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Politik im Rest der Welt So lange wir Verbraucher das Leiden der Tiere nicht sehen müssen, sind wir zufrieden
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10:43 14.06.2019
Mitglieder der Tierschutzorganisation Peta protestieren vor der Urteilsverkündung mit einer symbolischen Aktion zum Kükenschreddern vor dem Bundesverwaltungsgericht. Quelle: Jan Woitas/dpa
Berlin

Der britische Star-Koch Jamie Oliver, der sicher Hühnerbrust und Omelett auf Spitzenniveau zubereiten kann, servierte vor einigen Jahren ein Gala-Diner mit bitterer Beilage: schlechtes Gewissen.

Er ließ seine fröhlich tafelnden Gäste Bekanntschaft mit scharenweise niedlichen gelben Küken machen, von denen dann die männlichen aussortiert – und vor den Augen der schockierten Gourmets in einem Glaskasten vergast wurden.

So laufe es weltweit in der Eierproduktion erklärte Oliver den empörten, teils in Tränen aufgelösten Zuschauern. Der sendungsbewusste Koch wollte ihnen einmal die Nebenwirkungen ihres täglichen Verzehrs vorführen, vor dem sie lieber die Augen verschließen: Tag für Tag, Jahr für Jahr, millionenfach werden männliche Masthuhnküken an ihrem Geburtstag vernichtet, weil sie weder zum Eierlegen, noch zum Mästen taugen.

Das Leipziger Urteil nickt das Zeitspiel ab

Allein in Deutschland sterben jedes Jahr 45 Millionen der Tiere, und wer einmal die erbarmungswürdigen Aufnahmen gesehen hat, wie sich ausgerechnet eine Schar flauschiger Küken zwei Minuten im Todeskampf windet, ehe sie erstickt und im Abfall landet, weiß: Das kann heutzutage nicht mehr rechtens sein, über solchen Umgang mit Lebewesen müssten unsere modernen Gesellschaften hinaus sein. Das räumt sogar die Agrarwirtschaft ein: Sobald es technisch möglich sei, verspricht sie, will sie die grausame Praxis beenden.

Doch die Technik lässt auf sich warten – und so vertagen Politik und Eierfabriken den Ausstieg aus dem Massentöten seit Jahren. Das Bundesverwaltungsgericht hat dieses Zeitspiel nun höchstrichterlich abgenickt: Zwar erlaube das Tierschutzgesetz das Töten von Wirbeltieren nur mit „vernünftigem Grund“ – wozu nicht zähle, dass man sie auf die billigste Art loswerden wollen.

Doch bis es möglich ist, ihr Geschlecht schon im Ei zu erkennen, darf es so weitergehen. Keine Frist, kein Druck – kein Wunder, dass Tierschützer entsetzt reagierten.

Der Verbraucher schließt die Augen

Man muss zugeben, dass wir als Verbraucher all das gar nicht so genau wissen wollen und mit Industrie, Politik und nun auch Justiz lieber eine Schicksalsgemeinschaft bilden – vereint in angeblicher Ohnmacht, verdammt zum Warten auf den technischen Fortschritt, der das Dilemma für uns auflöst.

Doch das ist paradox. Der Fortschritt war es ja erst, der aus der Landwirtschaft eine Industrie mit Massenproduktion machte, die Lebewesen zu Gegenständen degradiert, in Lege- und Masthühner unterscheidet, Tiere und Böden auslaugt, Gewässer verschmutzt – und es damit begründet, dass unsere Nahrung sonst nicht so billig wäre. Und sei es für den Export.

So sind die Küken, die ja auch ohne Geburtstags-Vergasung keines natürlichen Todes sterben würden, nur ein Symbol dafür, dass eine Wende in unserer Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion nötig ist.

Verbot der Käfighaltung war zu verkraften

Die Verbraucherpreise sind nur ein Vorwand: Vor dem Verbot der Käfighaltung hieß es auch, die Eierpreiserhöhung sei dann nicht zumutbar. Es bleibt eine Frage der Prioritäten, wo wir unser Essen zwischen Handy-Vertrag und Netflix-Abo, Flatscreen und Fernreise einordnen.

Klar ist, dass eine maßvollere Ei- und Fleischproduktion nicht mittelständischen Bauernhöfen schaden würde, sondern großen Industriebetrieben. So befindet sich die weltweite Hühnerzucht in der Hand von vier Konzernen, und in Deutschland werden die 100 Millionen Küken pro Jahr von gerade einmal 25 Brütereien produziert. Klar ist auch, dass europaweite Normen her müssen, damit ethische Betriebe nicht ausgebotet werden.

Nichts davon ist in Sicht, also auch kein Ende für unseren schändlichen Umgang mit Natur und Tier. Läuft es gut, werden es spätere Generationen besser machen – und uns für unsere Skrupellosigkeit verurteilen.

Von Steven Geyer/RND

Ein Urteil erlaubt weiterhin das Töten männlicher Küken in Brütereien. Tierschützer, Grüne und Linke wollen die umstrittene Praxis beenden und sehen Agrarministerin Klöckner in der Pflicht. Diese schiebt die Schuld an Unternehmen und Verbraucher weiter.

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