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Wirtschaft im Norden Antibiotika wirkungslos: Resistente Keime sind weltweite Bedrohung
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10:07 02.06.2015
Quelle: dpa
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Berlin/Lübeck

Für ihren Einsatz im Kampf gegen antibiotika-resistente Keime beim bevorstehenden G7-Gipfel im Elmau hat Bundeskanzlerin Angela Merkel rechtzeitig wissenschaftlichen Flankenschutz bekommen. Eine gestern veröffentlichte Studie der Berliner Charité im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion entwirft ein beängstigendes Bild: Nach WHO-Angaben sterben jährlich rund 700.000 Menschen infolge einer Antibiotika-Resistenz, in Europa sind es 23.000.

Gefährlich wird es, wenn das so weitergeht: Wenn die besorgniserregende Entwicklung nicht gestoppt wird, nach der die Ausbreitung solcher Keime im Human- und im Tierbereich stark zunimmt, werden antibiotikaresistente Keime weltweit gesehen im Jahr 2050 zu den Haupttodesursachen gehören, mit Schwerpunkt in Asien und Afrika, heißt es in der Studie. In Europa dürfte sich die Todesrate durch antibiotikaresistente Keime auf knapp 400.000 im Jahr 2050 erhöhen.

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Für die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag, Kordula Schulz-Asche, liegt auch ein Versagen der Pharma-Industrie vor. „Während die Zahl der antibiotikaresistenten Keime zunimmt, werden zu wenig neue Antibiotika erforscht. Wir haben kein Ass mehr im Ärmel, und die Zeit wird knapp. Da Forschung und Entwicklung noch Jahre dauern werden — wenn es überhaupt so weit kommt —, müssen wir schnellstens den nötigen Einsatz von Antibiotika verbessern und vor allem den unnützen und schädlichen Einsatz vermeiden“, sagte Schulz-Asche. Frankreich habe es eindrucksvoll gezeigt: Mit einer flächendeckenden Medien-Kampagne habe die Antibiotikaverordnung in der ambulanten Krankenversorgung um 26,5 Prozent reduziert werden können. Das müsse auch in Deutschland das Ziel sein.

Die Bundeskanzlerin will bei den G7-Partnern auf Unterstützung im Kampf gegen zunehmende Antibiotika-Resistenzen dringen. Nicht wirksame Antibiotika seien eine „weltweite Bedrohung“, sagte Merkel mit Blick auf das Gipfelthema. Selbst bei sorgsamem Einsatz von Antibiotika entwickelten sich Resistenzen, deshalb sei Forschung unbedingt notwendig, sagte die Kanzlerin. Ein Aktionsplan der Weltorganisation sieht neben der Entwicklung neuer Medikamente auch bessere Hygienebestimmungen in Kliniken vor, um die Ausbreitung gefährlicher Keime einzudämmen. Merkel betonte, dass es nach wie vor Aufklärungsbedarf in der Bevölkerung gebe, vor allem darüber, dass frühzeitiges Absetzen von Antibiotika Resistenzen fördere.

Für Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, liegt ein Schlüssel des Problems bei der Landwirtschaft: „Ohne Antibiotika funktionieren die industriellen Massentierställe nicht. Wir brauchen mehr Platz für die Tiere — dann müssen auch weniger Antibiotika eingesetzt werden.“

31 Patienten am UKSH in Kiel infiziert
Von Dezember 2014 bis Februar 2015 haben sich am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel 31 Patienten mit „Acinetobacter baumannii“ infiziert, 13 von ihnen starben. Nur drei der Todesfälle sollen nach Angaben der Ärzte in direktem Zusammenhang mit dem Keim stehen, die anderen Patienten sollen an ihren Vor-Erkrankungen gestorben sein. Laut der Mediziner ist der Keim gegen fast alle Antibiotika resistent.
Erstmals nachgewiesen wurde „Acinetobacter baumannii“ am 23. Dezember 2014. Damals wurde ein 74-Jähriger auf der Intensivstation der Inneren Medizin positiv auf den Keim getestet.

Reinhard Urschel