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Politik im Rest der Welt Die letzte Schicht von Bottrop
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10:44 21.12.2018
Rückbau statt Abbau: Der Bergmann Wolfgang Dolfen gehört zu den letzten, die noch im seit heute geschlossenen Bergwerk ­Prosper-Haniel in Bottrop arbeiten. Er kümmert sich um den Rückbau der Anlagen. Quelle: Foto: Stefan Arend
Bottrop

Da ist es, das schwarze Gold. Es funkelt, es glitzert. Auf der siebten Sohle des Bergwerks Prosper-Haniel in Bottrop, unten in 1229 Metern Tiefe, ist es warm, stickig und staubig. Hier stand sie, die „SL 750“. Eine riesige Walze, die in zwei Minuten so viel Steinkohle aus dem Flöz herausschneiden kann, wie auf zwei große Lastwagen passen. Anfang September haben sie dieses Monstrum noch einmal angeworfen. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Es sind die letzten Brocken deutsche Steinkohle, die auf das Förderband fallen und Richtung Schacht abtransportiert werden. Danach begann der lange Abschied, immer mehr Maschinen wurden abgebaut.

Inzwischen ist die „SL 750“ wieder „über Tage”. Mit dem Förderkorb haben sie die Einzelteile des 80-Tonnen-Ungetüms wieder nach oben gebracht. Das Ding soll ins Bergbaumuseum nach Bochum. Teure, beeindruckende Technik, plötzlich ist sie reif fürs Museum. So wie der Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet insgesamt.

Seit 1863 haben sie in Bottrop Steinkohle gefördert. Mit Prosper-Haniel schließt nun am heutigen Freitag die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Zum Abschied kommt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu den Kumpeln. Am Donnerstagabend läuteten die Kirchenglocken im ganzen Ruhrgebiet. Ein letzter Gruß an die Malocher von unter Tage. Eigens für den Gottesdienst sollte nach Angaben des Ruhrbistums eine Statue der Heiligen Barbara aus 1200 Metern Tiefe ans Tageslicht gebracht werden. Tags zuvor feierte der FC Schalke 04 Abschied vom Bergbau – mit einer Gedenkstunde vor dem Bundesliga-Spiel gegen Bayer Leverkusen. Unzählige Fans waren in Bergmannskluft samt Grubenlampen ins Stadion gekommen. Das Spiel ging verloren.

Es sind Zeiten voller Wehmut im Revier. Ein letztes Mal stehen die Bergleute noch einmal im Fokus, ihre Geschichten und ihre Tradition. Verbunden ist das alles mit der Frage, was von alledem bleibt. Was wird aus der Region, die von der Kohle und den Kumpeln so viele Jahrzehnte geprägt wurde? Und eignet sich das behutsame Auslaufen der Förderung als Beispiel für den geplanten Ausstieg aus der Braunkohle?

Rückblick, 17. September 2018 auf Prosper-Haniel: In der Kaue von Schacht 10 liegen blaue Bergmannshemden mit weißen Streifen bereit, Unterwäsche, Halstuch, Schutzanzug, Knieschoner. Später bekommt man Helm, Grubenlampe und CO2-Filter in die Hand gedrückt. Noch einmal soll es nach unten gehen. Diesmal ist auch Michael Vassiliadis dabei, der Chef der Bergbaugewerkschaft IG BCE, dabei. „Auf der Kohle ist der ganze Wohlstand aufgebaut, den wir heute haben“, sagt er.

Krachend fällt das Gitter des Förderkorbs ins Schloss. Auf dem Weg in die Tiefe muss man schlucken. Der Korb bewegt sich mit zwölf Metern pro Sekunde abwärts. Der Druck in den Ohren steigt. Es ist eine Fahrt in eine andere Welt. Mit der „Dieselkatze”, einer an der Decke hängenden Bahn mit engen Sitzkabinen, geht es weiter, kilometerweit durch dunkle Gänge, fast eine halbe Stunde lang. Es ist eine Reise in die Erde – und nun auch eine in die Vergangenheit.

