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22:22 04.07.2014
Parchim

Die Nachricht diese Woche kam überraschend: Jetzt übernehmen die Chinesen den insolventen Lübecker Flughafen Blankensee. Die PuRen Group aus Peking steigt über eine eigens gegründete deutsche Tochterfirma ins Airport-Geschäft ein. Das liegt im Trend, wie Werner Koopmann von der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Lübeck betont: Chinas Wirtschaft entdeckt den Norden Deutschlands.

Schon 40 Unternehmen aus dem Reich der Mitte sind derzeit in Schleswig-Holstein aktiv, bestätigt auch Ute Leinigen von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes, WTSH — in Hamburg sind es bereits 500. Jährlich gewinne das Land vier bis sechs weitere Unternehmen aus China dazu. „Die chinesische Wirtschaft ist stark international orientiert. China sucht Zielmärkte, das ist auch eine große Chance für den Standort Schleswig-Holstein“, sagt die Wirtschaftsförderin.

Im Jahr 2013 kamen sogar sieben von 13 aus dem Ausland neu in Schleswig-Holstein angesiedelten Firmen aus dem Fernen Osten und schufen hier 164 neue Arbeitsplätze, erklärt Kiels SPD-Wirtschaftsminister Reinhard Meyer. Vier der Firmen wählten dabei einen Firmensitz in Neumünster, das sich im Land zum Zentrum der chinesischen Wirtschaft zu entwickeln scheint. Zwei zog es in den Kreis Herzogtum Lauenburg. Sie kommen aus verschiedenen Branchen, aus der Lebensmittelbranche, den Bereichen Medizintechnik, Logistik sowie Import/Export, Spielwaren und Automobilzubehör.

Eine der Firmen im Lauenburgischen ist auch die PuRen Gruppe, die jetzt beim Flughafen einsteigt. Sie alleine ist bereits in vielen Branchen unterwegs, investiert Geld ins Gesundheitswesen, die Luftfahrt, öffentliche Infrastruktur, Medien, erneuerbare Energien und Rohstoffgewinnung. Der Deal entspringt allerdings einem Zufall. Der Lauenburger Bürgermeister Andreas Thiede (CDU), der enge Kontakte nach China unterhält und in Schwarzenbek als Wirtschaftsförderer ein chinesisches Textilzentrum für den europäischen Markt ansiedeln konnte, kennt PuRen seit vier Jahren. Er hatte kürzlich Vertreter aus China zu Besuch, die nach einem Invest in einen Flughafen fragten. Thiede verwies auf den insolventen Regionalairport in Blankensee. Die Wirtschaftsförderung Schleswig-Holstein WTSH half, schließlich konnten die Verträge unterzeichnet werden.

Ansonsten gewinnt Schleswig- Holstein vor allem chinesische Firmen, die von Hamburg aus expandieren wollen und dort keine Flächen mehr finden, sagt Werner Koopmann von der IHK zu Lübeck. Dort hatte der Senat vor allem unter Bürgermeister Ole von Beust die Kontakte nach China stark ausgebaut, um den Hamburger Hafen neben dem Rotterdamer zum zweiten großen Anlandepunkt für chinesische Firmen zu machen. Mehr als 500 chinesische Unternehmen beherbergt die Elbmetropole mittlerweile. Der überwiegende Teil ist im Außenhandel, zumeist zwischen Hamburg und China, oder im Dienstleistungsbereich aktiv. Die Ansiedlungstendenz ist weiter steigend, heißt es von der dortigen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung HWF. Von den deutschen Bundesländern sei Hamburg am längsten in China aktiv, sagt auch die dortige Handelskammer. Hamburg ist in Shanghai mit einem eigenen Kontaktbüro vertreten. Die Volksrepublik China ist 2013 zum zweitwichtigsten Handelspartner der Stadt aufgestiegen. Außerdem expandieren viele chinesische Firmen von Frankfurt/Main aus in den Norden Deutschlands, weiß Werner Koopmann.

Seit 1986 hat auch Schleswig- Holstein eine Partnerschaft mit der chinesischen Provinz Zhejiang. Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) hat sie erst vor wenigen Monaten bereist. Seit 1996 ist die WTSH dort in der Hauptstadt Hangzhou mit einem Kontaktbüro, dem „Schleswig-Holstein Business Center (SHBC)“, vertreten. Sie berät Firmen aus Schleswig-Holstein, die Niederlassungen in China errichten wollen, ebenso wie chinesische Firmen, die sich für eine Expansion nach Schleswig-Holstein interessieren. Auch Lübecker Unternehmen sind mittlerweile auf dem Markt im Reich der Mitte aktiv, die Firma Euroimmun zum Beispiel. Werner Koopmann von der IHK schätzt die Zahl der Firmen in der Region, die mit China Handel treiben, auf über 150.

Während Chinesisch-Unterricht an den Schulen hierzulande noch kein Thema ist, hat die Fachhochschule Lübeck schon seit September 2004 einen englischsprachigen Studiengang Umweltingenieurwesen und Informationstechnologie gemeinsam mit der East China University of Science and Technology (ECUST) in Shanghai im Angebot. Das Studienmodell ist auch deutschlandweit ein Pilotprojekt. Ein erster Jahrgang chinesischer Studierender wechselte im März 2007 nach Lübeck und erwarb 2008 das Diplom, einen deutsch-chinesischen Doppelabschluss, heißt es von der FH. Die Absolventen würden jetzt sowohl in Unternehmen in China als auch in Deutschland arbeiten. Derzeit studiert hier der siebte Jahrgang.

Parchim: Versprechungen aus Fernost
Vor sieben Jahren kaufte der chinesische Unternehmer Jonathan Pang den ehemaligen Militärflughafen Parchim 50 Kilometer südöstlich von Schwerin. Seitdem ist dort nicht viel passiert. Damals kündigte der Investor an, in Parchim ein „internationales Drehkreuz“ zu schaffen — für den Luftfrachtverkehr. Davon ist in den neusten Ausbauplänen gar nicht mehr die Rede. Jetzt soll der Flughafen das Tor zu Europa für Reisende aus China werden.
Anfang dieser Woche stellte ein Berater des Investors in der „Schweriner Volkszeitung“ das Bauprojekt vor. Ein neuer Tower war schon 2012 errichtet worden — als Bedingung dafür, dass der Landkreis Parchim (inzwischen Ludwigslust-Parchim) dem Investor vom Kaufpreis in Höhe von 30 Millionen Euro 12,5 Millionen erließ. Die letzte Rate zahlte Pang im Januar 2014. Jetzt sollen die Start- und Landebahn auf höchsten internationalen Standard gebracht werden. Dazu soll ein Terminalgebäude mit 40 000 Quadratmetern Grundfläche auf zwei Etagen kommen, verbunden mit einem Hotelkomplex. Wann der Bau beginnen soll, sagte Pangs Repräsentant nicht. kab

Wolfram Hammer

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