Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Politik im Rest der Welt Thorsten Schäfer-Gümbel: „Es geht um natürliche Autorität“
Nachrichten Politik Politik im Rest der Welt Thorsten Schäfer-Gümbel: „Es geht um natürliche Autorität“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:54 28.06.2019
Thorsten Schäfer-Gümbel, kommissarischer SPD-Parteivorsitzender, will mit seiner Partei Arbeit und Umwelt versöhnen. Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Herr Schäfer-Gümbel, richten Sie bei der SPD gerade eine Dating-App fürs Handy ein, damit potenzielle Paare für eine Doppelspitze zusammenfinden?

Nein. Die brauchen wir auch nicht. Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sind kontaktfreudige Menschen, die auch so miteinander ins Gespräch kommen. Und da tut sich auch schon was.

Kandidaten dürfen sich im Duo oder allein bewerben. Wenn Sie für den Job als Parteichef eine Stellenausschreibung formulieren müssten: Was stünde darin?

Gesucht sind Menschen, die sammeln und führen können. Die zuhören, aber auch Orientierung geben. Es geht um natürliche Autorität, die nicht mit autoritärem Gehabe zu verwechseln ist. Vor allem müssen die Bewerber eine klare Vorstellung und gute Ideen haben, wie wir den technischen Fortschritt so gestalten, dass sozialer Wohlstand daraus wird.

Gibt es künftig immer eine Mitgliederbefragung über den SPD-Vorsitz oder darf die Basis nur abstimmen, wenn es brennt?

Jede Zeit sucht ihre Antworten. Jetzt geht es darum, der neuen Führung durch einen Mitgliederentscheid möglichst hohe Legitimation zu geben. Automatismen führen schnell zu statischen Verhältnissen.

Gemeinsam mit Manuela Schwesig und Malu Dreyer bereiten Sie die Halbzeitbilanz der großen Koalition vor. Geben Sie dann auch eine Empfehlung an den Parteitag?

Als kommissarische Vorsitzende bereiten wir die Halbzeitbilanz vor. Vor dem Parteitag werden wir intensiv mit denen sprechen, die aus der Mitgliederbefragung als Spitze der neuen Führung hervorgehen. Wir wollen dem Parteitag unsere Analyse zur Arbeit der großen Koalition und unsere strategischen Schlüsse in enger Abstimmung mit der künftigen Parteiführung vorlegen.

Wird die Mitgliederbefragung über den Parteivorsitz zum Plebiszit über die große Koalition?

Es wäre ein Fehler, die Suche nach neuen Vorsitzenden auf diese Frage zu reduzieren. Natürlich werden Mitglieder auf den Regionalkonferenzen Kandidatinnen und Kandidaten nach ihrer Haltung zur großen Koalition fragen. Kluge Kandidaten werden ihre Kampagne aber nicht auf diese Frage verengen. Noch drängender wird die Frage der Mitglieder sein: Wie stellt ihr euch die Zukunft der SPD vor? Und das ganz unabhängig von einer aktuellen Regierungskonstellation.

Ist es aus Ihrer Sicht vorstellbar, dass das Land auch eine Zeit lang von einer Minderheitsregierung regiert wird. Oder verträgt sich das nicht mit stabilen Verhältnissen?

Auch in Deutschland sind Minderheitsregierungen denkbar, aber nicht erstrebenswert. Es darf zum Beispiel nicht sein, dass Mehrheiten im Bundestag mit Stimmen einer rechtsradikalen Partei zustande kommen und der Einfluss der AfD somit wächst. Deutschland braucht gerade in dieser Zeit der Veränderung eine stabile Regierung, um seine Position in Europa und der Welt engagiert vertreten zu können.

Die SPD hat gerade ein Konzept zur Klimapolitik erarbeitet. Was ist das grundlegende Ziel?

Wir wollen Arbeit und Umwelt versöhnen und nicht als Gegensätze begreifen. Die Veränderungen müssen konkret gestaltet werden, Sicherheit in einer Zeit des Wandels wird in den kommenden Jahren eine sehr große Rolle spielen.

