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Wirtschaft im Norden Ferienwohnungs-Vermieter ist verunsichert und will nicht mehr investieren
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Ferienwohnungs-Vermieter ist verunsichert und will nicht mehr investieren
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07:04 22.02.2019
Jörg Kordes in einer seiner Ferienwohnungen.
Jörg Kordes in einer seiner Ferienwohnungen. Quelle: Agentur 54°
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Lübeck

So eine Ferienwohnung hätten viele Lübeck-Besucher gerne: zentral gelegen auf der Altstadt-Insel in einem Giebelhaus aus dem 15. Jahrhundert. Sehenswürdigkeiten und historische Gänge sind gleich um die Ecke. Und das für 40 Euro pro Tag. Die Wohnung bietet Eigentümer Jörg Kordes (56) im Internet an. Noch.

Als Vermieter bin ich verunsichert, wie es weitergeht“, erklärt Kordes. Der Grund: Die Ferienwohnungen in den Ganghäusern nebenan werden bald verboten. Laut Stadt, weil es sich um ein Wohngebiet handelt. Was aber heißt das nun für die Nachbarn? Kordes weiß es nicht. Die Folge für ihn und andere Vermieter: „Wir planen alle mehr oder weniger keine Investitionen in Lübeck mehr.“

Das Haus von Jörg Kordes in der Großen Altefähre beherbergt Ferienwohnungen. Quelle: Agentur 54°

Zehn Wohnungen in der Altstadt

Kordes hat das Altstadt-Haus an der Großen Altefähre mit zehn Wohnungen vor etwa 15 Jahren gekauft und modernisiert – früher war es ein Lagerhaus, erzählt er. „Ich habe rund 400 000 Euro investiert, plus Möbel.“ Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Es sind überwiegend kleine Appartements mit Küche und Duschbad entstanden, die mit antiken Möbeln geschmackvoll möbliert sind.

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Nicht nur Urlauber mieten sie, auch Handwerker, Geschäftsleute, Mieter mit Zeitverträgen. Kordes: „Aktuell wohnen bei mir zwei Dräger-Mitarbeiter aus dem Ausland, eine Lehrerin an der Musikhochschule und eine Krankenschwester.“ Alle sind für eine begrenzte Zeit in Lübeck. Kordes nennt das „mobiles Wohnen“.

Ungenutzter Wohnraum unter dem Dach

Ein Angebot zum Kauf und der Modernisierung eines weiteren Altstadthauses hat er wegen der unsicheren Lage abgelehnt, stattdessen habe er in Kühlungsborn investiert. „Es gibt ja in Lübeck keine Planungssicherheit.“ Er verwalte auch Ganghäuser und verfolge die aktuelle Diskussion der aktuellen Eigentümer, ob eine andere Nutzung in Frage komme oder ob es besser sei, lieber gleich zu verkaufen.

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Eine Rolle spiele auch die Schwerfälligkeit der Stadt bei Genehmigungen, sagt der Immobilienbesitzer, der über die Mieteinnahmen einen wesentlichen Teil seines Einkommens bezieht und den ein Verbot damit existenziell träfe. „Ich habe das Forsthaus Waldhusen gekauft und dann sieben bis acht Jahre auf eine Baugenehmigung gewartet.“

„Wenige Ferienwohnungen in Lübeck“

Ihn störe auch die Diskussion um die Nutzung der Häuser als Wohnraum. „In Lübeck haben wir 800 Dächer, die zu Wohnungen umgebaut werden könnten“, erklärt er. „Zum Beispiel für Studenten.“ Das habe er auch mit seinem eigenen Dach vorgehabt. „Geht aber nicht, wegen Denkmalschutz.“

In Lübeck gebe es insgesamt vergleichsweise wenig Ferienwohnungen, findet Kordes, im Verhältnis dazu aber mehr und mehr Hotelzimmer. Wer aber die Ferienwohnungen in der Altstadt schließe, müsse sich nicht wundern, wenn auch die Gastronomie verschwinde.

Zahl der Ferienwohnungen landesweit unklar

Stefan Scholtis, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Schleswig-Holstein, sieht bei der Anzahl der Lokale ebenfalls ein Problem. „Landesweit hat die Zahl der Betten im Land in den letzten Jahren zugenommen“, sagt er. Gastronomische Betriebe seien aber nicht in gleichem Maße entstanden, sondern vielerorts weniger geworden. Dies gelte nicht zuletzt im ländlichen Bereich. „Dort wird das zunehmend zum Problem.“

Zu wenig Ferienwohnungen gibt es im Land aber offenbar nicht. „Wir wissen gar nicht, wie viele wir haben“, stellt Catrin Homp, Sprecherin des Landes-Tourismusverbandes, fest. Ob und wie viele Ferienwohnungen notwendig seien, müsse jede Kommune „für sich strukturell analysieren.“

Und was sagen die Bewohner? Im idyllischen Lübecker Beckergang steht ein Anwohner in der Tür. Sonst ist nicht viel Leben, die meisten Häuser scheinen gerade unbewohnt. „40 Prozent der Häuser hier sind Ferienwohnungen“, sagt der Anwohner. Für ihn sei das „eigentlich eine Katastrophe“. Als er 1994 zugezogen sei, habe es noch eine nette Nachbarschaft gegeben. „Das ist jetzt vorbei.“ Die Nachbarschaftsstruktur sei „weg“. „Hier ist nicht mal mehr einer, der ein Paket für dich annimmt.“

Marcus Stöcklin