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Politik im Rest der Welt Nahles und Kramp-Karrenbauer – Konkurrentinnen und Kolleginnen
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09:07 28.03.2019
„Retten diese Frauen die Volksparteien?“ Annegret Kramp-Karrenbauer und Andrea Nahles im gemeinsamen Gespräch auf einer Podiumsdiskussion in Berlin. Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa
Berlin

Werden die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer und SPD-Chefin Andrea Nahles in einem Jahr beide noch den jeweils selben Job wie jetzt haben?

Nahles und Kramp-Karrenbauer, gemeinsam auf dem Podium sitzend, beenden ihre Sätze zu dieser Frage erstaunlicher Weise gegenseitig. Die CDU-Chefin hat gerade ausgeholt zu erzählen, dass es im Dezember einen CDU-Parteitag gebe, dort aber keine Personalwahlen anstünden – da unterbricht Nahles. „Wir haben im Dezember Parteitag, die CDU im November“, sagt die SPD-Vorsitzende. Kramp-Karrenbauer lacht. Und bestätigt: Das stimmt.

Bei der SPD würden auf dem Parteitag alle Positionen neu gewählt, sagt Nahles noch. „Trotzdem ja“, sagt Kramp-Karrenbauer – und antwortet damit für die SPD-Chefin auf die Frage, ob diese in einem Jahr noch im Amt sei.

Ein Festival der Freundlichkeit

„Retten diese Frauen die Volksparteien?“ Unter dieser Fragestellung haben die Bertelsmann-Stiftung, das Inforadio des RBB und die Süddeutsche Zeitung gemeinsam zu einem Politik im Humboldt Carré in Berlin eingeladen. Und was tun die Chefinnen, die ihre Parteien in Zeiten der großen Koalition gegeneinander profilieren sollen? Sie gehen sehr, sehr freundlich miteinander um.

Nahles sagt, in der SPD hätten zwar einige aus strategischen Gründen auf die Wahl von Friedrich Merz zum CDU-Vorsitzenden gesetzt. Sie selbst habe sich über die Wahl Kramp-Karrenbauers „einfach so von Frau zu Frau gefreut“. Kramp-Karrenbauer sagt sogleich, ihr sei es bei der Wahl von Andrea Nahles zur ersten SPD-Vorsitzenden ganz genauso gegangen.

Kurzerhand entspinnt sich eine Diskussion über den Umgang mit Frauen in der Spitzenpolitik, die in ein Festival des Nickens der Parteichefinnen mündet. Nahles sagt, bei Frauen werde bei jedem neuen Amt immer erst die Frage gestellt: „Kann sie das?“ Die SPD-Chefin sagt: „Ich finde das ziemlich albern.“ Und sie verweist darauf, dass bei „den Jungs“ immer automatisch davon ausgegangen würde, die bekämen eine neue Herausforderung super hin. Kramp-Karrenbauer nickt. Ausgiebig.

Das Unwort „Lernkurve“

Die CDU-Chefin ergänzt, ihr Lieblings-Unwort des vergangenen Jahres sei das Wort „Lernkurve“, das sie im Zusammenhang mit der eigenen Person immer wieder gehört habe. „Kein Mensch würde bei einem Mann das Wort Lernkurve in den Mund nehmen“, sagt sie. Das Wort mache sie „ein Stück weit aggressiv“. Nahles nickt – natürlich.

Beide Parteichefinnen betonen, wie wichtig die Volksparteien –also auch die jeweils andere – für das politische System seien. Nahles hebt hervor, beide Chefinnen hätten jetzt die Aufgabe, die eigene Partei erkennbar zu machen – auch und gerade in Zeiten der großen Koalition. Kramp-Karrenbauer, die gesellschaftspolitisch konservativer ist als Kanzlerin Angela Merkel, wandelt aber auch schon fast wieder in Merkel’schen Gefilden, als sie sagt, sie könne mit den Einordnungen rechts und links wenig anfangen.

Und so übt Kramp-Karrenbauer – in dieser ohnehin unaufgeregten, freundlichen Debatte – ein ums andere Mal die Kunst des Ausweichens. Nahles spricht darüber, wie wichtig es sei, dass die Menschen den Eindruck hätten, bei der Rente werde ihre Lebensleistung respektiert. Doch Kramp-Karrenbauer reagiert nicht, lässt sich nicht auf etwas ein, was in einem Schlagabtausch über die Grundrente münden könnte.

Hier muss Kramp-Karrenbauer sich stellen

In der Frage über die Schülerproteste „Fridays for Future, zu denen Kramp-Karrenbauer sich in der Vergangenheit bereits kritisch geäußert hat, muss die CDU-Chefin sich dann aber stellen. „Ich will diese jungen Leute nicht verlieren“, sagt sie. Kramp-Karrenbauer fügt aber hinzu, sie wolle die demonstrieren Schüler und Studenten ernst nehmen – und das heiße nicht, ihnen einfach nur auf die Schulter zu klopfen. Deshalb wolle sie die jungen Demonstranten in Sachen Klimapolitik zur Diskussion mit Gleichaltrigen zusammenbringen, die etwa eine Lehre in der Automobilindustrie machten.

Nahles sagt, sie sei offen für die Debatte mit den jungen Demonstranten und erwarte von ihnen nicht, dass sie schon den Kompromiss lieferten. Sie lobt, dass durch die Bewegung Druck aufgebaut werde. „Dass wir an der Stelle gezwungen werden, uns mehr zu erklären, empfinde ich als Geschenk“, sagt sie.

Und was ist mit der Frage, ob der Rüstungsexportstopp nach Saudi-Arabien verlängert wird – ohne Wenn und Aber, wie die SPD es fordert? Der Bundessicherheitsrat hat in seiner geheimen Sitzung am Mittwoch keine Lösung gefunden. Kramp-Karrenbauer sagt, weder sie noch Nahles seien ja Teil der Bundesregierung und des Gremiums. „Aber es wird sicherlich, hoffe ich doch, ein Lösung geben“, sagt Nahles. Eine Lösung in welche Richtung? „Natürlich in Richtung SPD, ist ja klar“, sagt die SPD-Chefin. Dann lacht sie fröhlich. Kramp-Karrenbauer stimmt ein.

Die beiden, so scheint es, sind gern Konkurrentinnen. Und Kolleginnen.

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Von Tobias Peter/RND

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