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Politik im Rest der Welt Fachmann über Doxing: „Junge Männer mit zu viel Wut“
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16:36 08.01.2019
Computertaste mit der Aufschrift Doxing (Symbolbild) Quelle: imago/Christian Ohde

Herr Beckedahl, ein 20-Jähriger soll für einen Hackerangriff verantwortlich sein, der tagelang die Republik in Atem hielt. Halten Sie das für möglich?

Ja, das halte ich für absolut plausibel. Und das haben wir schon am Freitag gesagt. Wir waren deshalb relativ überrascht, dass der Vorgang zum größten Hackerangriff in der Geschichte der deutschen Demokratie hoch gejazzt wurde.

Offenbar war es ja nicht nur ein Hackerangriff, sondern mehrere. Oder täuscht dieser Eindruck?

Das täuscht nicht. Allerdings halte ich auch die Zahl von fast 1000 Geschädigten für übertrieben. Denn viele waren nur mit ihren Adressen und Telefonnummern betroffen. Das legte schon am Freitag den Schluss nahe, dass einzelne Telefonverzeichnisse erbeutet und kopiert worden sind. Hier war offenbar eine Person mit viel Zeit und destruktiver Energie am Werk, die die Bequemlichkeit und Unkenntnis der Opfer ausgenutzt hat – etwa durch Verwendung von immer denselben Passwörtern. Das ist ein typisches Muster für Fälle, von denen es schon sehr viele gab – nur noch nicht mit so einer Prominenz und so einer Medienaufmerksamkeit versehen.

Markus Beckedahl, Gründer des Blogs „Netzpolitik.org“. Quelle: Jörg Carstensen/dpa

Wie tickt denn diese Doxing-Szene – also die Szene derer, die derart vertrauliche Informationen online erbeutet und dann verbreitet?

Es sind in der Regel junge Männer mit zu viel Wut, die vielleicht früher mal eine Bushaltestelle angezündet hätten und jetzt im Netz möglicherweise aus Wut über mangelnde Aufmerksamkeit oder anderen Gründen anderen Menschen Schaden zufügen. Man hat häufig das Gefühl, dass sich die Täter nicht bewusst sind, welches Leid sie bei ihren Opfern hinterlassen. Das ist für die eher Hobby, Spiel und Spaß.

Gehen Sie davon aus, dass dieses Doxing noch zunehmen wird?

Ja, leider. Das ist ein weltweiter Trend nicht nur in repressiven Regimen als Mittel des Angriffs gegen ungeliebte Oppositionelle, sondern im Rahmen von privatem Mobbing oder Stalking. Die überwältigende Mehrheit der Doxing-Fälle ist eher privater Natur. Es geht gegen Menschen, die man nicht mag, oder Stars und Sternchen, denen man ihren Ruhm neidet. Aber wir wissen auch, dass Doxing im politischen Umfeld sehr gezielt eingesetzt wird. Das belegen Studien von internationalen Menschenrechtsgruppen. Da geht es vor allem gegen progressiv und feministisch denkende Menschen. Es dient der Einschüchterung und der Beschränkung der Meinungsfreiheit. Und es sind möglicherweise Vorboten eines zu erwartenden Informationskrieges.

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Welche auch politischen Gegenmaßnahmen sind aus Ihrer Sicht erforderlich?

Man sollte zuallererst die Steigerung der Digitalkompetenzen aller Nutzerinnen und Nutzer ermöglichen. Hier ist vor allem der Staat gefragt, große Programme zur Förderung der Digitalkompetenz auf den Weg zu bringen und auch zu finanzieren. Seit 20 Jahren vermisse ich in den Haushalten von Bund und Ländern ausreichende Mittel dafür. Das ist eine riesige gesellschaftliche Aufgabe – vergleichbar vielleicht mit der Verkehrserziehung. Darüber hinaus brauchen wir noch mehr digitale Werkzeuge, die vertrauenswürdig, sicher und quelloffen sind, so wie Passwortmanager, die so einfach zu nutzen sind, dass wir sie auch unsere Eltern installieren können.

Das heißt, von der jetzt wieder diskutierten Stärkung der Sicherheitsbehörden halten Sie nichts.

Das muss man sich im Detail anschauen. Aber es ist erst mal wieder sehr viel Aktionismus und sehr viel Unkenntnis dabei. Es würde sicher Sinn machen, wenn endlich mal der Fachkräftemangel in den einschlägigen Institutionen angegangen würde. In Deutschland diskutieren noch viel zu viele Juristen über Fragen der IT-Sicherheit statt technisch kompetente Menschen. Das ist ein hausgemachtes Problem.

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