Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Seite Drei Frei, geheim, kostbar und spannend
Nachrichten Seite Drei Frei, geheim, kostbar und spannend
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:42 07.05.2017
Von Nick Vogler

Im Grunde war es ein erniedrigender Akt: Ja, ich habe Wahlen in der DDR miterlebt, und es war eine unangenehme Berührung mit dem System. Aber die Erinnerung an diese Zeit trägt dazu bei, dass ich seit der Wende Wahlen stets als kostbar empfinde – und als spannend.

Ich erinnere den Juni 1986, damals habe ich auf dem Land gearbeitet, in einem Dorf bei Rostock. Das Kollektiv ging geschlossen ins Wahllokal – hinter der Urne saßen die, die auch sonst etwas zu sagen hatten im „Volkseigenen Gut“ mit dem Schwerpunkt „Tierproduktion“. Honecker schaute streng aus dem Bilderrahmen an der Wand. In einer entlegenen Ecke des kahlen Saales stand einsam eine hölzerne Wahlkabine, die Schlange der wartenden Menschen führte aber keinesfalls an ihr vorbei. Wozu auch? Angekreuzt werden musste nichts auf dem Wahlschein – es gehörte zum guten Ton bei den DDR-Wahlen, den „Wahlvorschlag“ mit der Einheits-Kandidatenliste in Empfang zu nehmen, zu falten und in der Urne zu versenken.

„Zettel-Falten“ wurde deswegen hinter vorgehaltener Hand der Wahlvorgang genannt. Die wenigsten lehnten sich aber offen dagegen auf. Wer nicht zur Wahl erschien, bekam unter Umständen zu Hause Besuch mit der „fliegenden Wahlurne“. Nicht wählen zu gehen konnte als Affront gegen Partei und Staat ausgelegt werden, Repressalien drohten. „Frei“ waren die Wahlen also nicht, auch nicht geheim:

Wer die Wahlkabine benutzte, machte sich verdächtig. Ich also tat es, wie die meisten anderen auch: den Zettel öffentlich falten, ab in die Urne mit der Stimme, die dann wohl in das Ergebnis von 99,94 Prozent Zustimmung zu den Kandidaten einfloss. Oder auch nicht: Das Ergebnis stand schon vorher fest, und kein Wahllokal hätte es sich leisten wollen, eine schlechte Quote an Wahlbeteiligung und Zustimmung zu melden. Wie bei DDR-Wahlen betrogen wurde, machten Bürgerrechtler 1989 öffentlich. Nicht lange danach fiel endlich die Mauer.

Auch die ersten freien DDR-Wahlen 1990 sind mir in Erinnerung und ebenso die erste gesamtdeutsche Wahl 1991. Es ist wie ein guter Geruch, den man nicht vergisst: Das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, das sich beim Ankreuzen von Kandidaten und Parteien einstellt – ganz gleich, ob bei der Briefwahl oder im Wahllokal. Ich möchte darauf nie wieder verzichten müssen.

Bei Wahlen wird Geschichte geschrieben. Welche Kandidaten schaffen es ins Kieler Parlament? Welche Koalitionen sind möglich? Es ist immer auch die Geschichte, wie viele Menschen sich mit ihrer Stimme an dieser Geschichtsschreibung beteiligen. Auch deshalb: Es wird spannend heute.

Ein Kommentar von Nick Vogler

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!