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22:03 06.03.2015
„Ich bin nur ein kleiner Sänger“: Andreas Kümmert (28) wird vom Publikum bejubelt — doch er fühlt sich nicht „in der Verfassung“, den Sieg anzunehmen.
„Ich bin nur ein kleiner Sänger“: Andreas Kümmert (28) wird vom Publikum bejubelt — doch er fühlt sich nicht „in der Verfassung“, den Sieg anzunehmen. Quelle: Fotos: Jochen Luenke; Alessandro Della Valle; Oliver Berg; Patrick Lux (alle dpa)
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Da standen sie nun und hatten die Wahl gewonnen, zwei Alphatiere auf dem Sprung. Aber einer der beiden sollte kürzer springen. „Der Größere ist der Koch, der Kleinere der Kellner“, sagte Gerhard Schröder und hatte mal eben den Abstand zu Joschka Fischer vermessen. Dem blieb bei Rot-Grün nur die Rolle des Juniorpartners.

Man weiß nicht, ob man Andreas Kümmert am Donnerstagabend ein Schröder-Gen hätte wünschen sollen. Jedenfalls stand er da, hatte gerade die Konkurrenz in Grund und Boden gesungen und den deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest gewonnen, und dann sagte er: „Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen.“ Er sei „nur ein kleiner Sänger“, Ann Sophie solle lieber zum Finale nach Wien fahren, die Zweitplazierte. Sprach‘s, hörte noch die Buhrufe aus dem Publikum und ging von der Bühne.

Nachlesen: Kümmert gewinnt den Vorentscheid - aber will nicht zum ESC

Das war neu in sechs Jahrzehnten ESC-Geschichte.

Über seine Gründe wird gerätselt, aber er war schon immer etwas anders als die anderen. Auch als er vor einem Jahr die Castingshow „The Voice of Germany“ gewann, sagte er die Tour der Halbfinalisten ab. Interviews schätzt er ebenfalls nicht sehr, und auch bei den Proben und der Pressekonferenz vor dem ESC-Entscheid meldete er sich krank. „Er ist immer wieder für eine Überraschung gut“, meinte der Bürgermeister seiner fränkischen Heimatstadt Gemünden. „Er ist einfach so. Irgendwie passt es trotzdem.“

War es Angst vor dem Erfolg? Die zumindest gibt es tatsächlich. Sportler kennen sie, Manager, Politiker, offenbar auch Musiker. Es ist eine Blockade, die Psychologen auf mangelndes Selbstvertrauen zurückführen, auf ein psychisches Trauma oder die Erziehung. Oder auf die Angst vor dem Stress, den der Erfolg mit sich bringen kann. Denn die Ansprüche wachsen, fremde wie eigene, nicht jeder mag sich ihnen aussetzen. Und der Druck hinter den Kulissen beim ESC sei schon „enorm groß“, sagte Max Mutzke, der den deutschen Wettbewerb 2004 gewonnen hat.

Weiterlesen: „Vielleicht kam er mit den ganzen gestylten Leuten nicht klar“

Manche scheuen auch einfach die Aufmerksamkeit, die mit dem Erfolg verbunden ist. Zeljko Buvac zum Beispiel. Seinen Namen kennen wenige, sein Gesicht aber Millionen. Er ist der Mann neben Jürgen Klopp auf der Bank von Borussia Dortmund, er ist Co-Trainer, und er ist es gern. Seit vierzehn Jahren schon zieht er für Klopp im Hintergrund die Fäden. „Was er sagt, ist Gesetz“, meint der Dortmunder Profi Nuri Sahin. Aber selten wohl hat Buvac seine Arbeit weniger gemocht, als er vor anderthalb Jahrem den auf die Tribüne verbannten Chef in der Champions League vertreten musste. Beim nächsten Spiel war Klopp wieder zugelassen, Buvac konnte zurück in die zweite Reihe — und war glücklich.