Ein Festakt, dann ist Schicht

Bergmann Wolfgang Dolfen reicht einen silbernen Flachmann. Nicht Schnaps ist darin, sondern Schnupftabak. „Macht die Nase frei!“, sagt er. 38 Jahre hat er im Pütt gearbeitet, die Hälfte der Zeit unten. Der Staub, der sich auf die Schleimhäute setzt, die schwere Arbeit, die einzigartige Solidarität der Bergleute, der Schnupftabak – nun ist das alles Geschichte. Fürs Museum.

Der Bergbau gehört zum Ruhrgebiet wie Taubenzüchter, Trinkhallen, der BVB oder Schalke 04 – und er ist ein wichtiger Teil der bundesrepublikanischen Geschichte. Ohne ihn wäre das deutsche Wirtschaftswunder der Fünfziger- und Sechzigerjahre nicht möglich gewesen. Rund zehn Milliarden Tonnen Steinkohle sind in den vergangenen 200 Jahren an Rhein und Ruhr nach oben geholt worden. „Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt”, singt Herbert Grönemeyer in seiner Pott-Hymne „Bochum”.

Prosper-Haniel, Auguste Victoria, Hugo oder Zollverein – die Namen der Schachtanlagen stehen für den vergangenen Boom im Revier, aber eben auch für Kohlekompromisse, demonstrierende Kumpel, Milliardensubventionen – und die Notwendigkeit eines beispiellosen Strukturwandels.

„Niemand fällt ins Bergfreie”

„Niemand fällt ins Bergfreie”, hatte die Politik den Kumpeln im Ruhrgebiet versprochen. Im Klartext: Es sollte keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Und so ist es auch gekommen. 300 der zuletzt noch 1395 Kumpel auf Prosper-Haniel müssen allerdings noch untergebracht werden. „Das kriegen wir hin”, heißt es in Bottrop. Tatsächlich war es ein halbwegs schonendes Verfahren – für einen so brachialen Wandel. Ähnliches schwebt auch der Kommission vor, die Anfang 2019 ihre Empfehlungen für den Abschied von der Braunkohle präsentieren soll. Schmerzhaft bleibt es dennoch.

„Glückauf”, sagt Wolfgang Dolfen. Er sitzt jetzt in einem kleinen Büro in der Zechenzentrale, dekoriert mit Bildern von Grubenfahrten, mit Pokalen und Urkunden. Was ein verdienter Bergmann so ansammelt über die Jahre. Es ist die Woche, die mit dem großen Festakt am heutigen Freitag enden soll. Die letzte Woche.

„Wir sind auf dem Rückzug”, erklärt Dolfen. Damit meint er den Rückzug unter Tage. „Eine regelrechte Materialschlacht“ sei das, eine logistische Herausforderung der besonderen Art. Und es geht voran dabei: Die Abbaustrecke, wo sie im November das letzte Stück Revierkohle aus dem Berg herausgeholt haben, die dem Bundespräsidenten heute überreicht wird, ist bereits verschlossen. Der Brocken soll einen Ehrenplatz bekommen, in Steinmeiers Arbeitszimmer in Schloss Bellevue.

Der große Hobel von Prosper-Haniel steht mittlerweile drüben in Gelsenkirchen, vor dem Stadion von Schalke 04. Inzwischen haben sie auf der siebten Sohle auch das letzte Telefon und das letzte Messgerät abgeschraubt. So wie vorgesehen in Paragraf 22a der Bundesbergverordnung.

Kurz vor Schluss – ein Unglück

In die Arbeiten hinein platzte diese Woche die Schreckensnachricht aus Ibbenbüren. Beim Rückbau in den Stollen der gerade erst geschlossenen Zeche am Rande des Münsterlandes war ein 29-jähriger Bergmann unter eine Wettertür geraten. Er erlag seinen schweren Verletzungen. Es war der erste tödlich verunglückte Kumpel seit 2012. Ausgerechnet jetzt vor Weihnachten. Ausgerechnet vor den großen Feiern zum Kohleabschied.

