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Wirtschaft im Norden Dänen wollen Grenzhandel bremsen
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Dänen wollen Grenzhandel bremsen
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00:37 23.04.2013
Von Jan Wulf
Ein (noch) häufiges Bild auf Parkplätzen vor deutschen Großmärkten: Dänische Kunden verladen palettenweise Getränke.
Ein (noch) häufiges Bild auf Parkplätzen vor deutschen Großmärkten: Dänische Kunden verladen palettenweise Getränke. Quelle: Fotos: dpa, Schwennsen
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Lübeck

Die 1,5-Liter-Flasche Cola kostet künftig umgerechnet 40 Cent weniger — und auch Bier wird wieder billiger: Die dänische Regierung macht zum 1. Juli Ernst und senkt im rot-weißen Königreich die Abgaben für Limonaden und Bier, um so die Masseneinkäufe eigener Bürger in Deutschland zu bremsen. Der dänische Finanzminister Bjarne Corydon sagte, die Abgabensenkungen sollten dem dänischen Einzelhandel nördlich der Grenze einen „kräftigen Wachstumsschub“ bringen. Die Steuer auf Sodawasser soll dabei zunächst halbiert und 2014 dann ganz abgeschafft werden, die Biersteuer wird zum 1. Juli um 15 Prozent gesenkt.

Nach Schätzungen der Industrie- und Handelskammer werden pro Jahr in Schleswig-Holstein rund 800 Millionen Euro im Grenzhandel umgesetzt. Ein Großteil davon durch Getränke. Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer betont dennoch: „Die Steueranpassung reduziert zwar den bisherigen Wettbewerbsvorteil der Grenzregion, unser Land wird als Ausflugsziel aber trotzdem weiterhin erfolgreich sein.“ Die drohenden Einbußen würden kompensiert werden.

Darauf hofft auch Fehmarns Bürgermeister Otto-Uwe Schmiedt (parteilos). Er kann die dänische Regierung verstehen: „Es ist ein legitimes Motiv, die Steuer zu senken, um den Handel im Land zu behalten.“ Optimistisch aus deutscher Sicht stimmt Schmiedt ein Blick in die Vergangenheit: 2003 hatte Dänemark die Alkoholsteuer schon einmal halbiert, um den „Schnapstourismus“ nach Deutschland zu stoppen. „Das hatte auch keinen merkliche Einfluss auf die Reise- und Kauflaune der Dänen“, erinnert sich Schmiedt.

Maik Simonsen, Geschäftsführer von Fleggaard, mit insgesamt 16 Grenzshops Marktführer im deutsch-skandinavischen Grenzhandel, glaubt nicht, dass die Steuersenkung sein Geschäft hart treffen wird. Dennoch ärgert er sich: „Da wird Politik auf Kosten der Unternehmer im Grenzland gemacht. Das ist Protektionismus, mit dem niemand geholfen wird.“

In die gleiche Kerbe schlägt auch die Reederei Scandlines, die unter anderem den Bordershop in Puttgarden auf Fehmarn betreibt: „Diese Maßnahme lohnt sich für Dänemark definitiv nicht“, behauptet Manager Morten Haure-Petersen, „es werden keine zusätzlichen Arbeitsplätze geschaffen, und historisch gesehen wird der Einzelhandel und die Industrie in Dänemark die Senkung an den Verbraucher nicht in Gänze weiterreichen.“ Die Preise, insbesondere von Bier, würden in Dänemark auch durch die Senkung der Abgaben nicht viel günstiger. Lediglich fünf Cent pro Kasten, sagt er voraus. Der Grund für die höheren Preise liege vielmehr an der 25-prozentigen Mehrwertsteuer, Sondersteuern, Margen sowie dem höheren dänischen Preisniveau, das vom geringen inländischen Wettbewerb herrühre, sagt Haure-Petersen.

Erik Holm Jensen von der Interessengemeinschaft der Grenzhändler sieht den dänischen Ankündigungen ebenfalls gelassen entgegen. Ein Karton mit 24 Dosen Bier werde in Dänemark ungefähr 25 Kronen billiger, kostet also künftig nur noch etwa 75 Kronen (10 Euro. Im Grenzhandel gebe es aber drei Kartons für 120 bis 150 Kronen. Auswirkungen der Steuersenkungen würden zwar zu spüren sein, seien aber keinesfalls eine Bedrohung für den Grenzhandel.

Doch nicht überall in Norddeutschland kommt die dänische Steuersenkung schlecht an. In Hamburg freut sich Lars Ramme Nielsen. Er ist Direktor vom Deutschlandbüro von der Tourismuszentrale „Visit Denmark“. „Viele deutsche Touristen haben immer noch das Bild von hohen Getränkepreisen, besonders für Spirituosen, im Kopf“, betont er. Durch die Reduzierung der Abgaben erhofft er sich, dass „dies bei den Urlaubern aus Deutschland positiv wahrgenommen wird, und auch, dass noch mehr Gäste aus Norwegen und Schweden Dänemark besuchen“.

Nahrungsmittel in Dänemark am teuersten
142 Prozent beträgt der Preisniveauindex (PNI) in Dänemark laut der Statistikbehörde Eurostat. Damit liegt das Königreich im europäischen Vergleich weit vorne, wenn es um die Verpflegungskosten im Land geht. Liegt der PNI über 100, ist das betreffende Land im Vergleich zum Rest der EU relativ teuer. Liegt der Wert darunter, ist das Preisniveau verhältnismäßig niedrig.
Deutschland liegt mit 103 Prozent fast im Durchschnitt. Essen und Getränke sind außerdem in Irland (125) und Finnland (120) teuer.

In Dänemark müssen die Menschen vor allem beim Kauf von Fleisch (149) sowie Brot und Getreideerzeugnissen (150) tief in die Tasche greifen. Bei der Eurostat-Untersuchung im Jahr 2011 wurden 500 Erzeugnisse miteinander verglichen und ausgewertet.

Jan Wulf