Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Wirtschaft im Norden Einweg oder Mehrweg? Debatte um Getränkeflaschen
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Einweg oder Mehrweg? Debatte um Getränkeflaschen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 08.07.2019
Marktleiterin Barbara Borchert (62) von Getränke Hoffmann in Lübeck beim Verladen der Einwegflaschen. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

 Umwerfen kann diesen Mann kaum etwas, so wie es aussieht. Hans-Peter Kastner steht zwischen Hunderten von Kästen mit Bierflaschen, Mineralwasser und Säften. Zu erzählen hat der groß und kräftig gebaute Kastner so einiges in seinem Getränkemarkt am Stuttgarter Stadtrand: Im Kampf gegen das Plastik in seinem kleinen Unternehmen hat er mit einem offenen Brief an seine Kunden nicht nur die Nachbarn wachgerüttelt. Sein frustriert formulierter Facebook-Eintrag ist inzwischen mehr als 3,2 Millionen Mal gelesen worden. Tausende Nachrichten habe er auf sein Handy bekommen, erzählt Kastner.

Der 41-Jährige sagt: „Ich habe die Schnauze voll von Plastik. Ich will den Umweltschutz vorantreiben und eine Lawine in meiner Branche auslösen.“ Sein Plan ist einfach und gewagt - und er könnte ihn im schlechtesten Fall in die Pleite führen. Kastner hat seine Kunden aufgerufen, keine Plastikflaschen und Dosen mehr zu kaufen, sondern auf umweltfreundlichere Mehrwegflaschen aus Glas zu setzen.

Der Wunsch vieler Kunden ist es, mehr Glasflaschen zu benutzen – Das ist jedoch nicht immer einfach

Mehr als nur Umweltschutz

Nicht nur der Wille zum Umweltschutz hat ihn zu dem Schritt veranlasst. Kastner hat auch keine Lust mehr, der Flaschenentsorger für die Discounter zu sein. In nur zwölf Wochen sammelte sein Team zuletzt 52 Säcke mit je 200 Flaschen - das sind 10 400 Einweg-Flaschen und -Dosen der Kunden. Das Foto der Säcke veröffentlichte er in den sozialen Medien - ein beeindruckender Nackenschlag, mit dem er auch gegen die Pflicht protestieren wollte, Plastik-Leergut der Discounter lagern und entsorgen zu müssen.

Die Angestellte Anika Lehmann (31) muss sich entscheiden: Plastik oder Glas? Quelle: Lutz Roeßler

Nun will Kastner auch den nächsten Schritt gehen: Von August an wird er voll und ganz auf Plastik in seinem Markt verzichten. „Die meisten Kunden geben mir Recht und unterstützen mich“, sagt Kastner. Und auch andere Fachhändler aus seiner Branche seien überzeugt von seinem Weg. „Aber die meisten trauen sich noch nicht wegen der Kunden und der mächtigen Konzerne. Dabei haben wir nur gemeinsam Erfolg.“

Eine Tendenz ist erkennbar

Einwegflaschen seien bei vielen Kunden sehr beliebt, auch wenn eine Tendenz zu Mehrwegflaschen aus Glas erkennbar sei, sagt Martin Regolin von G.P. Getränkepartner in Reinfeld. „Der Kunde ist ein Gewohnheitsmensch und kauft das, was er kennt.“ sagt Regolin. Einige seiner Kunden tendieren schon zu Glasflaschen, viele verfallen jedoch der Gewohnheit und greifen zu Plastikflaschen.

Barbara Borchert, Marktleitern von Getränke Hoffmann in Lübeck, sieht das ähnlich. Sie kann sich nicht vorstellen, auf Plastik zu verzichten. „Ich muss kundenorientiert arbeiten“, erklärt Borchert. Mehrwegflaschen aus Glas stellen für sie eine Verletzungsgefahr dar, da sie schneller kaputt gehen können und schwerer sind. Sie geht davon aus, dass „Hans-Peter Kastner mit den Arbeitsplätzen seiner Mitarbeiter spielt.“ Das möchte sie nicht.

Getränkehändler Hans-Peter Kastner bald keine Einweg-Plastikflaschen mehr in seinem Sortiment führen. Quelle: Marijan Murat/dpa

Einen Unterschied im Geschmack zwischen den verschiedenen Flaschenarten können viele Kunden nicht feststellen. „Ich habe jedoch den Verdacht, dass die Weichmacher im Plastik in das Getränk übergehen“, sagt Kunde Gerd Vorreiter (67) aus Lübeck. Solange er noch Glasflaschen tragen kann, würde er das tun.

In Zukunft nur noch Glas?

Einweg-Plastikflaschen sind inzwischen das dominierende Material bei Getränken. Laut Deutscher Umwelthilfe haben sie einen Gesamtanteil von rund 52 Prozent. Pro Jahr werden 16,4 Milliarden Plastikflaschen verbraucht.Das sind stündlich 1,9 Millionen Einweg-Plastikflaschen oder fast 200 Einweg-Plastikflaschen pro Kopf und Jahr.

Der Branchenverband unterstützt die Entscheidung von Hans-Peter Kastner: „Das ist absolut nachvollziehbar“, sagt der Bundesvorsitzende des Deutschen Getränkefachgroßhandels (GFGH), Günther Guder. „Wir sehen schon seit drei bis vier Jahren eine steigende Tendenz beim Verbraucher, nach Glas-Mehrweg zu fragen.“

Martin Regolin sagt: „In dieser Jahreszeit ist es eh schwer etwas umzustellen, da die Leute noch mehr trinken als sonst.“

Lesen Sie auch:

Recyceln oder Bio: Gibt es gutes Plastik?

Eines ist „ungenügend“: So schneidet Sprudelwasser im Test ab

Alle Flaschenarten im Überblick

Mehrweg-Glasflaschen: Können bis zu 50 Mal wiederbefüllt werden. Laut Bundesumweltamt schneiden sie deswegen ökologisch sehr gut ab. Pfand: 8 oder 15 Cent.

Mehrweg-Plastikflaschen: Können bis zu 25 Mal wiederbefüllt werden. Sie sind leichter als Glasflaschen und lassen sich besser transportieren. Die Pfandsumme bei Mehrwegflaschen liegt meist bei 15 Cent.

Einweg-Plastikflaschen: Keine Wiederbefüllung möglich. Nach Angaben des bvse, dem Fachverband für Kunststoffrecycling werden nur knapp 30% der recycelten Flaschen zur Herstellung neuer Flaschen verwendet. Die Pfandsumme bei Einwegflaschen liegt bei 25 Cent.

Martin Oversohl/Jule Arista Runde

Die Geldparty geht auch mit Christine Lagarde an der EZB-Spitze weiter. Es wird gefeiert, bis es kracht.

07.07.2019

Die AOK Nordwest setzt nach eigenen Angaben ihre erfolgreiche Geschäftspolitik mit stabilen Finanzen und mehr Wachstum fort.

06.07.2019

Schleswig-Holstein macht Tempo beim Einsatz von Künstlicher Intelligent (KI). Die Landesregierung stellte am Freitag ihre Strategie vor. Lübeck ist mit mehreren Projekten dabei.

06.07.2019