„Ein Schock”, sagt Dolfen, der hier in Bottrop für den Arbeitsschutz unter Tage zuständig ist. Seine Leute, die nun tonnenweise Maschinenteile nach oben holen, erhalten nun eine Extrasicherheitsunterweisung. Alles soll geordnet zu Ende gehen und vor allem: ohne Unfälle. Die Arbeiten werden wohl noch Monate dauern. Dann wird Schacht 10 zugemacht für die Ewigkeit. Den restlichen Mitarbeitern des einst stolzen RAG-Konzerns bleibt dann nur noch die Aufgabe, das Wasser von unten abzupumpen und die Bergschäden an der Oberfläche so weit wie irgend möglich zu begrenzen.

Auf Prosper-Haniel hatten sie mal die modernste Technik überhaupt. Ein türkischer Bergwerksdirektor sicherte sich bereits früh die Förderbänder. „Packt alles auf einen Lkw und bringt es mir, wenn ihr hier fertig seid“, habe der gesagt, erzählt Bergmann Dolfen. In diesem Moment ist ihm anzumerken, dass es nicht leicht ist, zu den letzten Kohlekumpeln im Revier zu gehören. Das schwarze Gold holen in Zukunft andere nach oben – weit weg von Bottrop, unter viel schlechteren Arbeitsbedingungen.

Die Vorräte würden für Jahrhunderte reichen

Bestimmt 300 Jahre könnten sie hier noch weiter abbauen, sagen sie in Bottrop. Die Vorräte sind riesig: Aber deutsche Kohle ist auf dem Weltmarkt schon lange nicht mehr konkurrenzfähig. Für die Kumpel ist das bitter.

Bergmann Dolfen weiß noch, wie sie mit der Gewerkschaft demons­triert haben, 1997 in Bonn, als die Subventionen weiter gekürzt und weitere Zechenjobs gestrichen werden sollten. Die ganze Stadt war voll mit Kumpeln. Noch einmal setzten sie sich durch, bekamen mehr Zeit. Doch politisch waren die Milliardensubventionen auf Dauer nicht mehr zu halten.

Plötzlich redeten alle über Klimaschutz, immer weniger sprachen von der Kohle. Und wenn, dann nur über die immensen Kosten – und die Schäden für die Umwelt. Die staatlichen Bergbauzuschüsse der vergangenen Jahrzehnte summieren sich nach Schätzungen inzwischen auf rund 200 Milliarden Euro. 2007 besiegelte man schließlich das Auslaufen der Förderung bis Ende 2018.

Wo kommen neue Jobs her?

Frank-Walter Steinmeier hätte das alles gerne noch einmal zurückgedreht. Jedenfalls machte er sich 2009 als SPD-Kanzlerkandidat noch für einen Ausstieg aus dem Ausstieg stark. Wenn er heute seine Festrede vor dem Förderturm von Bottrop hält, wird er die Kumpel-Kultur im Ruhrgebiet beschwören, die Kohle als Motor für den Aufstieg einer ganzen Region. „Einmal Bergmann, immer Bergmann”, heißt es im Revier. Noch einmal werden sie das Steigerlied singen. Noch einmal wird es um die Frage gehen, wo neue Zuversicht und neue Jobs herkommen sollen. In den Ruhrgebietsstädten liegen die Hartz-IV-Quoten jedenfalls deutlich über dem Bundesschnitt.

Bergmann Dolfen geht mit zwiespältigen Gefühlen. Abgesichert ist er, das ja. Ende 2019 kann er in den Vorruhestand und später ohne Abschläge in Rente. Aber was ist mit den Jüngeren im Revier? Strukturwandel, wo man hinschaut. Viel wird versucht mit modernen Startups und Innovationszentren. Aber das ganz große Jobwunder ist dabei bisher nicht herauskommen.

Zu Hause in Gelsenkirchen-Buer, wo Dolfen mit seiner Frau lebt, liegt schon die Bergmannsuniform für den Abschiedsfestakt mit dem Bundespräsidenten in Bottrop bereit, ein schwarzer Kittel mit goldenen Knöpfen. „Das ist wie bei einer Beerdigung”, sagt er. „Das ist nie schön. Aber man geht hin. Ist doch klar.”

Von Rasmus Buchsteiner/RND

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