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Wirtschaft im Norden Harvester hinterlassen Schneise der Verwüstung
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07:00 05.08.2019
Ein Bild aus dem Pansdorfer Forst: Der Bereich, in dem gearbeitet wurde, sieht chaotisch aus. Quelle: Curd Tönnemann
Kiel/Pansdorf

Gerade an heißen Tagen flüchtet man gern in den Schatten eines Waldes. Doch im Pansdorfer Forst erleben Spaziergänger derzeit eine böse Überraschung: umgepflügte Wege, tiefe Reifenfurchen, breite Schneisen mitten durch den Wald. Kein schöner Anblick! Es sind Schäden von riesigen Holzerntemaschinen.

Im späten Frühjahr waren in Pansdorf (Kreis Ostholstein) zur Holzernte sogenannte Harvester im Einsatz. Im Auftrag des Landes schaffte ein Unternehmen auf rabiate Weise Platz im Wald. Der Einsatz privater Unternehmen in schleswig-holsteinischem Landeswald ist seit 2012 von 62 auf heute 87 Prozent gestiegen. Im gleichen Zuge werden immer weniger Forstwirte beschäftigt. Das geht aus der aktuellen Antwort der Kieler Landesregierung auf Anfrage des SSW hervor.

Kritik an Industrialisierung des Waldes

Vom Naturschutzbund (Nabu) kommt Kritik an der Industrialisierung des Waldes: „Der Landeswald hat die Aufgabe, das Allgemeinwohl an erste Stelle zu setzen”, sagt der stellvertretende Landesvorsitzende Fritz Heydemann. Der Wald sei zuerst ein Erholungsraum für die Bürger und nicht ein Wirtschaftsfaktor. Den zunehmenden Einsatz von Großmaschinen in den Landeswäldern sieht Heydemann skeptisch.

Im älteren Laubholzbestand habe ein Harvester ohnehin nichts zu suchen. Und: „Nach Ende März – mit Beginn der Vegetationsphase – sollte im Laubholz gar nicht mehr eingeschlagen werden.” Im Pansdorfer Forst (auch Bussdorfer Heide genannt) wurde im Landesauftrag noch im April Holz geerntet. 2000 Festmeter sind geschlagen worden: Buche, Eiche, Fichte, Kiefer, Lärche und Birke. Eine „Durchforstungsmaßnahme” heißt es, wie sie zweimal im Jahrzehnt vorkomme.

Lübeck gilt als vorbildlich

Dass es anders geht, zeigt das Beispiel Lübeck. „Wir haben Harvester laut Holzeinschlagsverordnung seit 2010 verboten”, berichtet Knut Sturm, Bereichsleiter für den Lübecker Stadtwald. „Wir wollen, dass nur eigene, gut ausgebildete Leute Bäume schlagen.” Bei aller Personalnot.

Sauber aufgeschichtet liegt das geerntete Holz im Pansdorfer Forst. Quelle: Curd Tönnemann

Die anderswo von Privatunternehmen eingesetzten großen Holzerntemaschinen sieht Sturm mit großer Sorge. Harvester würden brachial Rückegassen in den Wald schlagen, teilweise im Abstand von nur 20 Metern – und erhebliche Schäden anrichten. Der Arm eines Harvesters brauche Platz, um ins Holz greifen zu können. Den Platz schaffe er sich. Die tonnenschweren Harvester verdichten zudem schonungslos die empfindlichen Waldböden. „Eine brutale Rationalisierung, die da läuft”, kritisiert Sturm. Zumal die beauftragten Unternehmer unter hohem Zeitdruck arbeiteten, um mit dem Einsatz der Maschine noch effizient zu sein. Im Lübecker Stadtwald genügen Rückegassen mit einen Abstand von rund 60 Metern. Das Modell des Lübecker Stadtwalds gilt als Vorbild für viele naturnahe Waldkonzepte weltweit.

Fehlende Kontrolle durch Naturschutzbehörden?

Der Wald in Deutschland sei gegen die Auswüchse der modernen, immer intensiver und „industriemäßig“ agierenden Forstwirtschaft nicht wirksam geschützt, kritisiert die Bundesbürgerinitiative Waldschutz. Bewirtschaftungsstandards seien zu lasch, Naturschutzbehörden kontrollierten nicht. Angesichts der „eklatanten Defizite” fordert der Verein „endlich eine schonungslose Bestandsaufnahme”.

Die zuständigen Schleswig-Holsteinischen Landesforsten (SHLF) verteidigen ihr Vorgehen. In den Jahren 2015 bis 2019 seien – mit marginalen Schwankungen – konstant je um die 200 000 Festmeter an Unternehmen vergeben worden. 2014 sei „ein Mehraufwand an Arbeitsunterstützung” aufgrund von Sturmschäden im Jahr 2013 entstanden. Die Holzernte in den Landesforsten erfolge nach strengen ökologischen Kriterien. Der Einsatz von Harvestern finde dort statt, wo die motormanuelle Holzernte „zu gefährlich für unsere Forstwirte oder zu aufwendig wäre“, teilt ein Sprecher mit.

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