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Politik im Rest der Welt Verdi und Co. müssen raus aus dem Getto und rein ins Leben
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14:12 25.09.2019
Einer geht, einer kommt: Frank Werneke (r) löst Frank Bsirske an der Spitze der Gewerkschaft Verdi ab. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/
Leipzig

Gerade erst gewählt gibt sich der Verdi-Chef kämpferisch. „Trauen wir uns raus aus den Gewerkschaftsgettos, rein ins Leben“, mahnt er die Delegierten. Was für ein guter Vorsatz! Die weißen Flecken in der Tariflandschaft müssten angegangen werden, für die IT-Branche brauche es maßgeschneiderte Lösungen. Es klang nach dem ganz großen Aufbruch.

Die Rede stammt allerdings nicht von Frank Werneke, dem frisch gewählten Vorsitzenden der Dienstleistungsgewerkschaft, sondern von seinem Vorgänger: Frank Bsirske. Der Appell ist also mehr als 18 Jahre alt – und doch aktueller denn je. Raus aus den Gettos, raus aus dem eigenen Saft, rein ins Leben, das würde den deutschen Gewerkschaften auch heute gut zu Gesicht stehen. Weniger Selbstbeschäftigung, mehr Modernisierung.

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Auch Bsirske konnte den Bedeutungsverlust der organisierten Arbeitnehmerschaft nicht stoppen

Den schleichenden Bedeutungsverlust der organisierten Arbeitnehmerschaft, die Erosion ihrer eigenen Wirkmacht, hat auch Bsirske nicht stoppen können. Zweifelslos war er zuletzt das bekannteste Gesicht der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Die Chefs von DGB oder IG Metall müssen nicht damit rechnen, auf der Straße erkannt zu werden.

Bsirske dagegen war ein Mann für die große Bühne. Ein versierter Stratege, wann immer es um Tarifverhandlungen ging. Doch unter seiner Führung hat Verdi ein Drittel seiner Mitglieder verloren. Vom Öffentlichen Dienst abgesehen: In vielen Branchen hat die Gewerkschaft unverändert allergrößte Mühe, einen Fuß an den Boden zu bekommen. Da geht es um die Pflege, sicher auch um den Einzelhandel und selbstverständlich um Klick- und Crowd-Arbeiter.

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Leipzig als Sinnbild für schwindende Tarifbindung

Die Tarifbindung schwindet. Leipzig, wo Verdi nun seinen Kongress abhält, steht dafür sinnbildlich. Vier von fünf Betrieben im Osten der Republik zahlen inzwischen nicht mehr nach Tarifvertrag. Nur noch knapp 14 Prozent der Beschäftigten in den neuen Ländern sind noch in einer Gewerkschaft.

Bundesweit haben die DGB-Gewerkschaften inzwischen weniger als sechs Millionen Mitglieder – so wenige wie in Westdeutschland Anfang der Fünfzigerjahre. Und auch wenn mancher Funktionär bereits Hoffnung aus der Tatsache schöpft, dass die Zahl der Neumitglieder inzwischen steigt. Grund zum Zurücklehnen gibt es keinen, schließlich haben Austritte und Sterbefälle zuletzt unterm Strich zu einem Minus geführt.

„Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit“ – der alte Satz von Friedrich Schiller gilt auch für die Gewerkschaften. Zumal sie für das, was sie in der Vergangenheit erkämpft haben, kaum Dankbarkeit erwarten können. Rote Fahnen und das bloße Beschwören abstrakter Begriffe wie Solidarität locken kaum jemanden noch hinter dem Ofen hervor. Im Zweifel wirkt das Ganze auf manchen sogar abschreckend.

Es wäre schon viel erreicht, wenn künftig nur noch Firmen öffentliche Aufträge bekämen, die nach Tarif zahlen.

Gewerkschaften werden in Zukunft dann Erfolg haben, wenn sie sich unverzichtbar machen. Und zwar, indem sie den Nachweis erbringen, dass sich gemeinsam mehr erreichen lässt als allein. Sie müssen gegen die Ungerechtigkeiten einer sich rasant wandelnden Arbeitswelt kämpfen und dabei glaubwürdig sein.

Der Bote, der in Zeiten eines ungebremst boomenden Onlinehandels Päckchen schleppt, will fairen Lohn und gute Arbeitsbedingungen. Plattform-Beschäftigte würden sich sicherlich über eine Gewerkschaft freuen, die für ihre Rechte streiten würde und dabei Erfolge vorweisen kann. Und in der Altenpflege schien es lange Zeit so, als habe Verdi es aufgegeben, noch etwas erreichen zu wollen. Nun endlich soll über einen Tarifvertrag verhandelt werden, der für die Branche bald bundesweit verbindlich sein könnte.

Starke Gewerkschaften haben sich in der Vergangenheit als Garant für sozialen Frieden und als Bollwerk gegen raubtierkapitalistische Auswüchse erwiesen. Die Politik könnte einiges tun, um dafür zu sorgen, dass Verdi, IG Metall & Co. stark bleiben können. Man muss nicht gleich, wie Arbeitsminister Hubertus Heil es vorschlägt, auf ein Steuerprivileg für Mitgliedschaften in Gewerkschaften setzen. Es wäre schon viel erreicht, wenn künftig nur noch Firmen öffentliche Aufträge bekämen, die nach Tarif zahlen. Und wenn endlich Fehlentwicklungen in der Plattform-Ökonomie und der Missbrauch von Werkverträgen gestoppt würden.

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Von Rasmus Buchsteiner/RND

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