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Wirtschaft im Norden Dräger: Keine Kündigungen, aber Tarifverzicht
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Dräger: Keine Kündigungen, aber Tarifverzicht
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20:32 30.09.2019
Sie einigten sich über die Sparmaßnahmen bei Dräger (v.l.): Personalvorstand Reiner Piske, Vorstandschef Stefan Dräger, Geschäftsführer IG-Metall Lübeck-Wismar Daniel Friedrich und Betriebsratsvorsitzender Siegfrid Kasang. Quelle: Wolfgang Maxwitat
Lübeck

Nach mehreren Verhandlungsrunden waren Vorstand, Betriebsrat und IG Metall in der Nacht zu Sonnabend zu dem Kompromiss gekommen, für den am Montag alle gemeinsam warben. Die wichtigsten Inhalte des Eckpunktepapiers: Betriebsbedingte Kündigungen werden vermieden und Standortschließungen bei Dräger in Deutschland ausgeschlossen. Das gilt bis zum 30. Juni 2023. Gleichzeitig verzichten die Beschäftigten für die kommenden drei Jahre auf Tariferhöhungen. Dräger-Mitarbeiter mit niedrigem Einkommen erhalten jedoch 50 Prozent der Tariferhöhungen. Bei gutem Geschäftsverlauf würden die Beschäftigten am Unternehmenserfolg beteiligt, heißt es in dem Eckpunktepapier. Darüber hinaus würden sie bei zukünftigen Veränderungen in ihrem Arbeitsbereich stärker einbezogen, vor allem bei der geplanten Vereinfachung von Arbeitsprozessen.

Neue Struktur ab 2020

Die Verhandlungsparteien vereinbarten außerdem die Fortsetzung der Ausbildung mit 85 Auszubildenden pro Jahr. Auslernende Auszubildende werden weiterhin unbefristet übernommen. Dräger kann damit seine neue Struktur ab dem 1. Januar 2020 umsetzen. Personalüberhänge sollen durch Versetzungen, Altersabgänge und andere Maßnahmen geregelt werden. Als letztes Mittel kann Dräger maximal 50 betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland bis Sommer 2023 aussprechen, doch dazu soll es nicht kommen, erklärten alle Parteien am Montag ausdrücklich.

Mitglieder müssen zustimmen

Die Eckpunkte stehen unter dem Vorbehalt, dass die jeweiligen Gremien sowie die Mitglieder der IG Metall diesen zustimmen. Die Mitgliederversammlung der IG Metall in Lübeck findet nach den Herbstferien statt, am 21. Oktober. „Das ist ein wichtiger Tag. Wenn wir dort keine Zustimmung zu unserem Verhandlungsergebnis bekommen, war alles umsonst“, sagt Vorstandschef Stefan Dräger. Auf der nächsten Betriebsversammlung am 15. November sollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter informiert werden.

IG Metall: Gutes Ergebnis

„Angesichts der Ausgangslage ist dies ein gutes Ergebnis für die Beschäftigten. Die Arbeitsplätze, Standorte und Gesellschaften sind bis zum Sommer 2023 abgesichert. Der Verzicht auf die nächsten Tariferhöhungen schmerzt, aber wir konnten den finanziellen Beitrag so gering wie möglich halten und sozial gestalten“, sagte Daniel Friedrich, Geschäftsführer und 1. Bevollmächtigter der IG Metall Lübeck-Wismar, am Montag in Lübeck. „Erstmals gibt es eine gemeinsame Erfolgsbeteiligung für alle Beschäftigten und bei Veränderungen mehr Beteiligungsmöglichkeiten für die Betroffenen.“ Zudem schaffe sowohl die Absicherung der Ausbildung in gleicher Stärke als auch die unbefristete Übernahme Perspektiven für junge Menschen. „Das Unternehmen muss die Beschäftigten jetzt auf den neuen Weg mitnehmen und damit den Grundstein für eine erfolgreichere Zukunft legen.“

„Angstfreie Umstrukturierung“

Siegfrid Kasang, Betriebsratsvorsitzender Betrieb Dräger Lübeck und Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates von Dräger in Deutschland: „Nach schwierigen Verhandlungen ist es der Arbeitnehmerseite gelungen, betriebsbedingte Kündigungen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Damit haben wir jetzt für den Großteil der Belegschaft gute Voraussetzungen geschaffen, sich aktiv und angstfrei an der Umstrukturierung zu beteiligen.“ Ziel des Betriebsrates bleibt es, dass das Unternehmen ganz auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet. „Mit der Umstrukturierung, der Beteiligung der Belegschaft, der Übernahme der Auszubildenden und einer neuen Erfolgsbeteiligung für alle Mitarbeiter in Deutschland stärkt Dräger seine Zukunftsfähigkeit“, so Kasang.

Freude über Kompromiss

„Wir freuen uns, dass die Verhandlungen so konstruktiv waren und wir die Phase der Unsicherheit für alle so kurz wie möglich halten konnten. Noch mehr freuen wir uns, dass wir inhaltlich einen Kompromiss gefunden haben, der die Notwendigkeiten des Unternehmens zur Personalkostenanstiegsreduzierung und die Interessen der Mitarbeiter gleichermaßen berücksichtigt. Wir sind überzeugt, dass dies eine ausbalancierte Lösung ist, die uns wirklich hilft“, sagt Stefan Dräger, Vorstandsvorsitzender der Drägerwerk Verwaltungs AG. „Zudem können wir unsere neue Struktur jetzt zügig umsetzen, um unsere Schwachpunkte grundlegend zu verbessern.“

Langer Sitzungsmarathon

Vorausgegangen war der Einigung eine insgesamt 17 Stunden lang dauernde Verhandlungsrunde, die am Freitag um elf Uhr begonnen hatte. Erst gegen vier Uhr in der Nacht zu Sonnabend durchschlugen die Verhandlungspartner den Knoten. „Dazu braucht es vor allem Konzentration“, sagte der Betriebsratsvorsitzende Kasang. Ende August hatte der Dräger-Vorstand die geplanten Einschnitte verkündet, weil das Geschäftsergebnis weit hinter den Erwartungen zurückliegt. Mit einem Gewinnrückgang von 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr war das Geschäftsjahr enttäuschend verlaufen. Der Aktienkurs von Dräger wies in den vergangenen fünf Jahren ein Minus von 40 Prozent auf, während der Dax im gleichen Zeitraum um 25 Prozent zugelegt hatte. Vor allem der Bereich Medizintechnik macht zurzeit Probleme. Zur Diskussion stand eine Abbau von insgesamt 150 Stellen, auch betriebsbedingte Kündigungen waren dabei nicht ausgeschlossen worden. Insgesamt wollte Dräger 120 Millionen Euro netto einsparen.

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Von Christian Risch

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