Auch andere Prominente fühlen sich nicht sonderlich wohl vor aller Augen. Björn Ulvaeus von Abba etwa hat jahrelang in einem Rampenlicht gestanden, wie es heller kaum sein konnte. Aber als es vorbei war, hat er es nicht vermisst. Er sitze lieber im Zimmer und denke sich Sachen aus, die andere singen, sagte er. „Aber ich musste eben einfach da oben stehen all die Jahre.“

Und als der Möbelhaus-Mogul Kurt Krieger zum ersten Mal bei Möbel Kraft in Bad Segeberg war und seine Geschäftsführer zuerst begrüßt wurden, fand er das toll. „Ich bin wirklich sehr schüchtern“, sagte er. Er möge keine öffentlichen Auftritte und meide das Rampenlicht. Eigentlich, so Krieger, sei er „ein Mann der zweiten Reihe“.

Dass man aber auch dort sehr gut aufgehoben sein kann, hat der Autor Wolf Lotter in der aktuellen Ausgabe von „Brand eins“ beschrieben. In vielen Bereichen sei die Arbeitsautonomie ohnehin schon so hoch, dass man kaum noch Chefs brauche und immer weniger auch Chef werden wollten. Und der Verdienst stimme etwas weiter hinten ebenfalls. „Schön ist es auch im Basislager“, schreibt Lotter. Dort sei man zumeist freier als in umfassender Führungsverantwortung. Zumal einen ganz oben „Bürokratie, Routinekram, Leerzeiten, sinnlose Sitzungen“ erwarteten, so der Führungsexperte Hans Hinterhuber. Also genau das, weshalb man gerade nicht Chef werden wolle.

Dazu passt, dass junge Deutsche eh die Selbstständigkeit scheuen. Nur jeder Dritte zwischen 14 und 34 Jahren könne sich vorstellen, einen eigenen Betrieb zu gründen, ergab Ende vergangenen Jahres eine Studie des Marketingunternehmens Amway. Im EU-Durchschnitt war es dagegen fast die Hälfte.

Überhaupt haben junge Menschen in Deutschland heute einen anderen Blick auf die Arbeit. Sie schätzen zwar Aufstiegschancen, wollen aber auf Spaß und Selbstverwirklichung nicht verzichten, ergab eine Forsa-Umfrage im vergangenen Jahr. Nur der Hälfte ist dabei das Gehalt wichtig. Die wenigsten wollen für einen guten Job auf Freunde und Freizeit verzichten. Und Spaß, so der Soziologe Dirk Becker, heiße nur, „dass man keinen Dienst nach Vorschrift macht, sondern sich mit Kollegen für die Sache engagiert“.

Vielleicht ist es genau das, worum es Andreas Kümmert ging bei seinem Verzicht. „Ich hoffe, dass ich ein ganzes Leben auf Tour gehen und Musik machen kann“, hatte er 2013 nach seinem Sieg bei „The Voice“ gesagt. Ja, warum auch nicht?

„Prima Aussichten“ für Ann Sophie in Wien
Andreas Kümmert hatte am Ende 78,7 Prozent, 21,3 Prozent entschieden sich für Ann Sophie. Dennoch wird die 24-Jährige Deutschland am 23. Mai beim ESC-Finale in Wien vertreten. „Black Smoke“ heißt der Song, mit dem sie nach dem Sieg bei einem „Clubkonzert“ als Quereinsteigerin in den Vorentscheid gekommen war.
Internationale Erfahrung bringt die Hamburgerin mit. Sie wurde in London geboren und ging mit 20 nach New York, um Schauspiel zu studieren. Dort startete sie auch ihre Musikkarriere.
Grand-Prix-Experte Jan Feddersen gibt ihr gute Chancen. „Ann Sophie wird mit prima Erfolgsaussichten nach Wien fahren. Jeder konnte in Hannover sehen, wie sehr sie ihr Handwerk versteht“, sagte er.
„Singen, tanzen, performen — und das macht sie mit großer Lust.“ In einem Feld von Balladen werde sich ihr souliger Song stark hervortun können. Und einen Makel als Zweitplazierte kann er auch nicht erkennen.

Peter Intelmann