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Politik im Rest der Welt Sind Reiche unsozialer als Arme?
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15:05 19.08.2018
Sind wohlhabende Menschen weniger sozial? Quelle: dpa
Berlin

Im Kampf David gegen Goliath schlagen sich die meisten auf die Seite des David. Zwar ist Goliath der eigentlich Starke, David ist dafür der moralisch Überlegene. Genauso denken wohl die meisten über Arme und Reiche. Auch hier sind die Armen die beliebteren. Nicht umsonst heißt es: Zu viel Geld verdirbt den Charakter. Aber ist dem wirklich so?

Für eine funktionierende Gesellschaft ist diese Frage ungemein wichtig. Denn eine Gesellschaft hält nur dann zusammen, wenn alle ihre Mitglieder ihren Teil zum Gemeinwohl beitragen. Egal, ob arm oder reich. Wie also verhält es sich nun? Sind reiche Menschen weniger sozial als arme?

Studien aus den USA beantworten diese Frage mit Ja. Die meisten dieser Studien stammen von Psychologe Paul Piff und seiner Forschergruppe. Immer wieder stellen sie fest, dass Menschen mit hoher Bildung, hohem Einkommen und einem ausgeprägten Statusbewusstsein weniger sozial handeln als Menschen mit geringer Bildung und geringem Einkommen. Um das zu testen, stellten sie beiden Gruppen verschiedene Aufgaben – Autofahren zum Beispiel. Dabei schnitten Menschen mit hohem Einkommen anderen Verkehrsteilnehmern öfter den Weg ab als Menschen mit geringem Einkommen.

Starke Reiche, moralisch überlegene Arme?

Für eine andere Studie mussten sich die Teilnehmer in die Lage eines Arbeitgebers versetzen und Bewerbungsgespräche für eine Festanstellung führen. Allerdings bekamen sie vorab die Information, dass die besagte Stelle bald gestrichen würde. In dieser Situation nun verschwiegen Teilnehmer mit hohem Einkommen die wahre Situation häufiger als Teilnehmer mit niedrigem Einkommen.

Auf der Grundlage derartiger Studien schlossen Piff und Kollegen, dass Reiche weniger sozial handeln als Arme. Zudem maßen sie bei Menschen mit hohem Einkommen eine schwächer ausgeprägte Gemeinschaftsorientierung, weniger Einfühlungsvermögen und eine positivere Einstellung zu Gier. Nicht Geld, sondern diese damit verbundenen Charaktereigenschaften seien ihrer Meinung nach entscheidend dafür, ob Menschen in der Praxis sozial oder asozial handeln.

Dieses Ergebnis bringt auf den Punkt, was ohnehin viele denken: Starke Reiche, moralisch überlegene Arme. Starker Goliath, moralisch überlegener David. Unsere Forschung stellt dies infrage. Denn auch wir haben das Sozialverhalten in Experimenten untersucht. Zum Beispiel mit Schülern.

Gymnasiasten handelten großzügiger als Haupt- und Realschüler

Gymnasiasten haben nach der Schule bessere Aussichten auf Geld und Karriere als Hauptschüler. Also haben wir die Schulform als Maß für den Status verwendet. Würden die Ergebnisse aus den USA stimmen, müssten Hauptschüler sozialer sein als Gymnasiasten.

Um das zu testen, gaben wir Schülern aller Schulformen je 10 Euro, die sie mit einem anderen, unbekannten Schüler teilen mussten. Piff und Kollegen haben ihre These, dass Arme sozialer handeln als Reiche, unter anderem auch mit ähnlichen Geldaufteilungsaufgaben gestützt.

Die Logik: Je mehr ein Schüler davon abgibt, desto sozialer ist er. Dabei zeigte sich allerdings, dass Gymnasiasten deutlich großzügiger handeln als Haupt- und Realschüler. Unser Ergebnis zeigte also das Gegenteil der Psychologen: Je größer der soziale Status, desto sozialer das Handeln. Und dieses Ergebnis wiederholte sich in allen Studien, die wir danach durchführten: Native Schweizer zeigten sich sozialer als Asylsuchende in der Schweiz, Ärzte sozialer als Pflegekräfte. Und sogar bei einer Studie in den Vereinigten Staaten mit mehr als 1000 Teilnehmern erzielten wir dieses Ergebnis.

Reiche geben mehr als Arme

Wie lässt sich unsere Beobachtung, dass Reiche durchaus auch sozialer handeln können als Arme, theoretisch erklären? Reiche besitzen mehr als Arme und können davon auch mehr abgeben. Für Essen und Kleidung genauso wie für Soziales. Und genau das tun sie auch. Soll heißen: Reiche geben mehr als Arme, weil Reiche mehr geben können. Und weil die Unterschiede im Einfühlungsvermögen bei Weitem nicht so ausgeprägt sind, wie es die Studien aus den USA vermuten lassen.

Eine weitere Erklärung findet sich in sozialen Kontakten. So lässt sich zeigen, dass Arme eher unter sich bleiben, während Menschen mit höherem Einkommen sowohl Kontakte zu Armen, Normalverdienern und Reichen pflegen. Das führt dazu, dass Arme eher einander helfen und Reiche auch Menschen, die einer anderen Schicht angehören.

Das Umfeld kann entscheidend sein

Es spricht also viel dafür, dass tatsächlich Reiche auch sozialer handeln können als Arme. Weil sie leichter etwas abgeben können und weil sie breit gestreute Kontakte haben. Zu diesem Ergebnis kommen auch viele andere Studien aus dem europäischen Raum. Allerdings gelangen sie weit seltener in die Öffentlichkeit als die Studien aus den USA. Vielleicht, weil die Geschichte der sozialen Reichen nicht so sympathisch klingt wie die der sozialen Armen. Weil David so viel sympathischer ist als Goliath.

Dabei könnte es sogar sein, dass sowohl Piff und Kollegen als auch wir recht haben. Es kann zum Beispiel sein, dass Reiche dann asozialer sind als Arme, wenn sie in einem Umfeld leben, in dem Arme als minderwertig angesehen werden. Und vielleicht führten Piff und sein Team ihre Studien genau in solchen Gegenden durch. Ob dem so ist – das versuchen wir gerade herauszufinden. Der Kampf zwischen David und Goliath ist also noch nicht entschieden. Zumindest nicht gänzlich.

Ulf Liebe und Andreas Tutić Quelle: privat

Andreas Tutić (rechts), 36, ist habilitierter Soziologe und arbeitet als Akademischer Assistent an der Universität Leipzig. Ulf Liebe, 39, ist Professor für Soziologie und Quantitative Methoden an der University of Warwick. Gemeinsam haben die beiden unter anderem die Studie “Sozialer Status und prosoziales Handeln: Ein Quasi-Experiment im Krankenhaus“ in der “Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“ veröffentlicht.

Von Andreas Tutić und Ulf Liebe

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