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Wirtschaft im Norden Handwerkspräsident will Ablösesummen für Azubis
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Handwerkspräsident will Ablösesummen für Azubis
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15:04 03.06.2019
Ein Auszubildender zeigt in einer Werkstatt das Gasschweißen. Lehrlinge sollen nach dem Willen des Handwerkspräsidenten nur noch gegen Entschädigung abgeworben werden dürfen. Quelle: Sebastian Kahnert/dpa
Lübeck/Berlin

Nach Vorstellung von Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer soll solches Abwerben möglichst nur gegen eine Entschädigung funktionieren, die der neue Arbeitgeber dem Ausbildungsbetrieb zahlt. „Unsere gut ausgebildeten jungen Leute werden abgeworben“, stellt Wollseifer fest. Er denke deshalb über eine Entschädigung für Ausbildungsbetriebe nach, die Azubis direkt nach der Lehre verlieren. Konkret könne man regeln, dass Auszubildende in den ersten Jahren nach ihrer Lehre nur dann den Betrieb wechseln dürfen, wenn der neue Arbeitgeber einen Teil der Ausbildungskosten übernehme, so der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH).

Experten im Norden zurückhaltend

Im Norden fällt das Echo auf die Berliner Vorschläge verhalten aus. „Das Problem existiert hier so noch nicht“, urteilt Can Özren von Lübecker Industrie- und Handelskammer (IHK). Habe ein Azubi die Ausbildung abgeschlossen, stehe es ihm frei zu wechseln, eine Entschädigungszahlung an den Ausbildungsbetrieb erübrige sich. „Der Ausbildungsbetrieb hat dann Pech gehabt. Das ist eben der Markt.“ Etwas anderes sei es, wenn Lehrlinge aus der Ausbildung „weggekauft“ würden. Auch Abwerbungen von Fachkräften gegen Prämie kämen vor. „Ich kenne das vor allem aus dem Pflege- und Gesundheitsbereich oder der Industrie.“ Verboten sei derlei nicht.

Arbeitsmarkt erlaubt Abwerbung

„Es gibt Abwerbevorgänge bei Fachkräften“, bestätigt Jan-Nikolas Sontag, Geschäftsführer des Landesverbandes des Kfz-Gewerbes in Kiel. Konkrete Fälle könne er aber nicht nennen. Verboten sei so etwas nicht: „Der Arbeitsmarkt ist ein Markt.“ In der Regel aber seien Ausbildungsbetriebe daran interessiert, die jungen Leute, in die sie investiert hätten, nach Abschluss der Lehre auch zu übernehmen. Wer den Lehrlingen gar Abwerbeprämien zahle, ähnlich wie im Fußball, tue damit zwar nichts Verbotenes. „Es ist aber nicht zu begrüßen, da es die angespannte Lage auf dem Fachkräftemarkt weiter verschärft.“

Den Vorschlag Wollseifers, die Ausbildungsbetriebe für die Abwerbung zu entschädigen, nennt Sontag „erstaunlich“. „Man kann doch niemand zwingen, irgendwo zu arbeiten und nicht zu wechseln.“ Dies sei auch rechtlich problematisch. Meist sei mehr Geld für Azubis gar nicht der Grund, aus dem sie für einen Wechsel offen seien. „Ein gutes Arbeitsklima und Zufriedenheit im Job sind die Faktoren, die zählen.“ Wo man sich wohl fühle, bleibe man in aller Regel.

„Man trifft sich immer zweimal“

Auch Michael Saß, wirtschaftspolitischer Referent der Handwerkskammer Lübeck, ist der Ansicht, dass das Abwerben von fertigen Azubis in der Region eher die Ausnahme sei. „In Einzelfällen mag es so was geben, das hängt man auch nicht an die große Glocke.“ Die Handwerksbetriebe wüssten, dass sie bei größeren Aufträgen immer wieder auch zusammen arbeiten müssten. „Man kennt sich – und man trifft sich immer zweimal.“

Hohe Kosten für die Ausbildung

Was ein Auszubildender seinen Arbeitgeber kostet, ist je nach Branche unterschiedlich. Insgesamt zahle der Betrieb aber immer drauf, sagte Wollseifer. „Die Ausbildung kostet im ersten und zweiten Jahr Geld – im ersten Jahr viel, im zweiten Jahr etwas weniger. Im dritten Lehrjahr kommt dann auch ein bisschen was rein.“

Nach der aktuellsten Kosten-Nutzen-Rechnung des Bundesinstituts für Berufsbildung (bibb) hat ein Betrieb pro Azubi jährliche Kosten von etwa 18 000 Euro – zugleich aber erwirtschaftet der Lehrling rund 12 500 Euro. Der Betrieb lässt sich einen passgenau ausgebildeten Mitarbeiter bei dreijähriger Ausbildung also mehr als 15 000 Euro kosten.

Mindestlohn für Azubis geplant

Einige Branchen müssen derzeit zudem damit rechnen, dass die Ausbildung noch teurer wird. Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) plant einen Azubi-Mindestlohn: Alle Auszubildenden sollen vom kommenden Jahr an im ersten Lehrjahr mindestens 515 Euro im Monat verdienen. Im zweiten und dritten Lehrjahr soll es noch mehr geben. Das Handwerk sei von diesen Regelungen besonders betroffen, sagte Wollseifer – „weil wir der stärkste Ausbilder sind“. 28 Prozent aller Lehrlinge in Deutschland lernten in Handwerksbetrieben.

Die meisten von ihnen verdienen schon jetzt mehr als den geplanten Mindestlohn – aber längst nicht alle. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bekamen Ende 2017 fast 65 000 Azubis weniger als 400 Euro im Monat, weitere 50 000 unter 500 Euro – zusammen mehr als sieben Prozent aller Auszubildenden. Vor allem ostdeutsche Betriebe müssten mit dem neuen Mindestlohn deutlich mehr in die Ausbildung investieren, zum Beispiel Metzgereien, wo Azubis nach bibb-Daten derzeit nur 310 Euro verdienen. Auch Raumausstatter- und Friseur-Lehrlinge im Osten sowie angehende Schornsteinfeger in ganz Deutschland werden vom geplanten Mindestlohn profitieren.

Marcus Stöcklin und Theresa Münch

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