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Politik im Rest der Welt Angela Merkel: Die Heldin von Harvard
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11:04 31.05.2019
Angela Merkel hält an der US-Eliteuniversität Harvard eine Rede, die es in sich hat. Quelle: imago images / UPI Photo
Boston

Der Satz ist wirklich gut. Er klingt ein bisschen nach John F. Kennedy und jedenfalls sehr amerikanisch. Er drückt Zuversicht und Optimismus aus im Gegensatz zur Rhetorik der Angst und des Hasses, die derzeit in Washington Konjunktur hat. „Fragen wir nicht zuerst, was nicht geht oder was schon immer so war“, ruft Angela Merkel ihren Zuhörern auf dem Campus der Universität Harvard zu: „Fragen wir zuerst, was geht, und suchen wir nach dem, was noch nie so gemacht wurde!“ Das Publikum klatscht kräftig Beifall.

Die Rede der deutschen Bundeskanzlerin ist zweifelsohne der Höhepunkt der diesjährigen Graduierungsfeier der traditionsreichen Eliteschmiede. Mehr als 20.000 Menschen sind gekommen, um einen Tag lang mit den diesjährigen Absolventen zu feiern. Man trägt Talar, Anzug oder auch Freizeitlook. Die Menge ist kultiviert, globalisiert, offen und in den jüngeren Jahrgängen extrem divers. Es ist ein Freudenfest des anderen Amerika, das Angela Merkel als Verbündete und moralische Führerin der freien Welt begrüßt.

Mag die Kanzlerin in Deutschland in jüngster Zeit bisweilen abwesend gewirkt haben: Für die liberalen Eliten der USA steht sie im Zenit ihrer Macht. Bei so viel Euphorie kann es zu Spiegelungen und Projektionen kommen – so etwa, als Margaret Wang, die Vorsitzende der Ehemaligenvereinigung, in ihrer Eloge hervorhebt, Merkel habe während ihrer 14-jährigen Amtszeit die Energiewende eingeleitet, den Mindestlohn eingeführt, die Ehe für Alle ermöglicht und die Grenzen für mehr als eine Million Menschen geöffnet.

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Angesichts der Pirouetten der CDU-Politikerin beim Atomausstieg und ihres Neins bei der Ehe-Abstimmung klingt das nun doch ein bisschen schräg, ganz davon abgesehen, dass der Mindestlohn vom sozialdemokratischen Koalitionspartner durchgesetzt wurde und die Flüchtlingspolitik inzwischen in Merkels eigener Partei höchst kritisch diskutiert wird.

Doch die räumliche Distanz lässt manche Konturen verschwimmen. Andere Kontraste erscheinen dafür umso schärfer – vor allem der zwischen Merkel und Donald Trump. Die Kanzlerin muss den Wüterich im Weißen Haus gar nicht beim Namen nennen, um als seine natürliche Gegenspielerin wahrgenommen zu werden.

So wirkt ihr 35-minütiger Vortrag, für den sie eigens an die amerikanische Ostküste geflogen ist, auf drei Ebenen: Äußerlich ist es ein für Merkels Verhältnisse ungewöhnlich persönlicher, manchmal etwas pathetischer Leitfaden für die jungen Akademiker. Gleichzeitig hört man stets eine Kommentierung von Trump heraus. Und schließlich wird bald überdeutlich, wie weit Merkel in der Rolle der Elder Stateswoman inzwischen den Niederungen des heimischen Groko-Alltags entflohen ist.

Abrechnung mit der erratischen Trumpschen Twitterkratie

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, hat die Kanzlerin eingangs Hermann Hesse zitiert. Später philosophiert sie: „Es gibt keinen Anfang ohne ein Ende, keinen Tag ohne die Nacht, kein Leben ohne den Tod.“ Das kann man auf den Umbruch im Leben der Uni-Absolventen beziehen oder auf die politische Finsternis unter dem derzeitigen US-Präsidenten oder auch auf Merkels Herkunft aus der DDR und ihre Zukunft nach dem planmäßigen Ende ihrer Kanzlerschaft im Jahr 2021, in der sie – soviel lässt sie durchblicken – „wieder etwas Anderes und Neues“ machen will.

Die Absage der Rednerin an Protektionismus und Handelskriege, ihr Aufruf zur Bekämpfung des Klimawandels und ihre Kampfansage an ignorante Engstirnigkeit fallen deutlich konkreter aus. Dafür erntet Merkel jedes Mal viel Beifall. Ihr Appell, die Politik solle „bei allem Entscheidungsdruck nicht immer dem ersten Impuls folgen“ wird begeistert als Abrechnung mit der erratischen Trumpschen Twitterkratie verstanden.

Den euphorischsten Zuspruch aber bekommt die Kanzlerin, als sie fordert, „dass wir Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen“. Da springen die Zuhörer buchstäblich von ihren Sitzen und klatschen sich die Hände wund. „Bravo!“ kommentiert manch einer diese Maxime, die noch vor ein paar Jahren selbstverständlich gewesen wäre. In einer Welt der „alternativen Fakten“ aber erscheint die spröde Nüchternheit der Physikerin Merkel plötzlich als ein seltener Wert.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) winkt den Zuhörern nach ihrer Rede in der Harvard Universität. Quelle: Omar Rawlings/dpa

„Sie ist eine Frau der Wissenschaft“, schwärmt Ryan Ortizo, der die Rede in Robe und schwarzem Hut verfolgt hat. Der Sohn philippinischer Einwanderer hat seinen Abschluss in Medizin und wünscht sich mehr Naturwissenschaftler in der Politik.

„Frau Merkel ist eine sehr starke Anführerin“, urteilt Ortizo. Ob er nicht fürchtet, dass ihre Durchsetzungskraft zum Ende der Amtszeit nachlässt? „Im Gegenteil“, hofft der frischgebackene Harvard-Absolvent: „Jetzt, wo sie sich nicht mehr um ihre Wiederwahl kümmern muss, hat sie die Freiheit, noch mutiger in ihrem Handeln zu werden.“

Ein interessanter Gedanke. Doch Merkels Aufforderung, unbekannte Wege zu beschreiten und nach dem zu suchen, „was noch nie so gemacht wurde“ bezieht sich nicht auf ein kühnes Projekt in der Spätphase der Kanzlerschaft. Der Satz ist ein Zitat. „Genau diese Worte habe ich im Jahr 2005 in meiner allerersten Regierungserklärung als neue gewählte Bundeskanzlerin gesagt“, setzt die Kanzlerin in Harvard hinzu. Das klingt doch eher nach Vermächtnis als nach Aufbruch.

Von Karl Doemens/RND

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