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Nachrichten Seite Drei Nachts über den Dächern von Lübeck
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13:22 19.12.2016
Die sieben Türme von Lübeck heben sich auf dieser Aufnahme alle in schönster Beleuchtung von den dunklen Wohnblocks ab. Quelle: Robert Grahn
Lübeck

Die Hansestadt an der Trave ist immer wieder ein traumhaftes Motiv. Gerade bei Nacht, fand Luftbild-Fotograf Robert Grahn (52). Er machte Lübeck zum Thema einer seiner Nachtflug-Fotoreportagen. „Ich bin vorher wohl 100 Mal bei Tag über Lübeck geflogen“, so der gebürtige Potsdamer, der schon seit 1988 Luftbilder macht. „Der historische Altstadtkern hat mich sehr gereizt.“

Das Riesenrad auf dem Koberg

Das zartviolett beleuchtete Riesenrad auf dem Koberg zieht die Blicke auf sich. Davor ist die Jakobikirche zu sehen, die Umgebung liegt im Dunkeln. 1648 wird der Lübecker Weihnachtsmarkt erstmals erwähnt. Doch schon im 14. Jahrhundert war es Brauch, in der Adventszeit Spielzeug, Körbe und geröstete Nüsse zu verkaufen. Auch Riesenräder und Karussells gibt es seit über 300 Jahren.

Von Uetersen (Kreis Pinneberg) startete der Pilot nachmittags am 22. November und erreichte um 17.14 Uhr mit seiner einmotorigen Cessna 172 (Bj. 1966) Lübeck.Mit dem Studium von Stadtplänen hatte er sich auf den Flug vorbereitet, die besten Bilder aber hätten sich aus der Situation ergeben. Nachtaufnahmen aus der Luft zu machen sei „wie Perlentauchen“, philosophiert er. „Das kann man nicht planen.“ Erst von oben sehe man, was umsetzbar sei. „Dann muss man im richtigen Moment auf den Auslöser drücken.“

Besonders beeindruckt war Grahn vom Anblick des beleuchteten Holstentores, von der hell illuminierten Baustelle am neuen Parkhaus Wehdehof sowie von dem im Aufbau befindlichen neuen Gründungsviertel. „Man sieht eine Stadt im Wandel der Jahrhunderte. Und dort, mitten in der Altstadt, entsteht das neue Lübeck.“

Neues Parkhaus Wehdehof

Früher standen hier Giebelhäuser aus dem Mittelalter, doch die wurden im Krieg zerstört. Jetzt entsteht hier auf einem zentralen Areal an der Marienkirche das neue Parkhaus Wehdehof mit 700 Stellplätzen. Eigentlich sollte es im Dezember fertig sein, dann aber gab es Verzögerungen, da der Boden wegen einer früheren Tankstelle kontaminiert ist. Neuer Fertigstellungstermin: Mai oder Juni.

Nur eine gute halbe Stunde dauerte der Flug, bei dem Grahn mit seiner Nikon D 810 fotografierte, einer digitalen Spiegelreflexkamera mit großer Lichtempfindlichkeit. Bei einem Tempo von ungefähr 80 Stundenkilometern, so langsam fliegend wie gerade noch möglich, lichtete Grahn aus dem offenen Seitenfenster seine Motive ab. „Wer schon einmal versucht hat, aus einem fahrenden Auto heraus zu fotografieren, weiß, wie schwierig es ist, während der Fahrt gute Bilder zu machen.“ Eine Hand hat er beim Fotografieren immer am Steuer. „Die Seitenruderkontrolle bediene ich mit den Füßen.“ Die Kamera ist dreifach gesichert, damit sie nicht herunterfallen kann. Sicherheit ist für den Piloten oberstes Gebot. Drohnen sind für Grahn bislang keine Alternative, denn: „Nachts eine zivile Drohne zu fliegen ist in Deutschland verboten.“

St. Lorenz

Ein Blick auf den Stadtteil St. Lorenz und die Lohmühle. Hell beleuchtet ist im vorderen Bildteil der Baumarkt „Bauhaus“ auszumachen, weiter hinten rechts liegt das Fußballstadion des VfB Lübeck. Es hat eine Kapazität von 17<TH>869 Plätzen. Hinter dem Stadion verläuft die Autobahn A<TH>1. Am linken Bildrand ist das dunkle Band der Trave erkennbar, daneben liegen die Bahnschienen.

