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Nachrichten Seite Drei Deutschlands einzige Pferdeklappe ist ein Segen
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14:43 23.04.2014
„Wir haben hier keine Schnäppchenjäger“: Petra Teegen (60) ist Vorsitzende des Vereins „Pferdeklappe“ und kümmert sich auf ihrem Reiterhof um die Tiere. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Saustrup — Drei Pferde stehen auf der Koppel, drei alte Gesellen. Beach Boy heißt eines, Monsun ein anderes. Pirat ist die Nummer drei, 27 Jahre alt, Petra Teegen hat ihn irgendwann freigekauft. Wenn sie morgens kommt, steht manchmal noch ein viertes Pferd daneben. Dann ist in der Nacht jemand da gewesen, mit schlechtem Gewissen und großen Sorgen zumeist, jemand in Not, der nicht mehr weiterwusste und sich schließlich aufgemacht hat, sein Pferd abzugeben. In einer Plastikbox am Zaun liegen die Papiere, es ist alles geregelt. Es ist das Ende einer Beziehung.

Die kleine Koppel an der Bahnline von Flensburg nach Eckernförde ist eine Pferdeklappe, die erste und einzige in Deutschland, und sie wird sehr gebraucht. Im vergangenen Juli eingerichtet, wurden seither schon 110 Tiere abgegeben. „Es gibt zu viele“, sagt Petra Teegen. Und es gibt zu viele Leute, die sie nicht mehr halten könnten.

Die Sechzigjährige ist Krankenschwester von Beruf, zuletzt 20 Jahre auf der Onkologie. Aber sie kann nicht mehr arbeiten, die Hände versagen ihren Dienst. Dafür ist sie auf ihrem Reiterhof für die Klappenpferde aktiv, jeden Tag, zehn bis vierzehn Stunden. Sie hat das Handy immer griffbereit, und es klingelt in einem fort.

Aus Schweden und Belgien

Den Hof bei Saustrup hat sie 1994 gekauft. Er liegt auf einem sanften Hügel zwischen Wiesen und Feldern, man guckt weit hinein ins grüne Land. Es ist eine Pferdegegend, überall sieht man sie auf den Weiden stehen. Trotzdem kommen Menschen aus ganz Deutschland, um hier ihre Tiere abzugeben. Selbst aus Schweden und Belgien waren schon welche da.

Die kleine Koppel liegt etwa hundert Meter vom Hof entfernt. Es stehen Bäume drum herum, es ist sehr verborgen und versteckt. Wer tatsächlich unerkannt sein Pferd abgeben möchte, der kann das dort tun. Die meisten aber rufen vorher an. Und sie haben in der Regel eine Geschichte zu erzählen: Jemand ist zu alt geworden für sein Pferd oder zu krank. Jemand hat seine Arbeit verloren, den Partner oder aus anderen Gründen kein Geld mehr für die Tiere. Jemandem ist alles über den Kopf gewachsen, das Leben und alles, was dazugehört. Die wenigsten nutzen die Klappe, weil sie einfach keine Lust mehr auf ihre Pferde haben.

17 Plätze für diese Notfälle gibt es auf dem Hof, und sie sind ständig belegt. Meist bleiben die Pferde fünf bis zehn Tage, dann werden sie verkauft. Und die Liste der Interessenten ist lang, mehr als 150 Namen stehen derzeit darauf. Im Schnitt kostet ein Pferd 350 Euro. Das sind die Kosten für die Verpflegung auf dem Hof, für Medikamente, den Tierarzt, den Hufschmied oder was sonst noch anfällt. Es ist kein Geschäft. Sie machen das hier nicht, um Geld zu verdienen. Die Pferdeklappe finanziert sich einzig durch den Verkauf der Tiere und über Spenden.

Es sind schöne Pferde dabei, gesund und gepflegt. Manchmal aber wankt das reine Elend auf den Hof, krank und abgemagert, verstört und in irgendwelchen Schuppen vergessen, der traurige Endpunkt eines menschlichen Versagens. So wie vor zwei Wochen, als zwei neue Tiere auf der Koppel standen, ein Shetlandpony, das sie einschläfern lassen mussten, und ein Pferd, das Petra Teegen bekannt vorkam. Es war Niklas, ein Brauner, der ihr mal selbst gehört hatte.

Sie hatte ihn vor gut zwanzig Jahren an eines ihrer Reitermädchen verkauft, das mit ihm Deutsche Vizemeisterin in der Dressur geworden war. Er wurde weitergegeben und landete schließlich bei einer völlig überforderten Frau, die ihn jetzt in der Nacht zusammen mit dem Pony zurück nach Saustrup brachte, zurück nach Hause. Er sah furchtbar aus, verhungert, voller Wunden, das Fell übersät mit Bisslöchern. Er war ein Bild des Jammers. Sie haben den Fall beim Veterinäraufsichtsamt angezeigt. „Das ist Tierquälerei“, sagt sie.

