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Politik im Rest der Welt Leben an der irischen Grenze: Wo die Angst vor dem Existenzverlust zum Leben gehört
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17:14 13.05.2019
Pat Britton betreibt einen Pub genau auf der irisch-nordirischen Grenze. Seine Kunden zahlen in Pfund oder Euro. Quelle: Tom Sundermann
Pettigo

Als wir den kleinen Pub betreten, senkt sich allmählich die Sonne über Pettigo. Die Mücken schwirren über dem Termon River, die Abendsonne taucht das pittoreske Dorf in goldene Farben. Das Radio an der Bar spielt einen undefinierbaren Mix aus 2000er House-Musik und Siebzigerjahre-Oldies.

„Was führt Euch hierher?“, fragt Pat Britton, während er das erste Guiness des Abends an uns ausschenkt. Im Radio beginnen die Lokalnachrichten. Es geht um den Brexit.

Gutes Stichwort. Denn genau darum sind wir hier. Die Bar von Pat Britton ist nicht irgendeine Bar. Sie liegt direkt an dem Fluss, der das Dorf Pettigo in zwei Teile trennt. Der eine Teil liegt im britischen Nordirland - der andere Teil in der eigenständigen Republik Irland.

„In den Köpfen der Menschen hier existiert diese Trennung gar nicht“, erklärt der Wirt. „Ich überquere die Grenze täglich - und zwar so oft, dass ich es gar nicht zählen könnte.“

Mehrere Anschläge in Pettigo

Und doch ist sie täglich ein Thema. Seit die Briten 2016 den Austritt aus der EU beschlossen haben, weiß niemand in Pettigo, wie das Zusammenleben künftig weitergehen soll. Denn möglich ist so ziemlich alles: Grenzposten, strenge Kontrollen. Und noch schlimmer: ein neues Aufflammen des Nordirlandkonflikts.

Während der sogenannten „Troubles“ hat es auch in Pettigo eine ganze Reihe von Anschlägen gegeben. Eine Autowerkstatt flog gleich mehrmals in die Luft - und auch in der Postfiliale von Pettigo wurde einst eine Bombe gefunden. Beim Entschärfen verlor ein britischer Soldat sein Leben. Jahrzehntelang war das Dorf Symbol der Teilung und des blutigen Konflikts, der im gesamten Land mehr als 3700 Menschen das Leben kostete.

„Damals hat es in Pettigo einen starken Zusammenhalt gegeben. Katholiken und Protestanten standen zusammen“, erinnert sich Britton. Die Gemeinschaft halte bis heute an. „Trotzdem kann sich niemand diese Zeiten zurückwünschen.“

„Wir wollen die Troubles auf keinen Fall zurück“

Ein mögliches Wiederaufflammen des Konfliktes treibt auch Liam McGinley um. Er arbeitet an einer Tankstelle in Enniskillen, nur wenige Kilometer von Pettigo entfernt. Die irisch-nordirische Grenze verläuft genau über das Gelände. Die Zapfsäulen befinden sich noch in Irland, die Lagerhalle mit Diesel-Verkauf schon im britischen Nordirland.

Liam McGinley pendelt täglich über die Grenze zur Arbeit. Quelle: Tom Sundermann

„Neue ‚Troubles’ wären eine Katastrophe“, so der Tankwart. Das Ausmaß der Gewalt hat McGinley damals selbst miterlebt. Immer wieder hat es in der Gegend Anschläge gegeben. „Meine Familie ist in Nordirland aufgewachsen und hat die Gewalt hautnah miterlebt. Wir wollen diese Zeiten auf keinen Fall zurück. Die Angst vor dem Brexit ist riesig.“

Beim Nordirlandkonflikt kämpften katholische Befürworter einer Vereinigung Irlands jahrzehntelang gegen die britische Armee und protestantische Loyalisten. Ein Konflikt, der mit dem Karfreitagsabkommen 1998 sein offizielles Ende nahm. Doch auch heute gibt es noch bewaffnete Splittergruppen in Nordirland, die sich von einem Wiederaufflammen des Konflikts neue Legitimation und Geld erhoffen.

 Alles in der Warteschlange

Doch auch abseits von Gewalt und Terror bringt der Brexit für Iren und Nordiren nur Probleme mit sich. „Ich kenne niemanden, der hier in der Gegend pro Brexit ist“, sagt Terry Hughes im Podcast zur Expedition EU. Ihm gehört die Cirkle-K-Tankstelle direkt auf der Grenze. „Und inzwischen glaube ich sogar, dass es gar keinen Brexit mehr geben wird. Das können die niemals durchziehen.“

Hughes erzählt von Bauern, deren Felder und Wiesen durch mehrere Länder führen - und ihren Tieren, die wie selbstverständlich die Landesgrenzen überqueren. All das wäre mit einem harten Brexit vorbei. Die Bauern könnten nun zudem massive Probleme mit dem Handel von Milch und Fleisch bekommen.

Bis 2016 habe es sehr viel Wachstum in der Region gegeben. Das sei nun vorbei: Alles sei „in die Warteschlange“ gestellt worden - zum Beispiel die Weiterentwicklung der Infrastruktur.

Und auch seine Tankstelle - offiziell auf irischem Grund und Boden - würde der Brexit betreffen: „Unser größtes Problem ist der Handel“, erzählt Hughes. „Mehr als 50 Prozent unserer Produkte kommen aus UK.“. Ein anderes Problem ist das Benzin. „Dieses überquert mehrmals die Grenze, bis es an meiner Tankstelle ankommt. Mit harten Grenzkontrollen würde die Lieferung ewig dauern.“

„Der Brexit gefährdet meine Existenz“

Nicht zuletzt macht sich der Tankstellenbesitzer Sorgen um seine zahlende Kundschaft: „Wer minutenlang an der Grenze anstehen und seinen Pass zeigen muss, kommt sicherlich nicht mehr zum Tanken hier hin“, befürchtet Hughes. „Mit dieser Tankstelle ernähre ich meine Familie. Der Brexit bedroht ganz direkt meine Existenz.“

Terry Hughes vor seiner Tankstelle. Die irisch-nordirische Grenze verläuft direkt über sein Gelände. Quelle: Tom Sundermann

Pub-Besitzer Pat Britton kann bei all dem nur den Kopf schütteln. „Wir sind alle völlig ratlos. Niemand weiß, was da auf uns zu kommen könnte. Wenn ich es wüsste, hätte ich einen gut bezahlten Job in London oder Brüssel.“

Und doch gibt es Hoffnung. Britton glaubt nicht, dass der Brexit seinen Pub oder Pettigo tatsächlich beeinflussen würde. „Wir hatten auch damals Grenzkontrollen - und wir haben überlebt. Und wir akzeptieren diese Trennung nicht.“

Das Radio in dem kleinen Pub spielt wieder einen Siebziger-Song. Inzwischen ist die Sonne über den Dorf vollständig untergegangen, an der Bar versammeln sich Nachbarn und Freunde. Wer hier aus Irland oder Nordirland kommt, ist nicht bekannt - und auch völlig egal.

Pat Britton übergibt die Schicht nun an seine Kollegin. Er ist schon seit dem Morgen hier - der wohlverdiente Feierabend ruft. „Was auch immer passiert. Hier in Pettigo machen wir das beste draus“, sagt der Wirt. Dann verlässt er den Pub.

Von Matthias Schwarzer, Tom Sundermann und Joris Gräßlin/RND