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Politik im Rest der Welt Wie Dorothee Bär fast unsterblich geworden wäre
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12:00 15.10.2018
Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin für Digitales im Kanzleramt und stellvertretende Parteivorsitzende, gewährte bei „Anne Will“ einen kurzen Einblick in ihre Gedanken. Quelle: imago/Jürgen Heinrich
Berlin

Die Anne-Will-Sendung zur Bayernwahl läuft seit etwa 10 Minuten, als etwas ungewöhnliches passiert. Plötzlich spricht eine Politikerin genau das aus, was sie gerade denkt - ungeschützt und ehrlich. „Männer“.

Es ist CSU-Vorstandsfrau Dorothee Bär, die dieses Wort sagt - oder vielmehr es herauswürgt, als die Moderatorin sie auf den nie enden wollenden Streit zwischen Markus Söder und Horst Seehofer anspricht und auf die gegenseitigen Schuldzuweisungen, mit denen sich die CSU-Alphatiere schon vor dem Debakel bei der bayerischen Landtagswahl gegenseitig belegt haben. „Männer.“

Es ist ein Ausruf zwischen Wut, Verachtung und Resignation. Also ziemlich genau der Gefühlslage, mit der die halbe Republik seit Monaten das Treiben der CSU-Forderungen beobachtet. Bär ist stellvertretende Vorsitzende der CSU, und sie könnte dem ganzen Zorn nun einen Stimme verleihen. Könnte sagen, das sie die ewigen Machtkämpfe in ihrer Partei leid ist. Dass sie die Nase voll hat, von dem Ego-Zentrismus alter und mittelalter Männer, für die sie nun schon wieder die Kohlen aus dem Feuer holen muss. Dass es an der Zeit für einen Generationenwechsel in der CSU ist. Vielleicht sogar dafür, dass endlich mal eine Frau an die Spitze der Partei rückt und mit ihr ein neuer Stil Einzug hält.

Dorothee Bär würde damit vielen Menschen aus dem Herzen sprechen

All das könnte Dorothee Bär nun sagen. Sie würde damit vielen Menschen aus dem Herzen sprechen. Und sich selbst ein Stück unsterblich machen. Allein: Sie sagt es nicht. Im Gegenteil. Nur Sekunden nach ihrem Seufzer versucht Bär den Ausruf schon wieder einzufangen. „Spaß beiseite“, sagt sie, und redet dann über den Regierungsauftrag, den die CSU ja zweifellos bekommen haben.

Lesen Sie auch den Kommentar zur Wahl: Sinnkrise links, Sinnkrise rechts

Darauf können sich die CSU-Granden selbst in der Stunde ihrer größten Niederlage verlassen: Von der Doro haben sie nichts zu befürchten. Vermutlich schicken sie sie deshalb so gerne ins Fernsehen.

Ansonsten passiert nicht viel an diesem Fernsehabend. Grünen-Chefin Annalena Baerbock darf der Sensationserfolg der Öko-Partei in Bayern bejubeln, AfD-Vorstandssprecher Jörg Meuthen den Einzug seiner Partei in den Landtag feiern und SPD-Vorstand Boris Pistorius die Wunden lecken, die seine Partei von der herben Wahlniederlage davon getragen hat.

Der unappetitliche Sermon

Und dann geht es mal wieder um die AfD. Um Bernd Lucke und die Euro-Kritiker, um Frauke Petry und den Rechtsruck, um Björn Höcke und die fehlende Abgrenzung gegen Rechtsextreme, um die Ausfälle von Alexander Gauland - eben um den ganzen unappetitlichen Sermon, den man schon gefühlte hundert Male gehört hat. Man fragt sich unwillkürlich, warum Moderatorin Will diese Debatte immer wieder aufs Neue zulässt. Und man ertappt sich bei der Vermutung, dass die Quote dabei eine Rolle spielen könnten.

In den letzten beiden Akten dieses mittelunterhaltsamen Fernsehstücks spielt SPD-Mann Pistoris die Hauptrolle. Ein Mal, in dem er eine guten Idee äußert, und ein Mal, in dem er sich einen ziemlich dicken Patzer leistet. Die gute Idee ist ein Frieden in der Migrationspolitik, den die Parteien anstreben müssten, um sich endlich wieder um die wichtigen Probleme des Landes kümmern zu können. Der Vorschlag hat durchaus Charme. In Nordrhein-Westfalen hat Hannelore Kraft einst bewiesen dass so ein Frieden in der Schulpolitik für alle von Vorteil sein kann. Warum nicht das Modell auf andere Politikfelder übertragen?

Pistorius verrät für einen Moment, was in seinem Kopf vor sich geht

Man hängt noch diesem Gedanken nach, als Pistorius seinen Patzer macht. Kurioserweise geht es ihm dabei ähnlich wie Bär: Er verrät für einen Moment, was wirklich gerade in seinem Kopf vor sich geht. Auf die Frage, ob Nahles noch die richtige Frau an der SPD-Spitze ist, sagt der niedersächsische Innenminister, wegen zwei verlorenen Landtagswahlen wechsele man nicht gleich die Vorsitzende aus.

Lesen Sie hier den Liveticker zur Landtagswahl in Bayern

An sich kein falscher Satz, dumm nur, dass die SPD die Wahl in Hessen noch gar nicht verloren hat. Im Gegenteil: Spitzenmann Thorsten Schäfer-Gümbel hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, im dritten Anlauf in die Wiesbadener Staatskanzlei einzuziehen. Darauf angesprochen sagt Pistorius den sehr ehrlichen, aber auch sehr ungeschickten Satz: „Wir werden in Hessen ein gutes Ergebnis einfahren, aber wir werden vermutlich nicht stärkste Kraft werden.“

Auch er versucht diesen Satz wieder einzufangen. Doch da ist die Sendung schon fast vorbei.

Von Andreas Niesmann/RND

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