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Politik im Rest der Welt Warum trotz Kohleausstieg noch Dörfer weggebaggert werden
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12:42 07.06.2019
Ein Bagger arbeitet im RWE-Braunkohletagebau Inden in Nordrhein-Westfalen. Quelle: Oliver Berg/dpa
Berlin

In Erkelenz-Immerath sind die Häuser fast vollständig weggebaggert. Als eines der letzten Gebäude im Ortskern wurde Anfang 2018 der neuromanische „Immerather Dom“ der katholischen Pfarrei St. Lambertus zerstört.

Dort am Kirchplatz hat Britta Kox ihren Mann zum ersten Mal geküsst, erzählt sie am Donnerstag in Berlin auf der Pressekonferenz des Bündnisses „Alle Dörfer bleiben!“.

Das Bündnis will alle bedrohten Dörfer in deutschen Braunkohlerevieren retten und fordert von der Bundesregierung eine Bestandsgarantie.

Britta Kox lebt in Beverath im Rheinland, ihr Zuhause soll spätestens 2023 in einer riesigen Grube verschwinden, die zum Tagebau Garzweiler 2 des Energiekonzerns RWE gehört. Dass ihre Heimat abgebaggert werden soll, weiß die 47-Jährige seit sie sechs Jahre alt ist.

Die gesellschaftliche Stimmung spricht mittlerweile gegen Braunkohle

Doch nun sieht es plötzlich so aus, als gebe es wieder Hoffnung für Beverath und all die anderen Dörfer in den deutschen Braunkohlerevieren. Die gesellschaftliche Stimmung hat sich gewendet: Der Hambacher Forst bei Köln ist nach monatelangen Protesten und öffentlichem Druck gerettet.

Hunderttausende Schüler gehen für eine bessere Klimapolitik auf die Straße. Die Grünen sind in Umfragen die zweitstärkte Partei geworden. Die Kohlekommission empfiehlt der Bundesregierung den Ausstieg aus der Braunkohle bis spätestens 2038.

Britta Kox sieht all diese Entwicklung. Und sie stellt sich zunehmend eine Frage: Warum eigentlich, soll ihr Zuhause trotzdem noch weichen?

Lesen Sie auch: „Wie können Sie das verantworten“: Luisa Neubauer liest RWE-Aktionären die Leviten

„Nicht mehr der Abbau von Braunkohle, sondern Klimaschutz ist jetzt das oberste Interesse der Allgemeinheit“, sagt Jens Hausner aus Pödelwitz in der Lausitz.

Auch er kämpft in einer Bürgerinitiative für den Erhalt seines Ortes. Nur mit einem baldigen Ende des Braunkohleabbaus seien die Ziele des Pariser Klimaabkommens für Deutschland zu erreichen.

Mitsprachrecht und die freie Wahl des Wohnorts

Deshalb fordern die Bündnissprecher eine Reform des Bundesberggesetzes, das die Enteignung der Dorfbewohner durch die Energiekonzerne im Rheinland, der Lausitz und im Leipziger Land bislang rechtlich möglich machte.

Das Gesetz soll neue Genehmigungen zum Braunkohleabbau verbieten. Außerdem wollen die Bündnispartner endlich ein Mitspracherecht, wie es in ihren Regionen weitergehen soll. „Wir wollen Planungssicherheit für unser Leben.“

Seit Jahren gebe es in den bedrohten Dörfern Investitionsstaus, viele Menschen haben die Orte bereits verlassen, weil sie für ihre Grundstücke viel Geld bekommen haben. Andere sind in den halbleeren Orten geblieben.

Deshalb sind sich die Betroffenenvertreter einig, dass alte und neue Dörfer aus dem Strukturwandelfond zum Kohleausstieg unterstützt werden sollen, um lebenswert zu bleiben. Sie wollen endlich die freie Wahl ihres Wohnortes. „Jeder soll selbst entscheiden, ob er gehen oder bleiben soll“, sagt Hausner.

Energiekonzerne baggern ungestört weiter

Die finanzielle Unterstützung fließt längst in die betroffenen Regionen, sie werden renaturiert und revitalisiert – nach ihrer Zerstörung. Bis die Empfehlung der Kommission aber tatsächlich in ein Gesetz umgesetzt ist, baggern die Energiekonzerne weiter.

Laut Cox mit deutlich erhöhter Geschwindigkeit. Der Druck auf Keyenberg, ihren Nachbarort, habe sich seit 2016 massiv erhöht. Obwohl der Ort erst in vier Jahren platt gemacht werden soll, stünden die Bagger schon beinahe an der Ortsgrenze.

Weiter, findet Kox, sollten sie nicht mehr fahren dürfen.

Von Nadja Lissok/RND

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