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Wirtschaft im Norden Ein Zulieferer-Riese schluckt Gestigon
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21:28 13.03.2017
Minister Reinhard Meyer (r.) überreichte Gestigon-Geschäftsführer Sascha Klement vergangenen Sommer einen Förderbescheid. Im Hintergrund zu sehen die 3-D-Brille aus Lübeck, die Barack Obama in Hannover testete. Quelle: Foto: Maxwitat
Lübeck/Paris

Das Lübecker Start-up-Unternehmen Gestigon, erfolgreiche Ausgründung der Lübecker Uni, ist von dem börsennotierten französischen Automobilzulieferer Valeo übernommen worden. Das teilte Valeo gestern in Paris mit. Die Arbeitsplätze in Lübeck bleiben erhalten, über die Kaufsumme wurde Stillschweigen vereinbart. Gestigon beschäftigt 36 Mitarbeiter.

 

Moritz von Grotthuss mit der Auszeichnung der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“. Quelle: Foto: Di Fusco

Die Firma entwickelt Software zur 3-D-Erkennung von Gesten.

Man freue sich, das Start-up in der Valeo-Community zu begrüßen, teilte die französische Firma in einer Presseerklärung mit. Gestigon sei führend bei Lösungen für Mensch-Maschine-Schnittstellen und genieße anerkannte Expertise in der Automobilindustrie.

„Unser frühes Investment in Gestigon hat sich ausgezahlt“, freute sich Torsten Löffler, Senior Investmentmanager beim „Hightech- Gründerfonds“, über den Coup. Die Kombination aus einer sehr starken Technologie, einem beeindruckenden Kundenportfolio und einem hochmotivierten Team um Moritz von Grotthuss und Sascha Klement habe sich als ein echter Erfolgsfaktor herausgestellt. Nach LN-Informationen bleiben beide Chefs im Unternehmen. Die Geschäftsführer selbst wollten sich mit Hinweis auf ein Stillschweigeabkommen nicht äußern.

Gestigon liefert die Technik, um Autos von morgen mit Gesten zu steuern. Das Prinzip funktioniert so: Eine in Lübeck entwickelte 3-D-Kamera erkennt Hand- und Körpergesten und übersetzt sie in Computerbefehle. Zuletzt arbeitete Gestigon daran, dass auch unbewusste Gesten von Kopf, Hals und Schultern erkannt und in Aktionen umgesetzt werden. Auch die Umgebung der Fahrerkabine soll künftig analysiert werden, um die Sicherheit der Insassen zu erhöhen. Löffler: „Es geht bei der Übernahme um Kompetenzen für eine Technologie, die große Konzerne brauchen, aber selbst nicht aufgebaut haben.“

Weltberühmt wurde Gestigon, als Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige US-Präsiden Barack Obama bei der Hannover Messe 2016 die 3-D-Brillen aus Lübeck aufsetzten.

Mit großem Stolz reagierte die Universität Lübeck. „Gestigon ist ein erfolgreiches Ergebnis unserer Anstrengungen und der des Bundes, High-Tech-Ausgründungen aus Universitäten heraus zu fördern“, sagte Prof. Thomas Martinetz vom Institut für Neuro- und Bioinformatik über seine erfolgreichen ehemaligen Studenten. Mit Unterstützung der „Gründerklinik“ seien langjährige Arbeiten von Prof. Erhardt Barth zu „3-D-time- of-flight-Kameras“ ausgründungsreif weiterentwickelt worden.

Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) hatte dem 2011 gegründeten Unternehmen im vergangenen Sommer einen Förderbescheid über eine halbe Million Euro überreicht. Das Geld werde nach dem Verkauf nicht zurückgefordert, solange die Auflagen (Arbeitsplätze) erfüllt würden, hieß es gestern aus Kiel. „Eine glänzende Ideenschmiede, deren Mitarbeiter nun in die Europa-Liga aufgestiegen sind und den Standort Lübeck damit weiter stärken“, sagte Meyer. Gestigon sei von den Förderbanken des Landes stets eng begleitet worden. Auch dort – insbesondere bei der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft in Kiel – wertet man den Schritt als großen Erfolg.

Valeo beschäftigt 82000 Mitarbeiter in 30 Ländern an 134 Produktionsstandorten. 2015 betrug der Umsatz 14,5 Milliarden Euro.

 Curd Tönnemann