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Politik im Rest der Welt Sea Watch 3: Ermittlungen gegen deutsche Kapitänin eingeleitet
Nachrichten Politik Politik im Rest der Welt Sea Watch 3: Ermittlungen gegen deutsche Kapitänin eingeleitet
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14:19 28.06.2019
Carola Rackete auf der Sea Watch 3. Quelle: Till M. Egen/Sea-Watch.org/dpa
Rom

Die italienische Staatsanwaltschaft hat gegen die deutsche Kapitänin der Hilfsorganisation „Sea-Watch“ Ermittlungen eingeleitet. Das bestätigte Sprecher Ruben Neugebauer dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) am Freitagmittag. Carola Rackete werde von der Staatsanwaltschaft im sizilianischen Agrigent Beihilfe zur illegalen Einwanderung vorgeworfen, berichteten italienische Nachrichtenagenturen am Freitag unter Berufung auf die Behörden.

„Das war erwartbar“, sagte Rackete dem RND. „Wir waren uns dessen bewusst und im Gegensatz zu Matteo Salvini, der sich strafrechtlichen Ermittlungen wegen Freiheitsberaubung immer wieder durch seine Immunität entzogen hat, bin ich bereit, die Konsequenzen dafür zu tragen, die in der italienischen Verfassung verankerten Grundrechte durchzusetzen."

„Sea Watch“-Sprecher Ruben Neugebauer sagte dem RND zu den Ermittlungen: „Wir sind sehr stolz auf unsere Kapitänin, die persönliche Konsequenzen in Kauf nimmt, um auf dem Mittelmeer Menschenrechte durchzusetzen, und die im Gegensatz zu Salvini ruhig, besonnen und mutig handelt, anstatt in Wutattacken auszubrechen gegenüber Menschen in Not und sich anschließend der Strafverfolgung zu entziehen“, so Neugebauer.

„Als Organisation stehen wir geschlossen hinter Caro und freuen uns über die vielen Unterstützungsangebote aus der Zivilgesellschaft. Das Ertrinken lassen ist kein Konsens. Gerichte mögen jetzt Strafen verhängen, die Geschichtsbücher werden ein anderes Urteil sprechen."

„Noch sind wir nicht an Land“

Rackete war Mitte der Woche mit der „Sea-Watch 3“ mit mehr als 40 Migranten an Bord trotz Verbots der Regierung in Rom in italienische Gewässer gefahren. Das Schiff liegt immer noch vor der Insel Lampedusa. Die Situation an Bord des Rettungsschiffs sei äußerst kritisch, so Rackete: „Noch sind wir nicht an Land und gerade letzte Nacht wurde erneut ein junger Mann unter schweren Schmerzen als medizinischer Notfall evakuiert.“

Die Geretteten sind seit über zwei Wochen an Bord der „Sea Watch 3“. „In dieser Situation besteht die Herausforderung vor allem anderen darin, das Vertrauensverhältnis zwischen Crew und Geretteten aufrecht zu erhalten“, sagt die Kapitänin. „Auch wenn wir uns so gut wie möglich kümmern, müssen wir ihnen täglich die gleiche Geschichte servieren, dass wir sie bald in Sicherheit bringen, aber selber noch nicht wissen wann und wie. Nach über zwei Wochen wird diese Geschichte unglaubwürdig. Und wenn die Hoffnung und das Vertrauen in unsere Crew verloren gehen, dann sitzen wir hier auf einem Pulverfass.“

Wie es mit den Geretteten weitergeht, ist unklar. „Ob sie umverteilt werden oder in Italien bleiben, das hängt von der EU-Politik ab. Mit einem menschlichen Umgang, mit Selbstbestimmung und ehrlicher Solidarität wird das aber erfahrungsgemäß wenig zu tun haben“, so sagte Rackete gegenüber dem RND.

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Die Nachricht löste in sozialen Netzwerken bereits große Solidaritätsbekundungen aus. TV-Moderator Klaas Heufer-Umlauf sicherte Rackete Unterstützung zu.

Rackete sagte, die Lage an Bord sei sehr angespannt. Es sei ihnen aber gesagt worden, dass eine Lösung bevorstehe. Italiens Regierungschef Giuseppe Conte hatte angekündigt, dass drei bis vier Länder bereit zur Aufnahme von Migranten seien. Deutschland hatte seine Bereitschaft schon signalisiert.

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Von RND/dpa