösen wir das Problem der fehlenden Hausärzte?

Einige Krankenhäuser, die nicht mehr gebraucht werden, können zu medizinischen Versorgungszentren umgewidmet werden, in denen Haus- und Fachärzte unter einem Dach arbeiten. Für Mediziner kann das attraktiver sein, weil sie dann keine Einzelkämpfer mehr sind. Angestellte Ärzte geben zum Beispiel Verwaltungsaufgaben ab und können leichter in Teilzeit gehen. Sinnvoll wäre in ländlichen Räumen auch der Einsatz von mobilen Praxen. Und wir benötigen eine Aufwertung der Pflegeberufe. So werden Ärzte entlastet und Pflegeberufe attraktiver.

Warum ist das alles nicht längst in Angriff genommen worden?

Vor allem im Gesundheitswesen gibt es viele extrem unterschiedliche Interessen. Die Kliniken wollen ihr breites Angebot an Operationen nicht ohne Weiteres einschränken, den Ärzten fällt es schwer, Aufgaben abzugeben, die Länder wollen sich bei der Klinikplanung nicht reinreden lassen. Die Beharrungskräfte sind enorm. Hier muss ein gordischer Knoten durchschlagen werden. Und das kann nur der Bundesgesundheitsminister tun.

Die Wirtschaft befindet sich im Abschwung. Was bedeutet das für die Kassen und deren Beitragssätze?

Auch in der Krankenversicherung sind die richtig guten Jahre wohl vorbei. Geht die Zahl der Beschäftigten zurück, sinken die Beitragseinnahmen. Die Ausgaben steigen jedoch weiter kräftig, zuletzt mit einer Rate von immerhin 5 Prozent. Das liegt auch an den teuren Reformen aus der laufenden und der vorangegangenen Wahlperiode. Die Kosten dieser Reformen summieren sich auf 10 bis 15 Milliarden Euro jährlich. Bisher konnte das durch die gute Beschäftigungslage und die starke Zuwanderung aufgefangen werden. Aber darauf können wir uns langfristig nicht stützen.

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Was heißt das für den Beitragssatz?

Bei sinkenden Einnahmen und steigenden Ausgaben werden die Krankenkassen ihre heutigen Beitragssätze auf Dauer nicht halten können.

Wie stark müssen die Sätze steigen?

Das kann man noch nicht sagen. Klar ist aber, dass wir jetzt dringend die von Minister Spahn versprochene Finanzreform benötigen, bei der es um die faire Verteilung der Gelder zwischen den Kassen geht. Kommt die Finanzreform nicht oder nur unvollständig, besteht die Gefahr, dass schon bald Kassen in die Pleite schlittern. Die AOK bekommen rund 1,3 Milliarden Euro pro Jahr mehr, als sie zur Versorgung ihrer Versicherten ausgeben. Das Geld fehlt entsprechend bei den anderen Kassen. Die Situation ist kritisch und wird in der Öffentlichkeit völlig unterschätzt oder ist vielen gar nicht bekannt, obwohl sie über 70 Millionen gesetzlich Versicherte betrifft.

Die TK gilt als Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Wie wird die elektronische Gesundheitsakte angenommen, die Sie vergangenes Jahr eingeführt haben?

Sehr gut. Wir haben aktuell über 200.000 Versicherte, die sich dafür entschieden haben, die Akte zu nutzen – Tendenz stetig steigend. Das zeigt uns, dass sich die Menschen eine digitale Lösung für ihr Gesundheitsmanagement wünschen.

Man hat den Eindruck, dass Spahn zwar Druck bei der Digitalisierung macht, aber nicht wirklich vorankommt. Teilen Sie die Einschätzung?

Ich will etwas tun, was für einen Kassenchef eher ungewöhnlich ist: den Gesundheitsminister loben. Spahn steht voll und ganz hinter dem Digitalthema und stellt sich mit großer Ausdauer gegen all die Bedenkenträger und Interessenwahrer im Gesundheitswesen, die gerade versuchen, die ab 2021 für alle Versicherten geplante elektronische Patientenakte zu zerschießen. Wir müssen aufpassen, dass sich die unendliche Geschichte der elektronischen Gesundheitskarte nicht wiederholt.

Wenn die Patientenakte einmal für alle da ist: Was ist aus Ihrer Sicht der nächste große technologische Schritt?

Wenn die Patientenakten irgendwann mit zahlreichen Daten gefüllt sind, können Expertensysteme dem behandelnden Arzt auf Basis künstlicher Intelligenz, gefüttert mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, wichtige Hinweise geben. Entscheiden muss am Ende zwar immer der Mediziner, doch ihm steht dann eine Vielzahl an Daten zur Verfügung, die dem Patienten Vorteile bringen. Diese Daten kann er aber ohne technische Hilfe nicht mehr bewältigen. Ich bin mir ganz sicher: Es wird in absehbarer Zeit als Kunstfehler gelten, wenn Ärzte bei der Diagnose kein Expertensystem befragen.

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Von Tim Szent-Ivanyi/RND

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