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Wirtschaft im Norden Bau-Gewerkschaft warnt vor Einmann-Betrieben
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20:10 14.08.2018
Die IG Bau fordert die Wiedereinführung der Meisterpflicht für alle Handwerke, um Standards und einen fairen Wettbewerb zu erhalten. Quelle: Foto: Dpa
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Lübeck

Vor allem in Lübeck habe die Zahl der Solo-Selbstständigen zugenommen. „Sie müssen ihre Arbeitszeiten nicht aufschreiben und arbeiten oft zu Mini-Löhnen. Das erhöht den Preisdruck für reguläre Firmen, die ihre Leute ordentlich bezahlen und Sozialabgaben abführen müssen“, sagt der IG- Bau-Bezirksvorsitzende Ralf Olschewski. Die Gewerkschaft macht den Wegfall der Meisterpflicht in einigen Gewerken verantwortlich. Seit 2004 sind von den 94 Handwerken 53 zulassungsfrei. „Das bedeutet, dass dort prinzipiell jeder einen Betrieb eröffnen kann, auch wenn er keine Ahnung davon hat“, sagt Christian Maack, stellvertretender Geschäftsführer der Handwerkskammer Lübeck. Das gelte jedoch nur für Handwerke, die bei Fehlern wenig Gefährdungspotenzial haben.

Seit der Neuregelung ist die Zahl der Betriebe in die Höhe geschossen. Allein in Lübeck ist beispielsweise die Zahl der Fliesenlegerbetriebe seit 2004 von 542 auf 1280 im Jahr 2017 gestiegen.

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„Das ist der Sargnagel für unseren Berufsstand“, sagt Andreas Mellmann, stellvertretender Obermeister der Lübecker Innung des Baugewerbes. Da die Solo-Selbstständigen nicht ausbilden, fehle in Zukunft das qualifizierte Personal. Viele Kunden würden auf die billigen Preise anspringen, aber auch ein Risiko eingehen. „Viele dieser Einmann-Betriebe halten sich nicht lange, daher können Kunden später keine Verbesserungen einfordern, falls nicht ordentlich gearbeitet wurde“, sagt er.

Bei der Gebäudereinigung hat sich die Zahl der Betriebe seit dem Jahr 2004 um 262 Prozent erhöht. „Aber bei uns haben sich die qualifizierten Firmen durchgesetzt“, sagt der Geschäftsführer der Landesinnung, Horst Albert. Da die Gebäudereinigung über einen längeren Zeitraum gebucht werde, lasse sich die Situation nicht mit der bei den Fliesenlegern vergleichen.

Der Handwerkskammer-Vizechef Maack betont, dass nicht alle Einmann-Betriebe schlechte Qualität liefern. „Aber wenn Solo-Selbstständige im großen Umfang zu schlechten Konditionen arbeiten, führt das natürlich zu Problemen.“ Zudem gehe jahrhundertelang weitergegebenes Wissen verloren, wenn die Qualifikation nicht gefördert werde. „Wir würden es daher begrüßen, wenn die Meisterpflicht wieder eingeführt wird“, sagt er, „die Frage ist, ob dies bei Beachtung von EU-Regeln und Verfassungsrechten so einfach ist.“

Auch die IG Bau will die Meisterpflicht zurück. Zudem fordert sie eine bessere Absicherung für Einmann-Betriebe.

Laut der Gewerkschaft unterstützen auch Online-Portale wie „MyHammer“ und „Helping“ die Preiskonkurrenz. Die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein nennt die Portale ein zweischneidiges Schwert.

„Einerseits bieten sie Transparenz, da der Kunde die Preise vergleichen kann“, sagt Mitarbeiter Boris Wita, „aber der günstigste Anbieter ist nicht immer der beste.“

Zu hohe Sozialabgaben?

Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer hat die Arbeit der Großen Koalition scharf kritisiert und vor Belastungen der Betriebe gewarnt. „Die Regierung verteilt das Geld, als wenn es kein Morgen gäbe“, sagte Wollseifer. „Bei den Sozialabgaben sind wir bereits an der Schmerzgrenze dessen, was unsere Betriebe noch aushalten können, um im Wettbewerb zu bestehen.“ Wenn jetzt weiter an der Beitragsschraube gedreht werde, dann sei schon bald die Belastungsgrenze für die Betriebe überschritten.

Alessandra Röder

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