Miss Elly freigekauft

Als in Irland die Finanzkrise das Land verheerte, haben viele ihre Pferde einfach laufen lassen. Sie wurden zu teuer, sie waren nichts, was man in Zeiten leerer Konten gebrauchen konnte. In Saustrup hat Petra Teegen auch schon vor der Krise Pferde aufgenommen. Sie wurden ihr vom Ordnungsamt geliefert, wenn dringend eines untergebracht werden musste. Sie kaufte auch schon mal elende Kreaturen frei, so wie jetzt erst wieder die kleine Miss Elly. Und einmal fand sie eines angebunden an ihrem Traktor, Ende der Neunziger war das, frühmorgens, sie kam gerade von der Nachtschicht im Flensburger Franziskus-Hospital. Einen Monat später stand der Besitzer auf dem Hof, ein junger Mann, den seine Freundin verlassen hatte. Er hatte sich aufhängen wollen, es ging schief, und er lag vier Wochen im Krankenhaus. Jetzt sah er die Dinge anders und wollte sein Pony wieder abholen. „Tja“, sagt sie, „so was passiert hier.“

Es rufen häufiger Menschen an, die nicht mehr leben wollen, sich aber sorgen, was aus ihren Pferden wird. Wenn Petra Teegen dann nach den Papieren fragt, nach dem Equidenpass, den jedes Tier haben muss, nach Abtretungserklärungen, nach Formalitäten und anderen Umständen, dann lässt sich manches schon wieder einrenken.

Viele Pferde vermittelt sie auch über die Facebook-Seite. Sie gehört zum Verein „Pferdeklappe“, der im vergangenen Jahr gegründet wurde. Sie ist die erste Vorsitzende, zum Vorstand gehört ein befreundetes Tierarztehepaar, das sich auch um die Klappenpferde kümmert, die Kasse führt ihr Lebensgefährte, die mehr als 200 Mitglieder kommen aus der ganzen Republik. Manchmal dauert es nur wenige Stunden, dann ist ein neuer Besitzer übers Internet gefunden.

Sie sind kein Gnadenhof in Saustrup, die Pferde sollen schon vermittelt werden. Aber wer eines kaufen möchte, muss ein geregeltes Einkommen haben und nachweisen und dass er mit ihnen umgehen kann. Es wird auch später kontrolliert, wie es den Tieren beim neuen Besitzer ergeht. „Wir haben hier keine Schnäppchenjäger“, sagt Petra Teegen. Dann klingelt schon wieder das Telefon.

Zu erreichen ist Petra Teegen unter ☎ 046 41 / 46 29 34. Am 17. Mai gibt es auf dem Hof (Ruruper Straße 42) einen Tag der offenen Tür.

1,2 Millionen Pferde in Deutschland
Den Reiterhof in Saustrup betreibt heute Petra Teegens Sohn Frank. Sie selbst ist in Eckernförde aufgewachsen. In der Nachbarschaft gab es eine Pferdeschlachterei, wo sie als junges Mädchen die Ställe ausmistete. Auch konnte sie die Pferde beobachten, die Holz zu einer nahen Fischräucherei zogen. Sie selbst hat mit 27 ihr erstes Pferd gekauft. Es hieß „Räuberbraut“. Sie hat es noch immer.

350 Euro kostet im Schnitt ein Pferd, das über die Pferdeklappe vermittelt wird. Auf jeden Fall liegt der Preis über dem, was ein Pferdeschlachter bezahlen würde. In Deutschland bekommt man für ein Kilo Pferdefleisch etwa einen Euro, in Italien oder Frankreich liegen die Preise höher. Die Pferdehaltung ist in den letzten Jahren immer teurer geworden. Die Kosten für Stroh, Futter oder Weidepachten sind deutlich gestiegen.

25 bis 30 Jahre alt werden Pferde im Schnitt, Ponys 20 bis 25 Jahre. Von einem Pony spricht man gemeinhin bei Pferden bis zu einer Größe von 1,48 Meter. Gemessen wird am Widerrist beim Übergang vom Hals zum Rücken — das sogenannte Stockmaß.

4,2 Millionen Pferde gab es um die Wende zum 20. Jahrhundert in Deutschland. Mit der Industrialisierung nahm ihre Zahl rasant ab. 1950 waren es in der Bundesrepublik noch gut 1,5 Millionen. In der Landwirtschaft sind sie inzwischen fast völlig verschwunden. Heute geht die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) von etwa 1,2 Millionen Pferden hierzulande aus. Die FN ist der nationale Dachverband des Pferdesports und die größte Pferdesport-Vereinigung der Welt.

Peter Intelmann