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Seite Drei Das Grass-Haus in Wewelsfleth
Nachrichten Seite Drei Das Grass-Haus in Wewelsfleth
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11:07 26.11.2013
Zweimal im Jahr wird in der Küche von den Gastautoren gelesen. Bis zu 65 Menschen haben hier Platz. Quelle: Fotos: okPress-Otto Kasch, Nordlicht (1)
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Wewelsfleth — Es knarrt und knackt in diesem Haus. Die Zeit ist durch die Räume gegangen, durch Flure und Zimmer, mehr als drei Jahrhunderte. Sie hat das Holz der Treppen ausgetreten und die Stufen runter zum Keller. Sie hat das Haus gefüllt mit alten Schränken, mit alten Dielen und alten Tischen, die rauh sind wie die Gegend hier längsseits der Elbe und wie der Wind, der im Herbst übers flache Land jagt.

Kirchenvögte haben hier gelebt, bis in die Fünfzigerjahre gab es vorne im Haus einen Kolonialwarenladen, wo die Schinken von der Decke hingen und das Geld durch einen Schlitz im Tresen verschwand.

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Einige Jahre später stand ein bärtiger Dichter vor der Tür. Er fand Gefallen an den schrägen Winkeln und den schiefen Türen, er fand Gefallen an dem Knarren und Knacken, er kaufte es und zog ein.

Platten mit Wahlkampfreden

Fast anderthalb Jahrzehnte hat Günter Grass hier gewohnt. 1985 schenkte er die alte Vogtei dem Land Berlin, sie wurde das Alfred-Döblin-Haus, und seither kommen andere Dichter und leben für ein paar Monate unter ihrem Dach. Gäste wie Nina Bußmann sind das, 33 Jahre alt aus Berlin-Wilmersdorf, die schon zum zweitenmal hier ist und auf die Frage nach dem Geist von Günter Grass von den alten Schallplatten nebenan mit seinen Wahlkampfreden erzählt und dann ein bisschen ratlos ist, was von diesem Geist zu halten sei. Mit sechzehn hat sie die „Blechtrommel“ gelesen und war fasziniert, zuletzt hat sie Grass‘ Israel-Gedicht gelesen und sich sehr geärgert, und seinem Geist, nun ja, sie ist ihm hier jedenfalls noch nicht begegnet.

Günter Grass hat das Haus Anfang der Siebzigerjahre gekauft. Er kam zusammen mit Peter und Mechthild Dietrich, einem befreundeten Ehepaar aus Hamburg, in die einsame Wilstermarsch. Dietrich war Chef der Hamburger Lagerhausgesellschaft und mit Grass‘ damaliger Gefährtin Veronika Schröter in Bautzen zur Schule gegangen. Er kaufte für 35 000 Mark das alte Fährhaus runter zum Wasser, Grass bewahrte die Kirchenvogtei vor dem Abriss, und dann machte er sich ans Werk.

Er saß nach hinten raus in seinem großen Arbeitszimmer, wo die Balken tief hängen und man in den Garten guckt, auf den Nussbaum, den er zur Geburt seiner Tochter Helene pflanzte, auf die alten Mauern der Trinitatiskirche. Den „Butt“ schrieb er hier, die „Kopfgeburten“, „Das Treffen in Telgte“, Teile der „Rättin“, wie immer erst mit der Hand auf großen Bögen und die Pfeife in Reichweite. Es waren fruchtbare Jahre, und als sie zu Ende gingen und er in eine andere Entlegenheit zog, nach Behlendorf an einen Hang am Kanal im Lauenburgischen, sollte das Schreiben in dem Haus nicht vorbei sein.

1100 Euro im Monat

Es kommen Stipendiaten seither, Autoren aus Berlin, denn nur die dürfen sich bewerben. Sie bleiben inzwischen meist drei Monate, der Jüngste war neunzehn, der Älteste Ende sechzig. Sie wohnen hier kostenlos, erhalten 1100 Euro im Monat und können sich in Ruhe ihrer Arbeit widmen.

Es war wohl auch die Ruhe, die Grass hier in den stillen Winkel zwischen Stör und Elbe ziehen ließ. „Er ist ja kein Großstadtmensch“, sagt Peter Dietrich, der heute noch in Wewelsfleth wohnt und von früher erzählt, von einer „tollen Zeit mit häufig langen Nächten“, die noch ein wenig länger wurden, wenn man die letzte Fähre um Mitternacht verpasste, denn die nächste fuhr erst wieder morgens um fünf, und die Brücke über die Stör gab es noch nicht.

