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Politik im Rest der Welt Wer gehört zu „uns“? Heimat in einer modernen Gesellschaft
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09:37 19.01.2019
Wie lässt sich der Begriff Heimat definieren? Quelle: dpa
Hannover

Heimat lässt sich derzeit wunderbar vermarkten. Kaum eine Partei, die in den letzten Wahlkämpfen „Heimat“ oder „Zuhause“ nicht im Slogan geführt hätte und mal die idyllische Landschaft, mal den Trachtenjanker ins Bild nahm. Kaum eine Lebensmittelwerbung, die nicht die regionale Heimat der Produkte bewirbt. Die Frage ist nur: Wer gehört zu dieser Heimat dazu?

Jeder Mensch ist irgendwo geboren und aufgewachsen, hat sich in einer bestimmten Gemeinschaft entwickelt – aber der Ort und die Menschen, die die Entwicklung des Selbst prägen, können wechseln. In einer globalen Welt können das viele verschiedene Orte, viele verschiedene Menschen sein. Heimat, wie es nicht zuletzt die #MeToo-Debatte an die Oberfläche gehoben hat, gibt es eben auch im Plural.

Umgekehrt empfinden nicht alle Menschen den Ort, an dem sie geboren, oder das Land, in dem sie aufgewachsen sind, zwangsläufig als ihre Heimat. „Ubi bene, ibi patria“: Wo es mir gut geht, da ist meine Heimat – das scheint in einer mobilen Welt eine sinnvolle Überlebensstrategie.

„Beheimatung“ ist ein Prozess

Wie die Entwicklung der individuellen und kollektiven Identität ist auch „Beheimatung“ ein Prozess. Zu ihm gehört, dass ein einzelner Mensch Werte und Ziele mit der Gesellschaft teilen kann.

Die Kulturanthropologin Ina-Maria Greverus hat Heimat 1972 beschrieben als einen „Lebensraum, in dem die Bedürfnisse nach Sich-Erkennen, Gekannt- und Anerkanntwerden, nach materieller und emotionaler Sicherheit, nach Aktivität und Stimulation erfüllt werden, ein Territorium, das sich die Menschen aktiv aneignen und gestalten, das sie zur Heimat machen und in dem sie sich einrichten können.“

Die Psychologin Beate Mitzscherlich wiederum sieht Heimat als lebenslangen Prozess des Sich-Verbindens mit Orten, Menschen, Gruppen, geistigen und kulturellen Bezugssystemen.

Die Gegenüberstellung von „wir“ und „die anderen“ erschwert Integration

Auch das heimatpolitische Konzept des Bundesministeriums betont dieses Prozesshafte: „Heimat heißt auch Zukunft und Verständnis, gesellschaftliche Veränderungen anzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Denn Heimat war und ist immer auch ein Raum sozialer Beziehungen, Ausgleich und Einbindung – Integration. So verstanden ist Heimat Lebensmöglichkeit und nicht nur Herkunftsnachweis. Heimat ist nicht Kulisse, sondern Element aktiver Auseinandersetzung.“

Und weiter: „Die neue Heimatabteilung wird sich dem entsprechend […] mit der Verbesserung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der Identifikation mit unserem Land und der Integration beschäftigen. Sie geht auf das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Sicherheit im Alltag, kultureller Identität, Stabilität und einem guten Miteinander ein.“

Dies ist umso wichtiger in einer Situation, in der viele Menschen ihre Heimat, ihr Zuhause, ihren Alltag, ihre Sprache verloren haben. Und es ist ein Gegenentwurf zur Ausgrenzung durch Versuche, kollektiv und verbindlich zu definieren, wer „zu uns“ gehören kann. Denn die Gegenüberstellung von „wir“ und „die anderen“ erschwert genau jene Integration, die zugleich eingefordert wird.

Welche Traditionen sind unverrückbare Werte?

