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Seite Drei Wehrertüchtigung im Chaos: Ein Zeitzeuge erzählt
Nachrichten Seite Drei Wehrertüchtigung im Chaos: Ein Zeitzeuge erzählt
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09:22 16.02.2015
Konrad Koschny (85) aus Lübeck.
Konrad Koschny (85) aus Lübeck. Quelle: Roeßler
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Lübeck

Der Krieg ging zu Ende, das sah jeder, der nicht die Augen verschloss. Die britischen Tiefflieger machten jeden Ausflug lebensgefährlich. Im Falkenhusener Forst, wo der 15-jährige Konrad Koschny Holz holte, versteckten sich Wehrmachtssoldaten auf dem Rückzug. Im Unterholz lagen Stahlhelme, im Gebüsch an der Wakenitz fand Konrad eine komplette SS-Uniform. Jetzt ist Konrad Koschny 85. An das Jahr 1945 in Lübeck erinnert er sich noch gut.

Den Namen des Hitlerjugend-Funktionärs, der ihm vor 70 Jahren Ohrfeigen gab, hat er bis heute nicht vergessen. „Dem wär‘ ich am liebsten an die Gurgel gegangen!“, sagt er. Konrad Koschny war Anfang 1945 Lehrling bei einem Elektrogroßhändler. Allerdings nur drei von vier Wochen: Einmal im Monat musste er für eine ganze Woche zum Wehrertüchtigungslager der Hitlerjugend an der Bülowstraße im Stadtteil Marli. Wie die anderen Wortmonster der Nazizeit verschwand auch dies hinter einer Abkürzung: Sie nannten es „WE-Lager“. Im WE-Lager schliefen sie in Baracken. Wüst und kalt seien die gewesen, erinnert sich Koschny. „Um sieben Uhr war Wecken“, sagt er. „Frühstück gab es in der Meesen-Kaserne: Kommissbrot und so eine Kaffee-Plörre.“ Danach war Unterricht an Karabiner, Maschinengewehr und Panzerfaust, und dann marschierten die Jungs singend in die Palinger Heide auf Mecklenburger Gebiet — für die Schießübungen.

Ende 1944 war Koschny mit der Hitlerjugend zum Einsatz nach Nordfriesland geschickt worden, um Schützengräben auszuheben. Als im März 1945 sein Musterungsbescheid kam, glaubte Konrad Koschny nicht an den Endsieg. So wenig wie seine Mutter, die nichts mehr fürchtete, als dass ihr 15-jähriger Sohn noch an die Front geschickt würde. So wenig wie sein Vater, der das Gemetzel von Verdun im Ersten Weltkrieg überlebt hatte und mit über 40 noch einmal Soldat sein musste. So wenig wie die meisten, die in seinem Viertel im Stadtteil St. Jürgen wohnten, wo bis 1933 die roten Fahnen geweht hatten. Koschny ging zur Musterung in die Waldersee-Kaserne. „Wir waren ja alle tauglich“, sagt er. Zum Fronteinsatz wurde er nicht mehr geschickt — weil er schon in der Lehre war, vermutet er.

Soldat wurde er nicht, zur Wehrertüchtigung musste er sich aber noch bis kurz vor Kriegsende einfinden. Sie diente auch der Rekrutierung für die Waffen-SS. „Die haben uns antreten lassen und so lange stehen lassen, bis wir unterschrieben haben.“ Er unterschrieb. Auf die Frage, ob ihm als 15-Jährigem die Waffen-SS attraktiv erschienen sei, ruft er aus: „Nee, ich bin doch nicht bekloppt!“

Am 3. Mai hörte Konrad Koschny bei der Arbeit im Radio die Nachricht: Die Briten hätten Hamburg besetzt. „Dann hat der Chef gesagt: Haut ab nach Hause.“ Konrad Koschny setzte sich aufs Fahrrad.

Auf der Hüxtertorallee sah er die englischen Panzer entgegenkommen. Der Krieg war vorbei, das Leben ging weiter. Einem von den HJ-Schindern aus dem Wehrertüchtigungslager begegnete Konrad Koschny später wieder. Als Ausfeger in seinem Lehrbetrieb.

kab