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Seite Drei Ein Meer von Plastik
Nachrichten Seite Drei Ein Meer von Plastik
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20:10 31.01.2013
Plastikabfälle machen den Meeren zu schaffen. Sie bleiben für Jahrhunderte und lösen sich nicht vollständig auf. Quelle: Fotos: Andreas Meyer, Archiv, Fotolia
Helgoland

Helgoland — Plastik ist aus vielerlei Gründen praktisch und kommt in nahezu allen Lebensbereichen zum Einsatz. Doch eine gewaltige Menge der langlebigen Stoffe landet über kurz oder lang im Meer, auch in Nord- und Ostsee. Dort werden sie zum massiven Problem. „Mit Polyethylen beispielsweise verhält es sich ähnlich wie mit anderen so in der Natur nicht vorkommenden, künstlich hergestellten chemischen Verbindungen. Es kann praktisch so gut wie nicht abgebaut werden“, sagt der Mikrobiologe Gunnar Gerdts von der Biologischen Anstalt Helgoland.

„Etwa 20 000 Tonnen Müll landen pro Jahr schätzungsweise allein in der Nordsee“, sagt Meeresschutzreferent Kim Cornelius Detloff vom Naturschutzbund (Nabu). Drei Viertel davon sei Plastik. Rund 600 000 Kubikmeter Müll vermuten Experten auf dem Boden der Nordsee. Das entspricht dem Volumen von 200 olympischen Schwimmbecken mit 50-Meter-Bahnen. Der Großteil des Plastikmülls in der südlichen Nordsee stammt von Schiffen.

70 Prozent auf dem Grund

Auf der Ostseeinsel Fehmarn haben Umweltschützer bei Untersuchungen mehrerer 100 Meter langer Küstenabschnitte im Schnitt 92 Müllteile gefunden, mehr als 60 Prozent waren aus Plastik. An der Nordseeküste wurden sogar schon mehr als 700 Teile je Abschnitt festgestellt. Doch nur 15 Prozent des im Meer entsorgten Kunststoffes werden wieder an den Küsten angespült. „Schätzungen zufolge treiben weitere 15 Prozent weiter durchs Wasser. 70 Prozent des Plastiks sinken auf den Meeresgrund“, sagt Detloff.

Abgebaut werden die Stoffe im Meer nicht. Dafür werden die einzelnen Plastikteile durch die Einwirkungen von Salzwasser, UV-Strahlung und auch durch Reibung ständig kleiner. Klein genug, um von Muscheln, Krebsen oder Fischen gefressen zu werden. Bei einem Magen voller Plastik verhungern sie auf tragische Weise.

Fast jeder von ihnen untersuchte tote Eissturmvogel in der Nordsee habe Plastik im Magen gehabt, berichtet der niederländische Meeresbiologe Jan Andries van Franeker. Im Schnitt seien es 30 Stückchen mit einem Gewicht von 0,33 Gramm gewesen. Bezogen auf den Menschen entspräche das einer „Lunchbox voll Plastik“.

„Bislang ist noch wenig darüber bekannt, welche Auswirkungen Plastik in Organismen genau hat“, sagt der Mikrobiologe Gerdts. Allerdings hätten Experimente bereits nachgewiesen, dass die Aufnahme von winzig kleinen Plastikteilen in hoher Konzentration zu Entzündungen führen könne.

„Ein großes Problem ist, dass die Mikroplastik-Artikel lipophile, also fettlösliche Schadstoffe wie einen Schwamm aufsaugen“, sagt der Kieler Toxikologe Edmund Maser. Das betreffe neben Weichmachern beispielsweise das als krebserregend geltende PCB oder das Insektizid DDT. Fressen Meerestiere diese Partikel, weil sie sie für Plankton halten, nehmen sie die Schadstoffe auf. „Für den Menschen bedeutet es, dass er durch den Verzehr von solchen Meerestieren eben mehr dieser Schadstoffe aufnimmt. Viele dieser Schadstoffe beeinträchtigen auch das Hormonsystem. Es ist zurzeit nicht einschätzbar, ob sich diese endokrinen Effekte auch auf den Menschen auswirken, aber die Gefahr besteht.“

Entlang der großen Schifffahrtsrouten in der Ostsee finde man „ganze Müllberge“, sagte der Meeresbiologe und Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, Harald Benke, in einem Interview. Dass auch in den Nationalparks der Ostsee so viel Abfall lagere, „hätten wir nicht gedacht“. Die Lage sei aber auf keinen Fall schlimmer als in der Nordsee, sagt Ines Podszuck, Biologin im Meeresmuseum.

Es gebe für den Ostseeraum einige Studien, die große regionale Schwankungen bei der Verschmutzung zeigten. Es sei ein Zusammenhang zwischen Schiffsdichte und Müllmenge nachweisbar, dennoch komme der weitaus meiste Teil des Mülls aus Quellen vom Land.

Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) ist besorgt. „Es kann nicht sein, dass Meeressäuger und Seevögel sich in Abfall verheddern, dass sie Plastikteile anstelle von Fisch im Magen haben, sich kleinste Kunststoffteile in der Nahrungskette anreichern — nur, weil die Meere zu Müllhalden werden“, sagt er.

Auf Helgoland läuft derzeit ein Forschungsprojekt Microplast. Mit einem Infrarot-Spektrometer wollen die Wissenschaftler untersuchen, wie viel Plastik etwa in einer Nordseekrabbe steckt. Der Nabu setzt auf die Öffentlichkeitswirkung eines auf Fehmarn gestarteten Littering-Projekts. Mittlerweile beteiligen sich auch der Hafen Sassnitz auf Rügen und vier niedersächsische Häfen. Fischer entsorgen dort mit ihren Netzen aus dem Meer gefischtes Plastik — bisher schon gut eine Tonne, sagt Nabu-Referent Detloff.

Zigaretten und Aluminiumdosen
Buchten voller angetriebener Plastiktüten und -flaschen wie mancherorts im Mittelmeer gibt es an der Ostsee glücklicherweise noch nicht, sagt die Stralsunder Biologin Ines Podszuck. Aber auch kleine Teile wie Zigarettenkippen können Unheil anrichten. Nach Angaben des US-Biostatistikers Thomas Novotny genügt eine Kippe pro Liter, um die Hälfte der Fische zu töten, die diesem Wasser ausgesetzt sind. Für den Großen Wasserfloh sei sogar eine Kippe auf acht Liter tödlich.


Aluminiumdosen sind ebenfalls eine hartnäckige Belastung für die Umwelt. Bei ihnen dauert es bis zu 500 Jahre, bis sie zerfallen sind.

André Klohn und Peter Intelmann

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