Daher: Will die Politik Zugehörigkeit ermöglichen, sollte sie das Risiko vermeiden, über die Bindung an Recht und Gesetz hinaus starre kulturelle Regeln für eine Gemeinschaft festzulegen, welche diejenigen ausgrenzen, die nicht passgenau sind. „Wenn Gemeinschaften vielfältiger werden, sind die Fragen der Identität und der Identifikation mit unserem Land umso wichtiger“, konstatiert berechtigt das Ministerium.

Dann wird es problematisch: „Die Antworten darauf müssen im Kernbereich des Zusammenlebens normativ verbindlich sein. Zu den unverrückbaren Werten zählen nicht nur die Grundrechte als Basis unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, sondern auch die Achtung und Wertschätzung der hier tradierten Lebensweise.“

Was ist damit gemeint? Unscharf bleibt, was unter der „hier tradierten Lebensweise“ zu verstehen ist. Welche Traditionen auf welchen Ebenen, aus welchen Regionen, zu welchen Zeitpunkten sollen denn als unverrückbare Werte und mit normativer Verbindlichkeit in Stein gemeißelt werden?

Nicht alles, was üblich ist, ist auch erhaltenswert

Hier gilt es drei Punkte zu bedenken: Erstens ist nicht alles, das lange üblich ist, auch per se erhaltenswert. Wir haben in jeder Gesellschaft eine Vielzahl von tradierten Verhaltensweisen, von denen wir wünschten, dass es sie nicht gäbe – beispielsweise Gewalt gegen Frauen und Kinder, die zwar inzwischen sozial geächtet ist, aber noch andauert.

Zweitens sind moderne Gesellschaften wie die bundesdeutsche per definitionem gekennzeichnet durch eine Vielfalt der Lebensgeschichten und -stile einerseits sowie einen Wandel von Lebensweisen innerhalb der Generationen andererseits. Das Konzept der tradierten Lebensweise legt dagegen nahe, dass der Zusammenhalt unserer Gesellschaft auf einer irgendwie gearteten Homogenität beruht.

Dieses Konzept von Heimat unterstellt drittens, dass Loyalitäten und Identifikationen ein Nullsummenspiel seien: dass ein Mehr an Bezügen zur Herkunft ein Weniger an Bezügen zur neuen Gesellschaft mit sich bringe und umgekehrt.

Politik kann bessere oder schlechtere Rahmenbedingungen schaffen

In der Integrationsforschung hat sich jedoch längst die Erkenntnis durchgesetzt, dass diese Ausschließlichkeit von Verbundenheit oder Ablehnung so nicht existiert. Viele Zuwanderer wechseln in ihrem Alltag je nach Lebenssituation zwischen den kulturellen Bezugssystemen; sie leben damit „Mischidentitäten“, ohne dass dies als ein Zeichen von Pathologie zu werten ist. Politik kann bessere oder schlechtere Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass jede und jeder in einer so gearteten pluralen Gesellschaft den Begriff der Heimat für sich füllen kann.

Diese Bedingungen – das Bildungssystem, der Arbeitsmarkt, die Familienpolitik oder die Stadtentwicklung – müssen so ausgestaltet werden, dass sie – unabhängig von Alter, Geschlecht, Behinderung, Migrationshintergrund oder anderen individuellen Merkmalen – allen offenstehen, dass alle sich diesen Orten emotional verbunden fühlen können, weil sie diese mitgestaltet haben, und dass alle dazulernen können, wenn neue Erkenntnisse oder Herausforderungen es erforderlich machen.

Politik kann Signale setzen, Leistungen honorieren und wertschätzen. Politik kann Ausgrenzung vorbeugen und auf sie reagieren. Ein inklusiver Heimatbegriff kann hierzu einen Beitrag leisten.

Petra Bendel und Hacı Halil Uslucan Quelle: SVR/Setzpfandt/Ausserhofer

Petra Bendel und Hacı Halil Uslucan sind beide stellvertretende Vorsitzende im Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Bendel ist Professorin für Politische Wissenschaft an der Uni Erlangen-Nürnberg, Uslucan Professor für Moderne Türkeistudien und wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen.

Von Petra Bendel und Hacı Halil Uslucan

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