Wie werden Sie das Thema CO2-Besteuerung angehen?

Wir wollen unbedingt verhindern, dass Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen diejenigen sind, die am Ende die Zeche zahlen. Die CO2-Steuer ist ein Beitrag, eine soziale Ausgestaltung aber auch.

Hätten Sie als Schüler bei den „Fridays for future“-Protesten mitgemacht?

Wenn ich heute Schüler wäre, wäre ich bei „Fridays for Future“ auf jeden Fall dabei. Ich selbst habe als Schüler mal den Unterricht ausfallen lassen, um an Protesten gegen eine misslungene Bildungsreform teilzunehmen. Direkt danach bin ich in die SPD eingetreten.

Juso-Chef Kevin Kühnert ist 29 Jahre alt. Hätten Sie sich in seinem Alter den SPD-Vorsitz zugetraut?

Nein.

Franziska Giffey gilt vielen als geeignete Kandidatin für den SPD-Vorsitz, hat aber Probleme mit Plagiatsvorwürfen wegen ihrer Doktorarbeit. Sind Sie froh, nie promoviert zu haben?

Ich habe nach dem Studium eine Doktorarbeit angefangen. Ich hatte dann aber die Chance, von einer halben befristeten Stelle an der Uni auf eine unbefristete Vollzeitstelle bei der Stadt zu wechseln. Eigentlich wollte ich die Doktorarbeit trotzdem nebenher schreiben. Ich musste bald einsehen, dass sich das für mich mit Beruf, Ehrenamt und der Geburt unserer ersten Tochter nicht vereinbaren ließ. Dann habe ich das Projekt beendet. Das war eine kluge Entscheidung in meinem Leben.

Die SPD versucht gerade zum dritten Mal, Thilo Sarrazin aus der Partei auszuschließen. Wäre es nicht klüger, ihn einfach zu ignorieren?

Seine Positionen haben keinen Platz in unserer Partei. Es geht um Haltung und nicht um Taktik.

Sie haben drei Mal vergeblich versucht, hessischer Ministerpräsident zu werden. In der Konsequenz verlassen Sie in Kürze die Spitzenpolitik. Tut es weh zu gehen, ohne selbst je einer Regierung angehört zu haben?

Opposition ist nicht immer Mist, sondern ist bedeutend für eine Demokratie. Aber ich hätte gern als Ministerpräsident gestaltet. Ich bedaure es, dass es nie dazu gekommen ist. Jetzt plötzlich in einer Art Nachspielzeit unerwartet als kommissarischer Parteichef die SPD zu führen, ist eine sehr herausfordernde Aufgabe und macht mich auch stolz. Mitunter macht es sogar großen Spaß.

Worauf freuen Sie sich für das Leben nach der Politik am meisten?

Auf planbare Wochenenden. Und mehr Zeit mit meiner Frau.

Lesen Sie auch einen Kommentar: Großes Kino für die Politik

Von Tobias Peter/RND

Der Tod von Walter Lübcke sollte kein Einzelfall bleiben: Vorbereitungen deutscher Rechtsextremisten auf Angriffe gegen Hunderte politischer Gegner waren laut dem Bundesamt für Verfassungsschutz weiter fortgeschritten als bislang bekannt – und bereits bis ins kleinste Detail geplant.

28.06.2019

Extrem-Temperaturen und Trockenheit in Deutschland: Die Kommunen sehen zwar nicht die Gefahr flächendeckenden Wassermangels. Sie fordern die Bürger jedoch zu verantwortungsvollem Umgang mit Wasser auf.

28.06.2019

Der SPD-Politiker Heiko Maas zeigt sich betroffen von der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke – und startet eine Solidaritätskampagne für Kommunalpolitiker und Ehrenamtliche. Der #DonnerstagDerDemokratie kommt an. Prominente und Vertreter – fast – aller Parteien machen mit.

28.06.2019