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Wirtschaft im Norden Der angekommene Flüchtling
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22:49 01.06.2015
Aras Azizi möchte seinen Meister machen und träumt von einer eigenen Autowerkstatt.
Aras Azizi möchte seinen Meister machen und träumt von einer eigenen Autowerkstatt. Quelle: Lutz Roeßler
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Lübeck

Im Jahr 2008 nahm der 17-jährige Aras Azizi aus Koya im Nordost-Irak seine Zukunft selbst in die Hand. Er besorgte sich Papiere, ging über die türkische Grenze und schlug sich nach Griechenland durch. Dort saß er einen Monat fest, bis ihn ein Lastwagenfahrer für 5000 Dollar als blinden Passagier mit auf eine Fähre nach Italien nahm. In Italien setzte er sich in den Zug, um ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen: nach Norwegen. Er kam aber nur bis Flensburg. Dort hatte er gehofft, im Trubel der Silvesternacht unerkannt über die Grenze nach Dänemark zu kommen, aber das misslang.

Die ganze Flucht hatte ihn 15000 Dollar gekostet. An ihrem Ende war er in Schleswig-Holstein, und die nächsten Jahre bestand sein Leben hauptsächlich aus Deutschlernen und Warten. „Ich wollte immer arbeiten“, sagt er, aber er durfte nicht, viereinhalb Jahre lang, bis er ein Ausbildungs-Vorbereitungsjahr beginnen konnte. Er ging zu Gaststätten und Reinigungsfirmen, sie hätten ihn beschäftigt, aber die Behörde sagte jedes Mal nein. Aras Azizi hatte einen Schulabschluss aus dem Irak, der ihm nichts nützte. Er war in dem Alter, in dem junge Leute normalerweise die Weichen für die Zukunft stellen. Freunde von ihm, die es nach Norwegen geschafft hatten, erzählt er, hätten schon nach drei Monaten erfahren, dass sie bleiben könnten.

„Ich habe immer was gemacht, viel Sport, viel mit den Händen — aber es war langweilig.“ Sein Glück war, dass er bei einer deutschen Familie wohnte und so die Sprache gut lernte. Azizi war 23, als er seine Ausbildung in der Autowerkstatt Repcar in Lübeck-Blankensee anfing, und im März dieses Jahres entschied eine Härtefallkommission, dass er in Deutschland bleiben darf. Azizi ist im Irak aufgewachsen, aber seine Heimat, sagt er, sei das nie gewesen. „Da war ich auch Flüchtling.“ Sein Vater war als Aktivist einer kurdischen Partei aus dem Iran geflohen. „Ich bin Kurde, Iraner, Deutscher“, sagt Azizi, „aber Iraker? Nein.“ Für seinen Chef Jörg Lohse ist Aras Azizi vor allem eines: ein guter Auszubildender. Woher er kommt, spielt für ihn keine Rolle. Motivation, Sprachkenntnis, Fleiß: „Alles tipptopp“, sagt Lohse.

Unternehmer weisen in letzter Zeit immer häufiger darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft Flüchtlinge nicht nur verkraften könne, sondern brauche. Das Bündnis für Wirtschaft im Kreis Segeberg zum Beispiel hat die Parole „Bei Ankunft Arbeit“ ausgegeben. Es plant für den 9. Juli einen öffentlichen Workshop mit Ministerpräsident Torsten Albig (SPD). Der Titel lautet: „Zukunftshoffnung Migration“. „Das gilt für die Migranten“, erklärt der Leiter des Bündnisses, Rüdiger Solterbeck, „aber auch für uns.“ Aus Sicht der Flüchtlinge sei es schwer verständlich, warum die Verfahren so lange dauerten.

Der Unternehmerverband Nord appelliert an seine Mitglieder, Flüchtlinge als Arbeitskräfte und Azubis einzustellen. Aras Azizi hat seinen Beruf gefunden. Sein großes Ziel? Aras Azizi blickt sich an seinem Arbeitsplatz um, streckt die Hand aus und sagt: „So eine Werkstatt.“

„Ich wollte immer arbeiten. Aber einige Jahre lang durfte ich es nicht.“
Flüchtling Aras Azizi

Hanno Kabel