Wewelsfleth trug in diesen Tagen die 2211 als Postleitzahl, jenes Jahr vor unserer Zeitrechnung also, in dem bei Grass ein allwissender „Butt“ gefangen wird, und es hatte wohl so etwas wie eine Künstlerkolonie werden sollen, schreibt Grass-Biograf Michael Jürgs. Tatsächlich hat sich denn auch der Publizist und SPD-Politiker Freimut Duve hier für 9000 Mark eine alte Kate gekauft, die „Spiegel“-Autorin Ariane Barth zog in die Wilstermarsch, aber ein Worpswede ist es nicht geworden. Und nicht allen im Dorf war die Sache geheuer. Manche seien auf Distanz geblieben, sagt Peter Dietrich. Andere aber hätten den Dichter bewundert und seien stolz gewesen, wer da auf einmal alles ins Dorf kam. Gerade auch zu den „Wewelsflether Gesprächen“, die Grass mit ins Laufen brachte und die es immer noch gibt.

Etwa 1600 Menschen leben heute im Ort. Es gibt eine große Werft, zwei Friseure und zwei Supermärkte, der Bäcker macht um elf zu, und der Bus nach Glückstadt fährt ein paarmal am Tag. Das Döblin-Haus steht mitten im Dorf, 330 Quadratmeter zwischen alten Mauern und bevölkert von alten Geschichten. Neun Stipendiaten leben jetzt hier verteilt übers Jahr, umsorgt von Désirée Tiedemann (43), die sich um das Haus und ihre Bewohner kümmert. Und wenn sie erzählen soll, was für Leute sie hier so beherbergt, sagt sie: „Alles, was es gibt.“

Es kam eine Frau mit Kindern, die in die örtliche Kita gingen, es kam ein Eremit, der drei Monate durchschrieb und seine Klause nur verließ, um sich im Laden nebenan eine Fertigpizza zu holen. Einer musste ins Krankenhaus, ein anderer bekam einen Dorfkoller, und ein Dritter reiste wegen des nahen Atomkraftwerks in Brokdorf vorzeitig wieder ab.

Es kamen Menschen, die gut zusammenpassten, es kamen Menschen, die sich in die Haare gerieten. Manche stehen um sechs Uhr auf, manche gehen um sechs Uhr schlafen. Einige gucken abends schon mal ins „Ebbe und Flut“ oder machen Sport im örtlichen Verein, andere bleiben zu Hause mit ihren Büchern und angefangenen Seiten. Die meisten aber stehen einigermaßen fassungslos und angenehm verloren in dieser Landschaft und staunen über die Weite und den Himmel, über die Schafe und die Sterne, die man in der Nacht sehen kann, und darüber, dass man „Moin“ sagt, egal zu welcher Zeit.

Ohropax aus Glückstadt

Nina Bußmann hat bei ihrem ersten Besuch vor allem über die Unruhe gestaunt, die auch im Dorf herrschen kann. Trecker, Autos, Kirchenglocke, Werftsirene, es war einiges los, und sie ist am nächsten Tag erst mal zu Rossmann nach Glückstadt gefahren und hat sich Ohropax besorgt. Im vergangenen Jahr hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht, „Große Ferien“ heißt er, und die FAZ lobte „ein lebenskluges, erstaunlich reifes Debüt“. Sie war beim Bachmann-Wettbewerb erfolgreich, hat mehrere Stipendien erhalten, gibt aber auch Deutschkurse oder arbeitet in der Pflege, um Geld zu verdienen.

Momentan schreibt sie an ihrem zweiten Roman und einem Hörspiel. Nächsten Sonnabend wird sie daraus hier im Haus in der Küche lesen, an einem Tisch neben dem Elektroherd, so wie das die Stipendiaten zweimal im Jahr tun. Es werden dann Leute aus dem Dorf und den Nachbarorten kommen, sie werden auf Stühlen aus der Mehrzweckhalle sitzen oder hinten auf der Treppe, es wird Kuchen geben, Wein und Diskussionen, und dann kann es eine lange Nacht werden in Wewelsfleth, wieder mal.

Die „Villa Grassimo“
Das Alfred-Döblin-Haus wird von der Stadt Berlin durch die Akademie der Künste unterhalten. Die Stipendien werden von der Alfred-Döblin-Stiftung in der Regel für drei Monate vergeben und richten sich ausschließlich an Autoren aus der Hauptstadt. Jedes Jahr gehen etwa hundert Bewerbungen ein. In Anlehnung an die „Villa Massimo“ in Rom spricht man von dem Haus auch als der „Villa Grassimo“.


Zu den Stipendiaten zählen heute längst bekannte Autoren wie Julia Franck, Judith Hermann, Peter Wawerzinek oder die Büchner-Preisträger Reinhard Jirgl und Felicitas Hoppe.

Peter Intelmann