Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Wirtschaft im Norden Der Sand wird knapp: Zwangspausen auf Baustellen
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Der Sand wird knapp: Zwangspausen auf Baustellen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Im April sollen die Tore des Kieswerkes Dummersdorf der Firma Possehl Umweltschutz GmbH geschlossen werden.
Im April sollen die Tore des Kieswerkes Dummersdorf der Firma Possehl Umweltschutz GmbH geschlossen werden. Quelle: Foto: Lutz Roessler
Anzeige
Kiel/Hannover

„In Berlin warten die Leute auf den Baustellen schon mal drei Wochen auf Beton“, berichtet Gabriela Schulz, Sprecherin des Bundesverbandes Mineralische Rohstoffe (Miro). Die deutsche Betonindustrie gilt als größter Abnehmer von Bausand in Deutschland. Zusammen mit grobkörnigem Kies wird er auch in Großprojekten wie dem Bau der Elbphilharmonie in Hamburg und dem Ausbau der A 7 verwendet.

Wegen der enormen Bautätigkeit fehle es an manchen Stellen an Sand – in den verschiedensten Körnungen. „Das könnte in den kommenden Jahren sehr dramatisch werden.“ Die Branche sei nur für eine geringere Nachfrage gerüstet, so Schulz. „Wir brauchen dringend neue genehmigte Standorte.“

Das meint auch Georg Schareck, Hauptgeschäftsführer des Baugewerbeverbandes in Schleswig-Holstein. „Wenn der Sand knapp wird, wird er sich verteuern“, sagt er. Zudem sei jeder gefahrene Kilometer ein Wirtschaftsfaktor. „Wenn wir gegensteuern wollen, müssen wir jetzt handeln.“

In Lübeck beispielsweise ist der Abbau beendet. „Wir machen nur noch den Abverkauf der Ware, die noch da ist. Im April ist Schluss“, berichtet Bernd Wolkowski, Prokurist der Possehl Umweltschutz GmbH, die das Kieswerk im Stadtteil Kücknitz betreibt. Direkt an die Kiesgrube grenzen Naturschutzflächen. Es sei ausgeschlossen, dass man da rankomme. Und so gibt das Unternehmen das Themenfeld nach Jahrzehnten auf. Bauunternehmen müssen künftig weitere Wege in Kauf nehmen. Kies und Sand werden etwa auch bei Bad Segeberg und in Neustadt abgebaut.

Derzeit werden in Schleswig-Holstein nach Auskunft des Umweltministeriums in Kiel etwa 17 Millionen Tonnen Sand und Kies gewonnen. Die Versorgung der schleswig-holsteinischen Bauwirtschaft mit heimischen Primärrohstoffen könne damit sichergestellt werden, sagt Sprecherin Jana Ohlhoff. In Kiel hat man das Thema dennoch auf dem Schirm. Nach Auskunft des Wirtschaftsministeriums ist bereits ein Gutachten in Auftrag gegeben. „Wir wollen Kapazitätsreserven identifizieren, um nicht erst in Engpässe hineinzugelangen“, sagt Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP).

Dabei gibt es in Deutschland eine „fast unendlich große Menge an Sand“, erklärt der Geologe Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften in Hannover. Jedoch gebe es zunehmend Schwierigkeiten, an den Rohstoff heranzukommen. Ein Großteil der Sand-, Kies- und Natursteinvorkommen in Deutschland ist demnach nicht abbaubar – etwa weil die Flächen überbaut sind oder dort Schutzgebiete eingerichtet wurden. So seien in Baden-Württemberg 85 Prozent der Landesfläche verplant und stünden für eine Rohstoffgewinnung nicht zur Verfügung. Darüber hinaus stellen immer weniger Landwirte ihre Flächen zur Verfügung. „So mussten bereits in einigen Gebieten Deutschlands Kieswerke aufgrund fehlender Erweiterungsflächen geschlossen werden“, berichtet Elsner.

Regional muss daher nach Einschätzung der Bundesanstalt für 2018 mit Lieferengpässen gerechnet werden, etwa im Großraum Mannheim-Karlsruhe, Berlin und dem Ruhrgebiet. Kies und Schotter (Korngröße über zwei Millimeter) könnten zeitweise in den Großstädten Berlin und Hamburg knapp werden.

In den 2000 deutschen Kiesgruben werden jährlich rund 100 Millionen Tonnen Sand gewonnen. Wegen des Baubooms ist die Menge in den vergangenen fünf Jahren insgesamt um fünf Prozent gestiegen. 2016 wurden dazu 147 Millionen Tonnen Baukies verkauft.

 Von Julia Paulat