Bereits als Jugendlicher machte er in der DDR eine Segelflugausbildung. Nachtbilder aber macht er seit etwa sieben Jahren. „Das ist technisch eine besondere Herausforderung, die einiges Können verlangt.“

Die Altstadtinsel

Die sieben Türme von Lübeck heben sich auf dieser Aufnahme alle in schönster Beleuchtung von den dunklen Wohnblocks ab. Die Straßen ziehen gleißende Bänder durch die Altstadtinsel, die weiß und golden strahlend von der Form her einer künstlichen Blüte gleicht. Vorne ist die Jakobikirche zu erkennen, dahinter die Marienkirche, St. Petri und der Dom. Links vom Dom erhebt sich die Aegidienkirche. Und rechts von St. Petri ist klein das Holstentor sichtbar. Das Foto wurde, wie die anderen auf dieser Doppelseite auch, zwischen 18 und 20 Uhr aufgenommen. „Dann sind in den Büros noch die Lichter an“, sagt Fotograf Robert Grahn. „Nach 20 Uhr ist es in fast allen Büroetagen wieder dunkel.“

Grahn sieht sich als Handwerker. „Ich gehe nicht so an die Luftbildfotografie ran, dass ich da große Kunst erschaffen möchte. Wir wollen dem Kunden eine handwerklich saubere Arbeit abliefern.“ Die Kunden, das sind Unternehmen oder Medienkonzerne. Manchmal dreht Grahn Luft-Videos, die in Fernsehreportagen eingebaut werden, manchmal macht er Infrarot-Aufnahmen, die den Wärmewert von Gebäuden darstellen. Voriges Jahr fotografierte er vor der Europameisterschaft sämtliche Fußballstadien in Frankreich, „um die komplett im Angebot zu haben“.

Das Luv-Einkaufszentrum in Dänischburg

Ein großer Parkplatz mit Autos, klein wie Spielzeug und eine riesige dunkle Fläche: Das Dach des Luv-Centers, das flächenmäßig vom Möbelhaus Ikea dominiert wird. Das Auge lässt sich bei dieser Beleuchtung leicht täuschen. Man könnte das schwarze Dach beim ersten Hinsehen fast für ein Hafenbecken halten. Im Dunkeln unterscheiden sich auch Waldflächen und Wasser kaum, erklärt Luftbild-Fotograf Robert Grahn.

Der Nachtflug, das ist für ihn kein romantisches Erlebnis wie für den Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944), der sich noch am Sternenhimmel orientierte und in seinem Roman „Nachtflug“ poetisch „in das finstere Herz des Unbekannten“ eindrang. Die Nacht verberge für Saint-Exupéry das Geheimnis der Welt, ihrer Erschaffung und ihres Ziels, schreibt ein Kritiker.

Das Gefängnis

Die Blocks der Justizvollzugsanstalt (JVA) leuchten gespenstisch. Eingerahmt von hohen Mauern, in der Nacht gleißend hell erleuchtet – aus Sicherheitsgründen. 1908 wurde das Gefängnis für 558 Häftlinge erbaut, in der Zeit des Nationalsozialismus war Lübeck das Frauengefängnis, in dem auch deutsche und französische Widerstandskämpferinnen inhaftiert waren. Kein schöner Ort, auch wenn das helle Licht aus luftiger Höhe fast einladend wirkt. Nicht zuletzt ist die JVA auch der Arbeitsplatz für 322 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Grahn aber ist kein Schriftsteller. Er fliege mit GPS, meint er lakonisch. Aber das Gefühl, unter dem Sternenhimmel zu fliegen, sei schon einzigartig, eine besondere Form des Fliegens. „Sie sind mit sich alleine da oben, da ist sonst nichts. Unter sich sehen Sie nur das Licht der Städte, die Scheinwerfer der Autos.“

Mehr Fotos stellt er auf seiner Seite www.euroluftbild.de aus.

Von Marcus Stöcklin

Luftbild-Fotografie im Wandel

Drohnenfotografen ergänzen ein bisher schwierig umsetzbares Segment im untersten Luftraum. Ein Flugzeug-Pilot benötigt aufwendig zu beschaffende Genehmigungen, um in 50 Metern Höhe legal fliegen zu können und hätte dabei für den immer einzukalkulierenden Notfall des Triebwerksausfalls wenig Reserven. Dennoch können Drohnen Luft-Fotografen bisher nicht ersetzen. Während ein Drohnenflieger meist nach etwa 45 Minuten den Akku wechseln muss und das Auto die Basis für ihn ist, fliegt ein Pilot wie Robert Grahn mit seiner Cessna 172 mit kurzem Tankstopp innerhalb von zwölf Flugstunden über bis zu 20 Städte und Ortschaften.

Die Cessna 172 ist der meistgebaute Flugzeugtyp. Aufgrund ihrer Manövrierbarkeit und Langsamflugeigenschaften, in Verbindung mit vergleichsweise geringen Betriebskosten ist sie für den Fotografen gut geeignet.