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Politik im Rest der Welt Das Problem mit dem Macchiato-Kandidaten
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19:40 20.02.2019
Wem nützen seine Ambitionen? Ex-Starbucks-Chef Howard Schultz wirbt um Unterstützung als unabhängiger Präsidentschaftsbewerber. Quelle: Michael Conroy/AP/dpa
Washington

Nach einer Weile hat man Lust auf einen gemeinsamen Latte macchiato. Der Mann auf der Bühne scheint wirklich nett zu sein. Er hat als Sohn eines Hilfsarbeiters einen Weltkonzern aufgebaut, spricht viel von Transparenz und Werten und lächelt gerne. „Wir haben viel mehr gemeinsam, als uns trennt“, ruft er in den Saal. Wenn bloß der Kaffee bei Starbucks nicht so dünn und teuer wäre. Und die aufgeschäumte Milch nicht so schnell in sich zusammenfiele.

Howard Schultz hat ohnehin keine Zeit. Natürlich. Nach einer guten Stunde muss der Gründer des weltgrößten Kaffeerösters mit rund 15.000 Filialen weiter. Seit der 65-Jährige im Januar eine mögliche Bewerbung als unabhängiger Mann der Mitte bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2020 angekündigt hat, ist er dauernd auf Achse. Drei Monate lang will er bei einer Reise quer durchs Land erkunden, wie die Stimmung ist, und dann endgültig über die Kandidatur entscheiden.

„Zerstöre nicht unsere Chancen!“

Ein paar hundert Interessierte sind zu seinem Vortrag in einem Washingtoner Kulturzentrum gekommen. Auf der Straße stehen nur wenige Demonstranten. In seiner Heimatstadt Seattle war das vor ein paar Wochen anders gewesen. „Zerstöre nicht unsere Chancen!“, skandierten da die Protestler. In New York rief ein Kritiker: „Helfe nicht, Trump zu wählen, Du egoistischer Milliardär!“ Insgesamt kann man nicht sagen, dass der Schultz-Zug sehr viel Rückenwind hat. Gerade einmal vier Prozent erklären bei Umfragen, dass sie für Schultz stimmen würden.

Trotzdem wäre es ein Fehler, den Unternehmer als Marginalie abzutun. Nicht nur hat Schultz mit 2,5 Milliarden Dollar nämlich genügend Geld, tatsächlich anzutreten. Auch trifft sein Appell zur Überwindung der politischen Spaltung eine weit verbreitete Stimmung in den USA. Vor allem aber könnten am Ende selbst vier Prozent der Stimmen reichen, um eine Wiederwahl von Donald Trump zu sichern. Zwar versichert Schultz: „Niemand will ihn dringender aus dem Amt jagen als ich.“ Doch im amerikanischen System wird der Kandidat mit den meisten Wahlmänner-Stimmen Präsident.

„Jeder, der als Unabhängiger antritt, spaltet die demokratischen Stimmen und hilft Trump“, hat Jay Inslee, der Gouverneur des Bundesstaats Washington die fatale Wirkung einer dritten Kandidatur im Zwei-Parteien-System beschrieben und seinen Landsmann gewarnt: „Das wäre eine furchtbare Entscheidung.“ Das Echo der linksliberalen Medien ist entsprechend. „Howard Schultz, bitte nicht!“, warnte ein Kolumnist der New York Times und rief indirekt zum Starbucks-Boykott auf. Binnen weniger Wochen ist Schultz zur Hassfigur der amerikanischen Linken geworden.

Der Selfmademan kontert die Anwürfe mit einem Lächeln und einer amerikanischen Bilderbuchgeschichte: Sein Vater, ein Ex-Soldat, konnte im bürgerlichen Leben keinen Fuß mehr fassen. Howard wuchs in einer Sozialwohnung auf, wurde der erste Akademiker der Familie, gründete seine erste Firma und kaufte 1987 mit geliehenem Geld die Starbucks-Rösterei, die damals vier Filialen hatte. In den folgenden 30 Jahren baute er das Unternehmen zu einem Weltkonzern mit Sozialstandards aus: „Ich wollte die Firma schaffen, in der mein Vater eine Chance auf einen Job gehabt hätte.“ Das bringt freundlichen Applaus im Kulturzentrum.

Ein Abgesang, der Unterstützung findet

Auch der Abgesang auf das Zwei-Parteien-System, „in dem sich die Konkurrenten gegenseitig bekämpfen, statt nach Lösungen zu suchen“, findet Unterstützung. „Politische Führung, Ehrlichkeit und Vertrauen“, mahnt Schultz an. Da will niemand widersprechen. Aber auf konkrete politische Ziele wartet man vergeblich. Obamacare soll reformiert werden, die linken Pläne seien aber nicht bezahlbar, argumentiert Schultz. Den Klimawandel will er mit Öl und erneuerbaren Energien bekämpfen. Beim Waffenrecht setzt er auf „einen vernünftigen Ansatz“. Im Streit um die Mauer beschwört er allgemein die Humanität. Die hohen Staatschulden findet er „unmoralisch“ und will doch die Steuern für die Mittelschicht senken, ohne den Spitzensteuersatz „schädlich“ anzuheben. Vieles, was Schultz sagt, klingt vernünftig. Doch es fehlt die Substanz.

Wie er denn das tief gespaltene Land wieder zusammenbringen wolle, will eine Zuhörerin am Ende wissen. Man brauche ein großes gemeinsames Ziel wie seinerzeit den Mondflug von Apollo 11, erwidert Schultz. Die Fragestellerin wirkt unzufrieden. „Eine spezifische Antwort habe ich nicht“, gesteht Schultz. Wie ein runder Bagel sei seine Botschaft, lästert später die Washington Post: „An der Mitte gibt es wenig auszusetzen. Aber auch nichts zu mögen.“

Lesen Sie auch einen Kommentar: Die Spaltung der Gesellschaft ist Trumps Geschäftsmodell

Von Karl Doemens/RND

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